Thalheimer-Premiere in Frankfurt: Mutterliebe schockgefroren

Von Laura Hamdorf

Medea ist die grausamste Frauengestalt in der griechischen Mythologie: Eine Mutter, die ihre eigenen Kinder tötet. Der Regisseur Michael Thalheimer besetzt sie mit Constanze Becker. Sie ist die Königin radikaler Frauenfiguren - und selbst Mutter.

Thalheimer-Premiere in Frankfurt: Mutterliebe schockgefroren Fotos
Birgit Hupfeld

Immer diese griechischen Tragödien, immer diese Absurdität. Irgendein Halbgott rutscht aus und sofort wird gemordet, verzaubert, gerächt. Funktioniert Katharsis denn nicht mal authentisch?

Gerade die furchtbarste aller Tragödien beweist, wie nah ein fast 2500 Jahre altes Drama der Gegenwart sein kann: Euripides' Medea. Die Frau, die aus Rachsucht ihre eigenen Kinder tötet. Auf den ersten Blick ungeheuerlich - und doch Realität: In Deutschland gab es im Jahr 2010 fast 200 Fälle von Kindstötungen aus Rache, Schuld und Eifersucht.

Am Samstag hat das Stück Premiere am Schauspiel Frankfurt in der Regie von Michael Thalheimer. Er hat längst erkannt, dass es keine Aktualisierung antiker Stoffe bedarf - spiegeln sie doch nichts als Urtriebe und Urkonflikte wider, die bis heute manchmal grausam hervorbrechen.

Die Schauspielerin Constanze Becker arbeitet nun zum vierten Mal mit Thalheimer zusammen, sie sind ein eingespieltes Team. "Wir sprechen dieselbe künstlerische Sprache. Wenn eine Szene kalten Hass zeigen soll, dann wissen wir beide, was gemeint ist", sagt sie. Das zahlt sich aus: Die gemeinsamen Produktionen "Orestie" und "Ratten" am Deutschen Theater Berlin wurden 2007 und 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Radikal hart, radikal verletzlich

Beim Telefoninterview schreit ein Baby im Hintergrund. Becker entschuldigt sich und wendet sich kurz im Säuselton ihrem kleinen Sohn zu. "Wenn ich kein Kind hätte, würde mich das Stück nicht so berühren, wie es das jetzt tut", sagt sie danach.

Die Geschichte der Königstochter Medea ist ein Schreckensmärchen: Sie verlässt ihre Heimat für ihren Geliebten Jason, sehnt sich nach einem Neuanfang mit ihm und den beiden gemeinsamen Söhnen in Korinth. Jason jedoch sucht nur Sicherheit für sich selbst: Er verstößt Medea und verlobt sich mit der Tochter des hiesigen Königs. Medea rast - und fasst dann in wiedergewonnener Ruhe den Racheplan: Erst tötet sie Jasons Braut, dann die gemeinsamen Söhne. Ihr treuloser Geliebter soll maximalen Schmerz erfahren.

Die Medea-Figur, eine äußerlich harte, innerlich gebrochene Frau, passt in Beckers Rollenprofil. Eine ihrer eindrucksvollsten Figuren war die Klytaimnestra in der "Orestie" am Deutschen Theater Berlin. Darin schüttet sie, nur mit weißer Unterwäsche bekleidet, als die Königin von Argos mit starrem Blick einen Eimer Kunstblut über sich aus und brüllt anschließend ihren Schmerz heraus. Diese Verschmelzung von radikaler Härte und Verletzlichkeit ist das große Talent von Constanze Becker.

Furchtbar fremde Worte

Medea wirft mit Sätzen um sich wie: "Sie sollen vor den Augen des Vaters sterben, in denen der Mutter sind sie schon gestorben". Wer diese Sätze hört, der will Medea als nicht zurechnungsfähig abstempeln. Auf der Theaterbühne muss Medeas Handeln aber nachvollziehbar gemacht werden. Eine Herausforderung für die Schauspielerin Constanze Becker: "In der ersten Leseprobe war es schrecklich, die Worte zu lesen - das war ja mein Mund, nicht Medeas Mund, der sie sprach", sagt sie.

Im Laufe der Proben habe sie gar nicht erst nach Parallelen zwischen sich und Medea gesucht, erzählt sie, sondern habe die Figur zu einer ihr vollkommen fremden Person werden lassen - die fremde Sprache und die fremde Kleidung waren ihr dabei behilflich. Ihre eigene Abneigung dagegen, Medea verstehen zu wollen, macht die Rolle für Becker so spannend. "Es ist eine Herausforderung, sich Charakteristika zu bedienen, die nicht von mir stammen", sagt sie. Trotz allem sei sie fasziniert von Medea, die heute als erste Emanzipierte der Weltliteratur gilt: "Sie schützt ihre eigene Würde in absoluter Konsequenz, das finde ich bewundernswert."

Es braucht die Theaterbühne, um den Mythos im Heute auferstehen zu lassen. Und es braucht den Regisseur Michael Thalheimer, um ihn zu färben. In Thalheimers Inszenierungen wird der Stoff zugunsten eines klaren Konzepts radikal reduziert. Sein Blick auf die Handlung ist immer unmissverständlich - genauso wie jetzt in seiner "Medea"-Inszenierung: Medea sei durch das Thalheimer-Temperament betrachtet nicht bloß eine gekränkte Liebende und eiskalte Mörderin, verrät Becker, sondern eine isolierte, ausgestellte Fremde.


"Medea" nach Euripides. Premiere am 14.4. am Schauspiel Frankfurt. Weitere Termine am 20. und 25.4. sowie am 3., 4. und 6.5. Kartentelefon 069/21 24 94 94.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Na schön,
caecilia_metella 11.04.2012
es ist ja ein Thema, an dem ich mich auch sehr gern abarbeite. Ich dachte beim Lesen erst: Na, ist da nicht wieder ein bißchen Kontext verloren gegangen? Aber dann kommt es noch: eine isolierte, ausgestellte Fremde. Zum einen gibt es Medeas Vorfahren, die es schon selbst darauf anlegten, so grausam wie möglich zu erscheinen und gegenüber Eindringlingen vermutlich auch waren. Zum anderen kann man bei Diodor 4,47 z.B. lesen: "Medea zeigte den Argonauten den Weg zum Tempel des Ares, welcher 70 Stadien von der Stadt Sybaris, dem Sitz des Königs von Colchis, entfernt war. Sie trat bei Nacht vor die verschlossenen Tore und rief den Wächtern in Taurischer Sprache zu. Die Soldaten öffneten ihr als der Tochter des Königs ohne Bedenken. Da drangen die Argonauten mit gezogenen Schwertern ein. Viele der Barbaren wurden niedergemacht; die Übrigen flohen aus dem Tempel voll Bestürzung und Schrecken." Barbaren waren es also - ohnehin. Derartige Wortbrüche kommen in den Geschichtchen von Männerruhm und Männerphantasie, die so gern schreckliche Frauen ausstellt, öfter vor.
2. 36 Jahre nach Neuenfels
coulivili 11.04.2012
Ob Thalheimer/Becker mit Neuenfels/Trissenaar mithalten können? Mir ist die seinerzeitige Medea-Aufführung in Erinnerung, als sei es vorgestern gewesen: DER SPIEGEL*48/1976 - Theater: Medea als Feministin (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41067921.html) Würde mich freuen, wenn das aktuelle Schauspiel Frankfurt sich zu ähnlichen Höhen aufschwingen könnte.
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