Yael-Ronen-Inszenierung in Berlin Lust-Spiel in Feinripp

Yael Ronen inszeniert im Berliner Gorki-Theater "Feinde, Geschichte einer Liebe" von Isaac B. Singer - und filtert eine seltsam seichte Geschichte aus dem Roman. Die Abgründe der Vorlage fehlen.

Aleksandar Radenkovic und Orit Nahmias
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Aleksandar Radenkovic und Orit Nahmias

Von Bernd Noack


In Isaac Bashevis Singers Roman "Feinde, Geschichte einer Liebe" kommt ein Mann im New York der späten Vierzigerjahre in schwere Liebesnöte. Er ist verheiratet mit einer gutmütigen, etwas unbedarften Polin und hat nebenher ein heftiges Verhältnis mit einer anderen Dame, die ebenso rassig wie impulsiv ist. Auf einmal taucht noch seine totgeglaubte Ehefrau auf. Irgendwann ist es ihm dann auch schon egal, ob es sich hier um Bi- oder gar um Polygamie handelt, denn irgendwie liebt er doch alle. Er kann sich nur nicht entscheiden und pleite ist er sowieso.

Wenn das die ganze Geschichte wäre, hätte Singer sicher nie den Nobelpreis für Literatur bekommen. Leider ist das aber exakt der Plot, den die Regisseurin Yael Ronen im Berliner Gorki-Theater aus dem Roman herausgefiltert hat. Daraus macht sie eine anfänglich flotte Gesellschaftskomödie, die im Verlauf ein wenig ins Melodramatische kippt und seicht in sentimentaler Hoffnung auf schönere Zeiten verklingt.

Herman, der eher unfreiwillige erotische Held (Aleksandar Radenkovic), eilt im Sauseschritt und bald orientierungslos von Bett zu Bett, ist ständig am sich An- und Ausziehen und macht auch in Feinripp noch gute Figur. Yadwiga, seine polnische Frau (Orit Nahmias) duldet zwar naiv, ist aber auch bauernschlau und kommt ihm dahinter; Mascha, die unberechenbare Geliebte (Lea Draeger), kreischt sich ihr Recht auf Beischlaf und Beistand in den höchsten Tönen herbei; Tamara, die "Auferstandene" (Çigdem Teke), ist nicht mehr ganz von dieser Welt, gibt sich dennoch als Verständige und bemüht sich um eine saubere Lösung. Alle drei aber kämpfen sehr egoistisch um ihr Glück mit diesem tollen Herman - diesem jiddischen Don Juan.

Aleksandar Radenkovic als Herman Brode
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Aleksandar Radenkovic als Herman Brode

Das Stichwort ist gefallen: Herman ist Jude. Und das ein wenig screwball-flotte Lust-Spiel dient Singer nur als Gerüst für eine ganz andere, für seine eigentliche, drängende Geschichte. Denn alle Beteiligten haben die Hölle des Krieges und der Verfolgung hinter sich. Sie sind mit knapper Not den Nazis entkommen, haben miterlebt, wie ihre Verwandten in die Lager abtransportiert wurden und für immer verschwanden; eine lag sogar selbst schon unter Leichen und rettete sich durch das Grauen in ein Leben, mit dem sie jetzt nichts mehr verbindet - ihre beiden Kinder wurden ermordet.

Das Beklemmende an Singers Buch ist die Beschreibung eines Alltags in der Freiheit, über dem wie eine Betondecke die Erinnerung an Polen und Deutschland, an KZ und Tod hängt. Es gibt kaum einen Augenblick, keine noch so unbedeutende Situation, den die jüdischen Frauen und der Mann nicht mit einem Schrecken und nie versiegender Furcht verbinden. In den anderen Menschen um sich herum sehen sie Täter, wird ein Huhn geschlachtet, denken sie an Treblinka. Auf Gott, der sie verlassen hat, spucken sie, und sie wünschen sich Kinder, nur, damit sie diese nach ermordeten Juden benennen können. In ihm, heißt es einmal über Herman, "wohnt ein Kummer, der nicht gelindert werden konnte. Er war nicht ein Opfer Hitlers - er war ein Opfer schon lange vor den Tagen Hitlers gewesen."

Isaac Singers Absicht war es, die Abgründe in der augenscheinlichen Normalität zu zeigen, in die Wunden zu fassen, die nie heilen. Sein Herman ist kein Filou, der in fünf, sechs Betten die schnelle Befriedigung sucht und der sich verzettelt bei seinen Rendezvous. Er ist tatsächlich ein gebrochener Mann, der in der Liebe zu wem auch immer - warum nicht zu allen? - nichts als Befreiung erfahren will: von der Vergangenheit, von den Bildern, von dem Gefühl auch, schuld zu sein als Geretteter am Untergang der anderen, keine Existenzberechtigung zu haben (beruht das Leben nicht "schon auf Arglist"?, wird einmal gefragt).

Çigdem Teke als Tamara Broder (links), Lea Draeger als Masha Broder (Hintergrund Mitte), Orit Nahmias als Yadwiga Broder (rechts)
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Çigdem Teke als Tamara Broder (links), Lea Draeger als Masha Broder (Hintergrund Mitte), Orit Nahmias als Yadwiga Broder (rechts)

Singer bleibt bei aller Leichtigkeit, mit der er sich erzählend durch die fragile "heile" jüdische Welt im New York des Jahres 1949 bewegt (eine dumpfe, "schwarz-weiße" Stadtatmosphäre prägt die Stimmung in diesem großartigen Roman), zutiefst pessimistisch: es kann nach Auschwitz kein Erzählen geben, das von dem Unsagbaren schweigt, kein Handeln, das auf Vergessen aufbaut.

Seltsam an diesem vordergründig solide unterhaltsamen Theaterabend im Gorki nun ist, dass Yael Ronen diese wirkliche Intention Singers, der aus seinem Schmerz über Verlust und Verschweigen heraus schrieb, nur halbherzig ernst nimmt und aufnimmt. Es gibt nur ein paar vage Andeutungen, die Brüche in den Biografien werden angetippt. Und über die Kulissen bewegen sich Albtraumschatten, die wie Verfolger auftauchen, nach den Figuren zu greifen scheinen - dunkle Schemen schlafloser Nächte als Hintergrundillustration.

Die meiste Zeit jedoch verwendet Ronen darauf, die komplizierten Mehreck-Verhältnisse möglichst munter und kurzweilig komisch rotieren zu lassen. Und wenn das alles dann auch noch unterlegt wird mit Klezmer-Klängen (Musik live von Daniel Kahn) und ein bisschen eingestreutem "typischen" jüdischen Humor, bekommt der Abend eine unehrliche und ganz fatale folkloristische Note, ist mal tango-heiter ausgelassen, mal seelenwund und kitschig schön, bleibt immer harmlos.

Hätte ein Goj so inszeniert, man würde ihn zurecht wegen Banalisierung des Buches kritisieren. Doch Yael Ronen ist Jüdin und hat sich wohl sehr bewusst den verstörenden Roman eines jüdischen Autors vorgenommen. Warum sie dann nur die halbe Geschichte erzählt, bleibt unergründlich.



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