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07. November 2014, 18:45 Uhr

S.P.O.N. - Der Kritiker

Profis in Sachen Politikvermeidung

Eine Kolumne von

Das Gedenken an den Mauerfall ist keine RTL-Gala mit bunten Luftballons - doch genau so geht Berlin damit um. Da hilft auch der Auftritt von Wolf Biermann im Parlament nicht weiter.

Die Mitte von Berlin ist ja weitgehend von Politik befreit, das Zentrum des Landes verödet in Sprachlosigkeit, Konfliktlosigkeit, eben Politiklosigkeit, und an diesem Wochenende, wenn das größte politische Ereignis mindestens einer Generation gefeiert werden soll, wird das mal wieder besonders deutlich.

Da war zum Beispiel im Bundestag der Auftritt von Wolf Biermann, der tatsächlich ein wenig putzig wirkte wie ein Schaffner der Lummerlandbahn und trotzdem seinen Job machte - den Krawattenträgern links wie rechts zu zeigen, wie das geht: reden, denken, lustig und politisch zugleich sein, selbst wenn man ordentlich daneben liegt und die Linke mit Drachenblut bespritzt.

Es war einerseits eine Teddy-Version dessen, was Biermann früher gemacht hat - aber die Fassungslosigkeit auf der Linken wie auch die Ratlosigkeit des Rests und besonders die verdruckste Miene von Angela Merkel zeigten: Es ist die bittere Ironie der deutschen Politik, dass sie jemanden wie Biermann einladen und es dann im Grunde kaum aushalten.

Sie wollen nicht gestört werden in ihren Ritualen - zu diesen Ritualen gehört aber, dass sie so tun, als würden sie gern gestört: Ein Catch-22 der Berliner Politik, der zum Mauerfall-Jubeltag zu einem echten Problem wird.

Denn wie soll man diesem Ereignis entgehen, das man feiern muss, aber eigentlich nicht will: Reicht es nicht, wenn in der ARD um viertel nach acht ein Film über die Bornholmer Straße läuft und sich der Schauspieler Charly Hübner dann mit dem echten Grenzschützer für die "Bild"-Zeitung fotografieren lässt?

Ereignisse sind einerseits der Stoff, aus dem Politik ist, andererseits sind sie unberechenbar - jedes Ereignis, das wissen die Politikvermeidungsprofis vom Reichstag, kann ja so oder so ausgehen, wie will man das kontrollieren im Gedenkkartell.

Europas militärisch aufgerüstete Zäune

Es könnte zum Beispiel jemand auf die Idee kommen, Bilder zu vergleichen: Die Bilder etwa, die da vor dem Brandenburger Tor gezeigt werden - von Menschen, die über Felder hetzen im Sommer 1989, von Menschen, die Zäune durchschneiden im Sommer 1989, von Menschen, die die Freiheit suchen im Sommer 1989. Man könnte sie mit den Bildern vergleichen, die im Herbst 2014 zu sehen sind von Menschen, die an den neuen Grenzen Europas an militärisch aufgerüsteten Zäunen sterben.

Und wenn etwas passiert wie diese Woche, als die Gedenkkreuze für die Mauertoten an die Außengrenzen der EU gebracht wurden, wenn also das Ereignis, das am 9. November 2014 gefeiert werden soll, mit politischem Sinn gefüllt wird - dann ist das mindestens "widerlich", wie die Berliner CDU fand, und der Staatsschutz ermittelt.

Biermann hatte schon recht, als ihn Bundestagspräsident Norbert Lammert nicht reden lassen wollte und Biermann sich ein wenig an die DDR erinnert fühlte - sie halten es in Berlin ja schon für Politik und für ausreichend, wenn sie die Mauer mit lauter hell erleuchteten Ballons nachstellen lassen, die sie mit einer Mischung aus Helium und heißer Luft von Joachim Gauck füllen und mit ein paar guten Wünschen in den Himmel schicken, als sei der Mauerfall eine RTL-Gala und die Gegenwart ein Kindergeburtstag.

Das absolut Hirnrissige dieser Metaphorik - eine Mauer, die nicht mehr steht, wieder aufzubauen aus lauter Dingern, die aussehen wie kastrierte Wärmepilze - zeigt nur, dass Amnesie das ersetzt hat, was früher immer pompös "Geschichtsbewusstsein" hieß, nur echt mit dem Kohl'schen Sprachfehler, also "Gechichtsbewusstsein".

Der Kapitalismus ist das Problem, nicht der Sozialismus

Angela Merkel zum Beispiel war durch Biermanns Auftritt in ihr ganz eigenes Nirwana geworfen, sie wusste gar nicht, ob sie weinen oder lachen sollte, sie stand dann reflexhaft auf, als Sigmar Gabriel zu Biermann ging und ihm gratulierte, und folgte wie ferngesteuert, stand kurz daneben und driftete dann wieder weg, lost in transnation, irgendwo zwischen der DDR und dem neuen Deutschland verloren gegangen.

Das wäre an sich schon eine würdige Performance gewesen, wie sie sich Christoph Schlingensief hätte ausdenken können, von dem der immer noch gültige Wiedervereinigungsfilm "Das deutsche Kettensägenmassaker" stammt und der über die neuen ostdeutschen Mitbürger sagte: "Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst".

Joachim Gauck muss man das nicht erklären - er war in den Tagen vor dem Mauerfalljubiläum mit einer ähnlichen Logik unterwegs, als er gegen die Linke austeilte, so als ob 25 Jahre nach dem Untergang der DDR nicht aktuell der Kapitalismus das Problem sei, sondern immer noch der Sozialismus.

Gauck und Biermann also, zwei Teddys auf Geschichtsausflug. Der Pariser Platz, die Puppenstube der Republik, ist schon abgesperrt, die weißen Zelte warten, sicher gibt es Rotkäppchen-Sekt und kleine Häppchen am Sonntag.

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