Mauerfall-Jubiläum Berlin lässt die Puppen tanzen

Schlafende Riesen, Dutzende Liliputaner, alles wie in "Gullivers Reisen": Zum Mauerfall-Jubiläum macht die französische Straßenkunst-Gruppe Royal de Luxe Berlin zur Puppenstube - mit gigantischen Marionetten, aus Schrott zusammenmontiert.

Albrecht Grüß

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Man muss sich Jean-Luc Courcoult vorstellen als eine Mischung aus Zirkusclown und Elton John: mit quietschgelbem Hemd und altrosa Jackett, mit Papageien-Schuhen und einer viereckigen Brille, in deren überbreitem Gestell orangefarbene Gläser stecken. Ein Bilderbuch-Künstler, rundlich und schrill.

Courcoult, 55, ist der kreative Kopf der französischen Kultkompagnie Royal de Luxe, den Daniel Düsentriebs des zeitgenössischen Straßentheaters, die aus Schrott wahre Konstruktionswunder entwickeln. Inspiriert von Jonathan Swifts Klassiker "Gullivers Reisen", katapultieren sie das altbekannt-drollige Marionettentheater in eine neue Dimension, arbeiten mit Hightech-Puppen, die in keine Kiste passen, mehrere Meter hoch und tonnenschwer - absoluten Giganten, die ganze Städte zur Bühne machen.

Erstmals zeigt die Truppe solch eine Riesengeschichte nun in Deutschland: vom 1. bis 4. Oktober in Berlin, als zentrales Kulturereignis zum Jubiläum des Mauerfalls. Rund 1,6 Millionen Euro kostet das Spektakel. Die Veranstalter von Spielzeit Europa, einem Theaterfestival der Berliner Festspiele, erwarten eine Million Zuschauer. Berlin, ein Puppenheim.

Es ist Theater für alle, jenseits von Bildung und Verdienst, eine Renaissance des Volkstheaters, denn die Franzosen um Courcoult erinnern an die Wandertruppen der Commedia dell'Arte ebenso wie an die Gaukler des Mittelalters, nur dass sie nicht von Dorf zu Dorf ziehen, von Kleinstadt zu Kleinstadt, sondern von Metropole zu Metropole: Im Juni dieses Jahres ließen sie in Nantes die Puppen tanzen, 2007 in Santiago de Chile und 2006 in London. Dort fuhr eine der Mega-Marionetten in einem Doppeldecker-Bus umher, Kinder schaukelten auf ihren Armen, ein künstlicher Elefant spritzte Wasser in die Massen. Allein die Clips auf YouTube (siehe Video) sind eine Show. Sie zeigen, welch Riesenrad die Truppe dreht.

Nach Berlin bringt "Royal de Luxe" zwei gigantische Gliederpuppen mit: den Großen Riesen, neuneinhalb Meter hoch und zweieinhalb Tonnen schwer, der einen Taucheranzug aus LKW-Planen trägt und von 31 rotlivrierten Helfern, Liliputaner genannt, über Seilwinden durch Stadt und Fluss gezurrt werden wird. Zudem die Kleine Riesin, fünfeinhalb Meter hoch und 800 Kilo schwer, die nicht nur läuft, sondern auch Motorroller und Boot fährt; an ihren Strippen ziehen 22 Liliputaner.

"Es ist eine Familiengeschichte, nichts Politisches", sagt Regie-Clown Courcoult bei der Pressekonferenz auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof, wo er sich mit skurriler Egoshow und kryptischen Antworten darum drückt, allzu viel vorab zu verraten. Und so ist seine Ankündigung auch allenfalls die halbe Wahrheit. Royal de Luxe erzählen ein Märchen vom Wiederfinden nach langer Trennung, für das sie sich folgende Vorgeschichte ausgedacht haben: Ungeheuer haben die Stadt in zwei Teile zerrissen und einen Teil eingemauert; der Große Riese sitzt im Westen fest, die Kleine Riesin im Osten. Am Meeresgrund schleppt der Große Riese den schlafenden Geysir unter die Mauer und weckt ihn, so dass der Grenzwall einstürzt. Mit Riesenschritten nähert sich nun das Wiedersehen, und es ist dieser Zieleinlauf, den Royal de Luxe in Szene setzt.

Geheimniskrämerei ist oberstes Gebot

Er erzähle Geschichten, die Träume in den Menschen wecken, hat Courcoult einmal gesagt. Sein Prinzip heißt daher perfekte Illusion, sein oberstes Gebot Geheimniskrämerei. Es ist nicht nur so, dass der Meister bei der Pressekonferenz mit vielen Worten fast nichts sagt, nein, sein Team werkelt so streng abgeschirmt ein Stockwerk tiefer im Flughafen-Hangar 4, als ginge es um eine Hightech-Innovation für Airbus oder Boeing. Aufs Rollfeld wagen sie sich nur, wenn kein Besucher einen Blick auf die halb montierten Figuren erhaschen kann. Bilder der Vorbereitungen darf nur ein offizieller Fotograf machen, und bevor er sie an die Medien rausgibt, kontrolliert die Gruppe jedes einzelne. Schreibende Journalisten dürfen gar nicht zu den Vorbereitungen, und wenn doch, dann ist es ein ewiges Hickhack bis zu dieser Ausnahme. Die Angst: Zu viele Infos könnten den Riesen ihren Zauber rauben.

In Hangar 4, einer ehemaligen Wartungshalle mit Fabrikgeruch und schmuddeligem Boden, liegen die Hauptfiguren des Theatermärchens enthauptet: der Kopf der Kleinen Riesin in einem rostigen Käfig, verhüllt mit einem schwarzen Lappen, einem Kartoffelsack zwischen Nase und Metallstangen, das Kinn auf Kissen gestützt; der Kopf des Großen Riesen aufgebahrt auf einer Palette, mit Schaumstoff und Pappe zwischen den Zahnreihen, hohl hinter dem Haarschopf, denn dort muss Platz sein für die Modellfliegermotoren, über die sich seine Augen ferngesteuert bewegen lassen.

Zwei Arbeiter zerren mit einem Stapler den Ziehharmonika-Hals des Großen Riesen lang, schrauben ihn dann auf seine unverkleideten Eingeweide: einen Schaltkasten, groß wie ein Kippenautomat, drumherum armdicke Kabelstränge. Ein anderer Arbeiter schrubbt den Schimmel vom Tauchergürtel des Großen Riesen. Er hat sich gebildet während die Requisiten nach dem Auftritt in Nantes monatelang eingemottet waren. Viele Holzkisten sind noch gar nicht ausgepackt, sie tragen Beschriftungen wie "Lunettes" (Brille), "Couette" (Zopf) und "Avant-Bras" (Vorderarm). Es sind Zauberkästen in einer Werkstatt-Wunderkammer.

Spektakulärer Schrott, der mit den Augen klimpert

Auf dem Rollfeld schweißen die Franzosen an absurd-altmodischen Fahrzeugen, die den vorwiegend von Menschenhand bewegten Marionetten den letzten Schub geben sollen: für den Großen Riesen ein rostzerfressener Schaufelbagger, 18 Jahre alt, um einen Kranarm ergänzt und mit Schnüren behangen; für die Kleine Riesin ein Feldhäcksler, ursprünglich eingesetzt zur Maisernte, jetzt ebenfalls mit allerlei Aufbauten zurechtgeflickt.

Kaum vorstellbar, dass aus diesem Schrott ein Spektakel entstehen soll, ein Theatertraum. Aber die Idee der Gruppe heißt Improvisation: Aus einfachen Zutaten etwas Besonderes machen.

"Royale de Luxe" ist bekannt dafür, dass ihre Mega-Marionetten beinahe menschlich erscheinen: weil sie naturgetreu laufen, mit den Augen klimpern, die Brust beim Atmen aufblähen. "Die Menschen werden die Riesen sogar lachen und weinen sehen, auch wenn sie technisch gar nicht lachen und weinen können", verspricht der Konstrukteur Matthieu Bony, mit Backenbart und Totenkopfring so etwas wie ein Gegenbild zum Regie-Papageien Courcoult, während der Vorbereitungen im schmuddeligen Hangar 4.

Wenn die Riesen erst einmal zusammengebaut seien, sagt er, wenn die sogenannten Liliputaner sie erst einmal bewegten, dann seien sie mehr als die Summe ihrer Teile: lebendige Wesen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Bas 28.09.2009
1. Zu teuer.
---Zitat--- Rund 1,6 Millionen Euro kostet das Spektakel. Die Veranstalter von Spielzeit Europa, einem Theaterfestival der Berliner Festspiele, erwarten eine Million Zuschauer. Berlin, ein Puppenheim. ---Zitatende--- Das ist zwar nett anzuschauen, kostet aber zuviel. Das Geld würde man besser in andere bleibende Kulturprojekte investieren.
Sergeij, 28.09.2009
2. Ich find's gut ...
Zitat von BasDas ist zwar nett anzuschauen, kostet aber zuviel. Das Geld würde man besser in andere bleibende Kulturprojekte investieren.
... und werde es mir anschauen. Habe schließlich auch die Steuern dafür gezahlt... cu/ Sergeij
Dr.Gnaa 28.09.2009
3. Einfach faszinierend ....
Zitat von sysopSchlafende Riesen, Dutzende Liliputaner, alles wie in "Gullivers Reisen": Zum Mauerfall-Jubiläum macht die französische Straßenkunst-Gruppe Royal de Luxe Berlin zur Puppenstube - mit gigantischen Marionetten, aus Schrott zusammenmontiert. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,651765,00.html
... toll. Schade das ich mir das nicht mit meinen Kindern in Berlin ansehen kann. Einfach grandios. Atemberaubend. Hier glaubt noch jemand an die unbegrenzte Kreativität des Menschen. Etwas das wir derzeit weder im politischen noch wirtschaftlichen Bereich sehen können. Ich habe meinen Houdini gelesen! Dr. Gnaa
het, 28.09.2009
4. Bund
Zitat von Sergeij... und werde es mir anschauen. Habe schließlich auch die Steuern dafür gezahlt... cu/ Sergeij
Berliner Festspiele/Spielzeit Europa finanziert der Bund. Ist das die Adresse fuer ihre Steuern?
tobiasberlin 29.09.2009
5. Jammern auf ohem Niveau
Zitat von BasDas ist zwar nett anzuschauen, kostet aber zuviel. Das Geld würde man besser in andere bleibende Kulturprojekte investieren.
war ja klar, dass irgendwann auch die - tatsächlich auf den ersten Blick hohen - Kosten bemäkelt werden würden. Kleine Gegenrechnung: Bei erwarteten 1 Million Zuschauern kostet das Spektakel pro Besucher 1,60 E. dafür bekommt man in Berlin noch nicht mal ne Curry-Wurst. Jeder Opern-Besucher wird - vom Steuerzahler - mit dem 100fachen subventioniert. Was auch gut so ist, aber man bedenke, wer in die Oper geht - und wer nicht. Dieses wundervolle und einzigartige Spektakel wird die Stadt 3 Tage lang verzaubern, hinterher wird niemand mehr nach den Kosten fragen. Zudem sind zahlungswillige Sponsoren, die sich angenehm zurückhalten, mit im Boot.
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