Aktion zum Mauerfalljubiläum Knackt die Festung Europa!

Wer hat die Gedenkkreuze geklaut? Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wurden die Mahnmale für die Mauertoten an der Spree geklaut und sollen an den scharf bewachten Grenzen Europas neu angebracht werden - für die Opfer unserer Asylpolitik.

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Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit

Die Toten sind weg. Jahrelang standen sie unbeachtet an der Spree, strahlend weiße Kreuze im Niemandsland der Erinnerung, direkt neben dem Reichstag mitten in Berlin, aber doch sehr weit weg und tief in der deutschen Geschichte.

Philipp Held etwa, gestorben wohl am 11. April 1962, erst am 22. April 1962 wurde er tot aus der Spree geborgen. Einer der Mauertoten, die gerade zum Jubiläum des Mauerfalls am 9. November ein paar Fragen an die Gegenwart stellen: Was bedeuten diese Toten? Was verlangen diese Toten?

Sie sind Mahnung, sie sind Auftrag, sie rühren an den moralischen Kern unserer Zeit - das ist die Antwort der Kunst auf diese Frage, die die Politik, so scheint es, gern vermeiden würde.

Denn was bedeutet das - der Mauerfall und seine Feier: Wenn eine neue Mauer Europa umgibt, wenn an den Zäunen, Sicherheitsanlagen, Barrikaden, mit denen der Kontinent sich vor den Flüchtlingen der Welt schützen will, wieder Menschen sterben und die Werte vernichtet werden, für die Europa, für die der Fall der Berliner Mauer eigentlich steht?

Aus dieser Frage, aus dieser Empörung heraus ist die spektakuläre Aktion entstanden, die beides zusammenbringen soll: Das deutsche Gedenken an die Mauer, das angesichts vieler halbgarer Veranstaltungen an Gedankenlosigkeit grenzt - und die Realität etwa des Flüchtlings-Hotspots Melilla, wo sich Nacht für Nacht Hunderte von Afrikanern voller Verzweiflung auf das Ungetüm aus Stacheldraht werfen, das zwischen ihnen und ihrer Hoffnung steht.

Weitere Mauertote verhindern

"Die humanistischen Werte Europas müssen heute an den EU-Außengrenzen verteidigt werden", sagt Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit, ein Kunst-Kollektiv, das die Rolle der Kunst selbstbewusst als "fünfte Gewalt im Staat" bezeichnet - was er meint: Auch diese Mauer muss weg!

"25 Jahre nach dem Fall der Mauer wird Europa militärisch abgeriegelt", sagt Ruchs Kollegin Cesy Leonard. "Während in Berlin Ballons in die Luft steigen und die üblichen nostalgischen Reden gehalten werden, bringt die deutsche Zivilgesellschaft in einem Akt politischer Schönheit die europäischen Außenmauern zu Fall."

Denn das ist der Plan: Die Kreuze der Mauertoten, die in Berlin abmontiert wurden, verschwunden, "geflüchtet", wie Ruch sagt - das ist nur der Anfang. Sie tauchen wieder auf, am Rand Europas, an den Sperranlagen in Bulgarien oder in Griechenland, in den Händen der Verzweifelten von Melilla, mögliche, wahrscheinliche zukünftige Tote, was wir, sagt Ruch, verhindern können. Verhindern müssen.

"Erster Europäischer Mauerfall"

Ruch und seine Kollegen haben die Kreuze dorthin gebracht, sie wollen Bilder schaffen gegen das Verdrängen, sie wollen aber auch Taten - deshalb starten sie an diesem Montag die Aktion für den "Ersten Europäischen Mauerfall", ein Crowdfunding für eine Bustour, die am Freitag, den 7. November in Berlin beginnt und am 9. November an einem geheimen Ort in Bulgarien endet mit dem Ziel, einen Teil der europäischen Festung zu knacken.

Auf der Webseite des Projekts sind schon mal die nötigen Ausrüstungsgegenstände zu sehen: Bolzenschneider, Metallsäge, Fernglas, eine Folie gegen die Wärmebildkameras der Sicherheitsbehörden - paramilitärisches Künstlertum gegen paramilitärische Politik.

Jeder Teilnehmer darf dann, falls es gelingt, ein Stück vom Zaun der Schande mitnehmen, der in Bulgarien erst ein paar Monate alt ist und, so heißt es im New Speak von Frontex und Co, dem "Containment" dient, also der Eindämmung. In Griechenland ist der Zaun schon ein paar Jahre alt und rostet und heißt, eher klassisch: "das Schild".

Während also an der Spree mit der schwülstigen Aktion "Lichtgrenze", bei der erleuchtete Heliumballons die Mauer symbolisieren sollen - Kosten: mehr als eine Million Euro -, das politische Fanal des Mauerfalls komplett entpolitisiert wird, lenkt das Zentrum für politische Schönheit die Aufmerksamkeit auf das, was die Lehre, die Botschaft, die Verpflichtung auch sein könnte von 25 Jahre Mauerfall.

"Gedenken wir nicht der Vergangenheit", sagt Philipp Ruch zu der Aktion, die das Festival Voicing Resistance des Gorki Theaters Berlin eröffnet, "gedenken wir der Gegenwart."

Die Berliner Polizei war schnell: Sie ermittelt schon wegen "besonders schwerem Diebstahl".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
Bembel137 03.11.2014
1. Bei allem Verständnis, ...
... welches ich möglicherweise für die Situation von Flüchtlingen aufbringe, ist es ja wohl ein massiver Unterschied, ob ich den Zuzug von Flüchtlingen regele oder ob ich mit der Mauer Leute nicht aus einem Land lasse und quasi den offenen Vollzug für ein ganzes Land verhänge. Ich denke nicht, dass man mit der Aktion der Sache der Flüchtlinge gerecht wird oder Ihnen einen Gefallen tut.
knapi 03.11.2014
2. mißverständnis
irgend wie muß da jemand nach 25 jahren etwa falsch verstanden haben. die getöten an der grenze wollten raus aus der ddr, nicht hinein. um von sozialistischen wohltaten zu leben
Phienchen 03.11.2014
3. Eine Verunglimpfung der Toten!
Ich wüsste nicht, dass an Europas Grenzen ein Schiessbefehl gilt! Tote hat es meines wissens bisher nur auf grund von mehr als waghalsigen Aktionen gegeben. Auch wenn da sicher einiges schief hängt in der Zuwanderungspolitik, kann man wohl kaum einfach mal alle reinwinken. Ich finde es jedenfalls mehr als Übel, dass ein Teil der Geschichte hier missbraucht wird und mit Ihnen gleich die, welche daran gestorben sind.
Donald Knapp 03.11.2014
4. Es ist einfach nur widerlich was ich da lesen...
...muss. Diese Mauertoten stehen für etwas ganz anderes und niemand konnte sie fragen ob sie sich für diese Propaganda missbrauchen lassen wollten. Ich glaube die Flüchtlinge von heute tun sich keinen Gefallen sich von Linken Gruppen instrumentalisieren zu lassen. Natürlich muss Flüchtlingen ein menschliches Dasein gewährleistet werden, sie haben oft grausames erlebt. Aber ich glaube nicht das sie verstehen was man mit ihnen gerade macht. Sie werden gerade aufs neue missbraucht.
ofelas 03.11.2014
5. Mittel zum Zweck
Weltweit 16 Millione Fluechtlinge in 2013 200 000 nach Deutschland, dazu verglichen eine kleine Zahl... Die zu uns finden haben zumeist eine soziale Position und die Mittel x tausend Euro fuer Schlepper auszugeben, damit sind diese oft die Mittelschicht in ihren Laender und nicht die aermsten Glaubt man wirklich das wir mehrere Millionen aufnehmen, integrieren, und fuer diese bezahlen koennen? Glaubt man wirklich das Millionen von Menschen mit einer Ausbildung die zum groessten Teil bei uns nicht nachgefragt wird bei uns in die geregelte Arbeit finden, das diese Leute dann Mittelfristig bei uns "zufriedene" und gut integrierte Mitbuerger werden. Das diese zumeist jungen Maenner eine Familie aufbauen koennen. Das wir diesen Personenkreis nicht derren Lebenlang alimentieren muessen! Pro Person sind Kosten von 1500 Euro anzusetzen, Integratiosnkosten von 40000 Euro Ist das Geld nicht besser eingesetzt wenn man vor Ort aushilft. 1500 Euro kann in Afrika oder sonstwo erheblich mehr bewirken als bei uns Ja, wir muessen unsere Politik aendern, die Konflikte weltweit eindaemmen (Syrien!, Libyien etc) Die EU muss ihre Agrarpolitik aendern, etc etc etc. und das mit hohen Kosten fuer die Gesellschaft. Ja, politisch Verfolgte erhalten Asyl. Ja, wir haben eine Pflicht Fleuchtlinge zu helfen, Aufbauhilfe zu leisten, fuer fairen Wettbewerb zu sorgen - wir koennen nicht aber einfach ein gutes Gewissen schaffen in dem wir die wenigen die es zu uns schaffen helfen " die sehe ich die anderen nicht" Wir koennen aber nicht hundertausende in die Sozialsysteme aufnehmen, wir koennen nicht hundertausende Jobs fuer finden, Wohnungen und Infrastruktur finanzieren, und frustrierte junge Maenner integrieren! Kurz oder Mittelfristig fuehren diese Zahlen zu einem sozialen Sprengstoff der in radikalitaet muendet
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