Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Leichenhaus-Fotograf Merz: "Kurios - der Tote lächelte"

Fotos aus dem Leichenhaus: Die Gebrüder Tod Fotos
Max Merz

Zwei Brüder haben dasselbe Hobby und denselben Job: Sie hören Death Metal und sie präparieren Leichen. Der Deutsche Max Merz fotografierte die beiden litauischen Männer bei ihrer Arbeit mit den Toten. Im Interview verrät er, warum Alkohol dabei hilft - und er diese Bilder einfach machen musste.

SPIEGEL ONLINE: Herr Merz, wie kommt man eigentlich auf die Idee, zwei Bestatter bei der Arbeit zu fotografieren? Noch dazu in Vilnius?

Merz: Ein Freund von mir lebt dort. Ich wollte ihn besuchen und habe ihn gefragt, ob es in seiner Heimatstadt etwas Gutes zu fotografieren gebe.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie ins Leichenhaus gefahren?

Merz: Mein Kumpel kennt zwei Brüder, die in Heavy-Metal-Bands spielen und Leichen herrichten, damit die Angehörigen Abschied nehmen können. Da dachte ich: gute Geschichte. Was für ein Klischee. Ich wollte wissen, wie sie ihr Hobby, Death Metal, mit ihrer Arbeit im Leichenhaus verbinden. Also bat ich den Chef der beiden um Erlaubnis, musste ihm aber versprechen, keine Gesichter der Toten zu fotografieren. Dann gab er mir zwei Stunden Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Fotos sind nackte Leichen in Plastiksäcken zu sehen, auf denen sich Narben von Hals bis Becken ziehen. Und Tote, die auf silberglänzenden Tischen geschminkt werden. Hatten Sie Angst vor dem Shooting?

Merz: Ich hatte zuvor noch nie eine Leiche gesehen. Angst hatte ich nicht, eher Respekt. Aber ich wusste, dass ich mich immer hinter der Kamera verstecken könnte, wenn es zu hart für mich werden würde. Hinter dem Objektiv sehe ich dann keine toten Menschen mehr, sondern nur noch Gestaltungsmerkmale, zum Beispiel Linien.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war es dann?

Merz: Der erste Moment im Leichenhaus war für mich der spannendste. Der jüngere Bruder, Nerijus, kam mit einem schwarzen Plastiksack auf einer Bahre an. Hoffentlich ist es kein Kind, dachte ich.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Merz: Es war eine alte Frau. Die Jungs haben dann den Sack geöffnet und ich dachte, jetzt musst du funktionieren, du hast nur wenig Zeit. Also habe ich mich an die Arbeit gemacht. Ich wollte fotografieren, wie die Brüder präparieren. Schritt für Schritt. Wie werden die Leichen dorthin gebracht, wie werden sie gelagert, was macht man mit ihnen?

SPIEGEL ONLINE: Und was haben die Brüder mit der Leiche gemacht, die Sie gesehen haben?

Merz: Als Erstes haben sie eine Flüssigkeit in den Bauch gespritzt, um den Körper zu konservieren. Das war ganz schön eklig, weil die Pumpen sehr groß waren und die Brüder sehr grob damit umgingen. Dann haben sie die Körperöffnung mit Zeitung und Papier verschlossen. Schließlich wuschen sie die Leiche, zogen sie wieder an und schminkten sie.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen dabei nicht schlecht geworden?

Merz: Mir war nur ein bisschen flau im Magen. Ich konnte mit der Kamera ganz dicht herangehen, weil ich mich nur auf die Arbeit konzentriert habe. Wichtig war mir aber, nichts zu berühren. Das hätte ich nicht gekonnt.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie denn überhaupt mit Ihren Bildern bewirken?

Merz: Ich wollte zeigen, wie die Jungs ihre Arbeit machen. Viele wissen ja gar nicht, wie das abläuft. Moralisch ist es vielleicht nicht unbedingt vertretbar, Leichen zu fotografieren. Für mich gab es aber kein Zurück mehr. Ich konnte mich nicht mehr dagegen wehren, all diese Fotos zu machen. Ich dachte: Drück jetzt einfach ab.

SPIEGEL ONLINE: Und die Brüder?

Merz: Die haben mir alles gezeigt, was ich sehen wollte. Abends war ich mit meinem Kumpel und den beiden noch in einer rustikalen Bar Bier trinken. Danach sind wir auf ein Metal-Konzert gegangen. Da haben die Brüder ausgelassen getanzt und sind auch mal auf die Bühne geklettert, um etwas ins Mikro zu schreien.

SPIEGEL ONLINE: Die Jungs sind also eher wild?

Merz: Das sind zwei herzliche, liebe, einfache Menschen, gestandene Männer. Sie sind lebenslustig, frohe Zeitgenossen. Sie haben keine großen Träume. Außer ihre Musik. Die beiden sind dankbar, dass sie diesen Job haben. Deswegen sind sie auch sehr engagiert und geben sich Mühe, die Leichen herzurichten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die beiden zu ihrem Job gekommen?

Merz: Der Ältere der beiden, Remigijus, hatte sich einfach beim Chef vorgestellt, weil er eine Arbeit brauchte. Sein Boss merkte schnell, dass Remigijus keinerlei Berührungsängste mit den Toten hatte. Also durfte er bleiben. Der jüngere Bruder, Nerijus, fing zwei, drei Jahre später auch dort an. Am nächsten Tag haben sie mich noch einmal mitgenommen. Dieses Mal war der Chef nicht mit dabei und ich hatte mehr Zeit. Dann habe ich die richtig schlimmen Sachen gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Merz: Mordopfer und Selbstmörder. Ein Mann hatte sich erhängt, den Strick hatte er noch um den Hals geschnürt. Niemand hat ihn abgenommen, so tief hatte er sich ins Fleisch gegraben. Aber das Kuriose war: Der Mann lächelte. Er schien erleichtert zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ging Ihnen denn bei diesem Anblick durch den Kopf?

Merz: Was treibt einen Menschen dazu, sich so etwas anzutun? Was hatte der wohl für ein Leben? Ich konnte leider nicht nachfragen - Remigijus und Nerijus sprechen nur sehr wenig Englisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Brüder nach so einer durchzechten Nacht arbeiten können?

Merz: Die waren sehr professionell. Nur beim Aufräumen ist einer gegen den Mülleimer getreten. Der fiel dann um, und es kullerte sehr langsam und sehr laut eine Wodkaflasche über den Boden. Mir kam das wie eine Ewigkeit vor. Doch die Brüder haben einfach laut darüber gelacht. Und dann war es auch gut. Ich kann verstehen, dass man bei so einer Arbeit trinkt. Irgendwie muss man ja Abstand gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nach dem Shooting Albträume?

Merz: Nein. Ich musste zwar noch manchmal an die harten Fälle denken. Aber ich würde immer wieder solche Fotos machen. So teste ich meine Grenzen aus. Ich mag das Morbide.

Das Interview führte Kristin Haug

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lächerlich!
sincere 10.05.2013
"Hinter dem Objektiv sehe ich dann keine toten Menschen mehr, sondern nur noch Gestaltungsmerkmale, zum Beispiel Linien." Das ist bei weitem die lächerlichste Antwort die ich von einem Fotografen gehört habe, um sein "Künstlerdasein" zu rechtfertigen oder gar zu erklären.
2. Reinster Voyeurismus
diefetteberta 10.05.2013
Gebe meinem Vorredner absolut recht, das ist der reinste Voyeurismus mit einer peinlichen und dümmlichen Begründung.
3.
Zeitwesen 10.05.2013
Zitat von sincere"Hinter dem Objektiv sehe ich dann keine toten Menschen mehr, sondern nur noch Gestaltungsmerkmale, zum Beispiel Linien." Das ist bei weitem die lächerlichste Antwort die ich von einem Fotografen gehört habe, um sein "Künstlerdasein" zu rechtfertigen oder gar zu erklären.
Wieso ist die Antwort für sie lächerlich? Der Fotograf wollte mit dieser Antwort nicht sein Künstlerdasein rechtfertigen, wie sie es ihm unterstellen, sondern hat im Kontext erläutert inwieweit er sich durch die visuelle abstrahierung der Leichen, von diesen distanzieren konnte
4. Schade!
mwinter 10.05.2013
Schade nur, dass man in der Kunst - wie überall sonst - nur noch mit purer Sensation und Provokation, selbst jenseits des guten Geschmacks, punkten kann und die Medien dies auch noch bewusst fördern. Dieser Fehler liegt aber, wie so viele, bereits im System...
5. They don´t walk
martinita007 10.05.2013
Eklig, flau sein, nicht berühren können.... was soll das? Traurig, daß ein Leichnam so zum Horrorobjekt wird. Der Tod gehört zum Leben, bitte um Entschuldigung für diese Floskel, aber es wird uns alle treffen. Dass die Umgebung etwas unheimlich sein kann, natürlich, aber dies so oft zu betonen, ist jämmerlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
  • Max Merz
    Max Merz, wurde 1979 in Nürnberg geboren und wuchs in Füssen im Allgäu auf. Er studierte an der Lazi Akademie in Esslingen Fotografie und arbeitet seit 2008 als freier Werbe-, Doku- und Eventfotograf in Berlin.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: