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Maybrit Illner: Schmierentheater um die RAF

Von Reinhard Mohr

"Gnade für die RAF?" lautete das Thema bei Maybrit Illners Talkshow, gnadenlos gab sich vor allem Claus Peymann - gnadenlos ignorant. Der Theatermann frönte einer obszönen Guerilla-Nostalgie. Und markierte einen neuen Tiefpunkt in einer unsäglichen Debatte.

Was sind das für Zeiten, in denen man Roland Koch, dem schneidigen CDU-Ministerpräsidenten von Hessen, schlankweg Recht geben muss? Was sind das für Talkshows – wie gestern Abend "Maybrit Illner" (ZDF) – , in denen vier Gesprächsteilnehmer fast ausschließlich dem fünften, einem berühmten Theatermann, die historischen und moralischen Tatsachen nahe zu bringen versuchen, leider ohne Erfolg? Was sind das überhaupt für merkwürdige Gespensterdebatten, in denen die mausetote RAF plötzlich wieder aufzuerstehen scheint, als ginge es ums allerletzte Gefecht vor der Riesterrente für die Stadtguerilla im anbrechenden Vorruhestand?

Claus Peymann, Maybrit Illner: Was denkt er sich eigentlich?
ZDF/Svea Pietschmann

Claus Peymann, Maybrit Illner: Was denkt er sich eigentlich?

Worum geht es also wirklich?

Aber der Reihe nach.

Seit ein paar Tagen ist die zu fünf mal lebenslänglich verurteilte RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt wieder auf freiem Fuße, nachdem sie die Mindestzeit von gut 24 Jahren Haft verbüßt hat. Dies geschah nach Recht und Gesetz, und bei allem Bauchgrimmen hier und da: Kein vernünftiger Bürger will deshalb auf die Barrikaden gehen.

Auch nicht Roland Koch, nicht einmal Ina Beckurts, die Witwe des vor zwanzig Jahren samt seines Fahrers von der RAF ermordeten Siemens-Managers Karl-Heinz Beckurts, die allein das Fehlen jeglichen öffentlichen Bedauerns beklagt, was möglicherweise zur politischen Ermunterung einer "neuen Generation" beitragen könnte.

Daneben gibt es die mögliche Haftentlassung von Eva Haule im Sommer und das Gnadengesuch von Christian Klar, vorzeitig aus dem Gefängnis zu kommen. Darüber wird der Bundespräsident in aller Ruhe entscheiden. Sein Vorgänger Johannes Rau hatte ein früheres Gesuch nicht beantwortet, also abgelehnt.

Was die RAF betrifft: Sie hat sich 1998 in einer schmählich verlogenen, feigen und selbstgerechten Erklärung ohne jedes Bedauern über die mehr als 30 von ihr ermordeten Bürger mit einem historischen Seufzer aufgelöst.

Bis heute allerdings sind viele Taten nicht restlos - oder gar nicht - aufgeklärt, darunter die Morde an Beckurts, Zimmermann, von Braunmühl, Herrhausen und Rohwedder. Es ist also anzunehmen, dass einstige RAF-Täter noch frei herumlaufen, während die Freigelassenen beharrlich schweigen.

Bitte, kein Wort vom Mord!

Aber "Mörder" soll man sie bitte nicht mehr nennen dürfen, wie Frau Mohnhaupt gerade über ihren Anwalt verlauten ließ. Wenn es durchsetzbar ist, auch keine alten, hässlichen Fotos mehr vom unversöhnlichen Guerillakrieg gegen die "Schweine" (Ulrike Meinhof). Soweit die Tatsachen. Aber um die geht es offensichtlich gar nicht.

Wenn Claus Peymann, Intendant des "Berliner Ensemble" und bewährter Dampfplauderer eines staatlich subventionierten Salonsozialismus, von der "Verdrängung" der RAF-Geschichte spricht, die nun umso heftiger wiederkehre, hat das rein gar nichts mit Wahrheit und Wirklichkeit zu tun – es ist nur ein rhetorischer Taschenspielertrick im Kampf um die Hoheit an den intellektuellen Stammtischen der Republik.

Über kaum ein anderes Thema, von Naziterror und Holocaust abgesehen, wurde in Deutschland länger, intensiver und erbitterter diskutiert als über die Revolte von 1968 und den RAF-Terrorismus.

Historikerstreit reloaded

Offensichtlich versucht PR-Experte Peymann, der die Standardwerke zur RAF-Geschichte von Stefan Aust, Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen und Butz Peters (um nur die wichtigsten zu nennen) nicht zur Kenntnis genommen hat, eine Art "Historikerstreit reloaded" anzuzetteln. Motto: Deutsche Geschichtsverdrängung, die zweite.

Diesmal nicht über die Vergleichbarkeit von Stalinismus und Nationalsozialismus, sondern darüber, dass die deutsche Linke - in gewissen Kreisen also: "wir alle" - ein bisschen RAF waren. In bestimmter Weise sind "wir" es heute noch, denn Christian Klars scharfe Kapitalismuskritik in seiner Solidaritätsadresse an die Berliner Rosa-Luxemburg-Konferenz spreche nachgerade drei Vierteln der Menschheit aus dem Herzen.

Im wüsten Peymannschen Umkehrschluss heißt das zusammen gefasst: Es waren die bösen Umstände in den schlimmen sechziger Jahren, die die linksbürgerlichen Moralisten zu Gesinnungstätern der Rote Armee Fraktion haben werden lassen. Und nun muss den gefallenen Moralisten geholfen werden, am besten, wie im Falle Christian Klar, durch einen schönen Arbeitsplatz im "Berliner Ensemble" am Schiffbauerdamm. Erst kürzlich hatte Peymann das in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE gefordert.

Historische Genauigkeit und die von ihm selbst plakativ eingeforderte "Differenzierung" bleiben dabei auf der Strecke: Ein dreister Versuch, die Geschichte umzuschreiben.

Moralischer Relativismus

Und so wird im Namen des "historischen Kontextes" und dessen, was angeblich "wir alle" doch damals im wohlmeinenden Weltverbesserungskopf gehabt hätten, alles politisch eingemeindet, moralisch relativiert und am Schluss verharmlost – so, als seien die jahrzehntelang, bis zum Jahr 1993, verübten Mordtaten nicht vor allem Frucht bewusster individueller, also schuldhafter Entscheidungen konkreter Menschen gewesen, die es damals schon hätten besser wissen müssen.

Während Peymann immer wieder den vermeintlichen Zusammenhang der Zeitgeschichte herbeizitiert, betreibt er selbst vor allem ihre Verbiederung und Verkleisterung: glatte "Geschichtsklitterung", wie Roland Koch zu Recht sagte.

Auch Klaus Bölling, im "Deutschen Herbst" 1977 Regierungssprecher unter Bundeskanzler Helmut Schmidt, warf Peymann eine "Verniedlichung" und "Romantisierung" der RAF vor, die im Namen einer falschen "Versöhnung" daherkomme, am Ende auch noch unter Rückgriff auf Lessing "Nathan der Weise".

Der unterschwellige Clou der Peymann’schen Metaphysik des RAF-Terrors und seiner "Idealisierung" (Koch) aber ist die Delegitimierung und Geringschätzung der "westlich-amerikanischen Demokratie", die "wir", so muss aus dem gewohnt unpräzisen Denken des Mannes messerscharf geschlossen werden, lieber früher als später überwinden müssen.

Genau darauf zielt letztlich sein schrecklich verschwurbelter RAF-Diskurs: Ein diffuser, schwärmerischer letztlich völlig unpolitischer Theater-Antikapitalismus auf rosaroten Wolken, der sich aus der realen Geschichte immer nur das herausnimmt, was ihm gerade passt. Und in den fortschrittlichen Kreisen ist "Gnade für die RAF" derzeit eben todschick.

Es blieb Rupert von Plottnitz, einst Verteidiger von RAF-Gefangenen und später hessischer Justizminister, vorbehalten, auf die grandiose historische Pointe hinzuweisen: Dass nun Christian Klar, einer der mörderischsten Feinde des "imperialistischen" Staates, vom obersten Repräsentanten dieses verhassten Staates einen Akt der Gnade erbittet.

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insgesamt 1442 Beiträge
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1. KEINE Plattform zur Selbstdarstellung geben.
C.Jung 28.03.2007
Jedenfalls sollte Leuten, die keinerlei selbstkritisches Verhältnis haben zu ihren Morden und dem Leid, das sie anderen zugefügt haben, KEINERLEI Plattform zur Selbstdarstellung und -rechtfertigung gegeben werden!
2. Fahndungseinstellung?
charcharinus, 28.03.2007
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Da wird diskutiert, ob die Fahndung der bisher noch nicht festgenommenen RAF-Mitglieder der 3. Generation, die vor noch nicht einmal 8 Jahren ihren letzten Überfall begangen haben, eingestellt werden soll! Und jetzt die Resozialisierung der RAF oder deren Mitglieder der 1. und 2. Generation? Das beißt sich doch! Da wird mit zweierlei Recht Maß genommen. Die normalen Mitbürger, die, warum auch immer, einen Menschen totgeschlagen haben, werden zu lebenslänglich verurteilt und je nach dem, ob feminin oder maskulin, früher oder später wieder rausgelassenö Die RAF, also die gegen den Staat und die Kapitalisten und die Kapitalistenknechte (eigentlich jeder Normalo, der Geld verdienen muß um etwas zu knabbern zu haben) gemordet haben; da wird die Abgeltungsdauer für einen Mord mal schnell auf 3 Jahre verkürzt. Ich weiß nicht, irgendwie kommt mir das "spanisch" vor!
3.
Andreas Heil, 28.03.2007
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Felix Ensslin hat in einem großartigen Artikel in der ZEIT Überlegungen angestellt, die übliche Geplänkel hinausgehen: ... Es ist die Geschichte einer Wiederkehr des Politischen – in der gespenstischen Anwesenheit einer anderen Welt ... ... Nicht Straftaten machen den Terroristen zum Terroristen – und zum Gegenstand rechtsstaatlicher Maßnahmen –, sondern Gedanken, die zur bestehenden Ordnung eine Alternative erträumen ... ... Denn es ist ein Grundgedanke des Konservatismus, dass die Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, der Anfang allen Übels ist und in letzter Konsequenz also auch der Nährboden für Terrorismus ... ... Vielleicht erklärt das die Aufregung der vergangenen Monate: Unter all den Hülsen und populistischen Einlassungen ist ein Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei der Debatte um die Begnadigung eines Terroristen um eine traumatische Wiederkehr des Politischen selbst handelt. Der Akt der Gnade, so er vollzogen würde, verwiese in sich selbst schon darauf, dass die Welt, so wie sie ist, nicht die einzig denkbare – vielleicht sogar nicht die wirklich wünschenswerte – ist. Die doppelte Verdrängung (http://www.zeit.de/2007/13/RAF-Staatsverstaendnis)
4.
LucasF, 28.03.2007
"Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?" Mit äußerster Härte. Wenn man bedenkt, wie die Betroffenen leiden, geht es den ehemaligen Mitgliedern dieser Organisation viel zu gut.
5. Warum nicht?
kräuterhexe, 28.03.2007
Man sollte sie in der Alten-oder Behindertenbetreung oder Strassenkinderbetreuung etc. arbeiten lassen.....Dann können die mir was erzählen über ihre komischen Ansichten über ihren komischen Klassenkampf.an könnte sie nützlich machen.....
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