Maxim Gorki Theater "Zusammen sind wir stark"

Rainer Werner Fassbinders Film "Angst essen Seele auf" zeigte 1974 die Fremdenfeindlichkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das Berliner Maxim Gorki Theater inszeniert ihn jetzt als versöhnliche Komödie: fast zu schön, um wahr zu sein.

Rainer Fassbinders Film nun als Theaterkomödie: Angst essen Seele auf
Thomas Aurin

Rainer Fassbinders Film nun als Theaterkomödie: Angst essen Seele auf

Von Christine Wahl


"Zusammen sind wir stark", sagt die Putzfrau Emmi am Ende des Abends zu ihrem Ehemann, dem zwanzig Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter Ali, und tanzt mit ihm ins Bühnendunkel hinein. Großer Jubel im Zuschauerraum: Hakan Sava Micans Premiere "Angst essen Seele auf" nach dem berühmten Film von Rainer Werner Fassbinder setzt den Schlusspunkt unter eine besondere Saison am Berliner Maxim Gorki Theater. Es war die Auftakt-Spielzeit des neuen multiethnischen Ensembles unter Shermin Langhoff, die im Herbst 2013 als erste Intendantin mit türkischen Wurzeln ein deutsches Stadttheater übernommen hatte.

Fassbinders Film aus dem Jahr 1974, der in harten, schwer erträglichen Szenen die bornierte Feindseligkeit einfängt, die dem außergewöhnlichen Liebespaar von nahezu allen Seiten entgegenschlägt, endet freilich weniger romantisch. Hier bricht Ali beim Tanzen zusammen. Und Emmi erfährt im Krankenhaus, dass ihr Mann unter einem Magengeschwür leidet. Da Gastarbeitern keine Kur gewährt werde und man nur operieren könne, sagt der Arzt, wird das Geschwür immer wiederkommen. Am Ende weint Emmi an Alis Krankenhausbett.

Diese Schlussszene hat der 1978 in Berlin geborene und in der Türkei aufgewachsene Regisseur Hakan Sava Mican "aus inszenierungsimmanenten Gründen" gestrichen, heißt es im Programmzettel des Maxim Gorki Theaters. Man darf sein romantisches Alternativ-Finale wohl als durchaus programmatische Umarmung verstehen: "Zusammen sind wir stark", ruft das multiethnische Ensemble gleichsam sich selbst und seinem Publikum zu. Und so steuert denn auch alles, was vorher geschieht, vergleichsweise versöhnlich auf dieses Schlussbild zu.

"Eine Liebesgeschichte, die vor 40 Jahren begonnen hat"

Wer also damit gerechnet hatte, dass das Gorki-Theater Fassbinders Film als Folie nimmt, um heutige Ausgrenzungsmechanismen, strukturelle Rassismen und Sarrazinismen zu untersuchen, wird enttäuscht. "Eine Liebesgeschichte, die vor 40 Jahren begonnen hat", kündigt Ali-Darsteller Taner Sahintürk vielmehr gleich zu Beginn an. Und aufs Stichwort betritt die 60-jährige Putzfrau Emmi die Bühne, die in der Darstellung von Ruth Reinecke eine gepflegte Berliner Schnauze mit einem deutlich lebensbejahenden Hang zu roten Klamotten verbindet. Gut, dass die Gorki-Schauspielerin gar nicht erst versucht, Fassbinders legendäre Emmi-Darstellerin Brigitte Mira zu kopieren: Obwohl sich Hakan Sava Mican bis aufs Finale sowie die Handlungsverlegung von München nach Berlin erstaunlich eng an die Filmvorlage hält und selbst die siebziger Jahre mit ihrem Koteletten- und Schlaghosen-Chic wiederauferstehen lässt, geht bei ihm alles etwas direkter zu, großformatiger.

Der Romantiker Ali und die lebenserfahrene Fast-Seniorin Emmi, deren bodenständige Verbindlichkeit schnell mal in Richtung Übergriffigkeit ausschlägt - das spielen Reinecke und Sahintürk wirklich schön. So schön, dass man ziemlich schnell den Ascheregen vergisst, der in Sylvia Riegers Bühnenbild abendfüllend auf sie niederprasselt. Und so romantisch auch, dass man eigentlich nicht wirklich glaubt, dieses kleinbürgerlich-feindselige Umfeld, das dem Ehepaar das Leben zur Hölle zu machen versucht, hätte gegen diese Liebe ernsthaft auch nur den Hauch einer Chance.

Fast zu schön, um wahr zu sein

Zumal der Regisseur diese ungemütlichen Spießer als bewusst lächerliche Typenkomödianten inszeniert: Emmis und Alis frustrierte Nachbarinnen Frau Karges und Frau Ellis etwa, die bei Fassbinder ständig im Treppenhaus lauern, machen Dimitrij Schaad und Afram Tafreshian zu einer hochnotkomischen schwulen Coming-out-Nummer.

Emmis Putzfrauen-Kolleginnen (Mareike Beykirch, Anastasia Gubareva und Sema Poyraz) schwingen als Kittelschürzen-Combo den Besen. Der tolle Live-Musiker Daniel Kahn, der das Geschehen wie ein Brecht'scher Moritatensänger mit einem deutsch-russisch-arabischen Soundmix nebst Klezmer-Einschlägen kommentiert, erinnert uns indes leitmotivisch immer mal wieder daran, dass "das Glück nicht immer lustig" ist.

Klar: Als Vision des Maxim Gorki Theaters, das nach einer bemerkenswerten ersten Spielzeit auch wirklich allen Grund zu Optimismus hat, funktioniert der schmissige Abend durchaus. Als Aktualisierung des Fassbinder-Filmes ist er freilich fast zu schön, um wahr zu sein.


Angst essen Seele auf. Maxim Gorki Theater Berlin. Wieder am 11. und 19.6. sowie am 1.7. Hier geht es zum Theaterstück.



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