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Medien: "Bild" will weitgehend auf Berichte über Selbstmorde verzichten

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Die "Bild"-Zeitung will sensibler mit ihren Berichten über Selbstmorde umgehen. Nachdem die Gazette jüngst eine Rüge vom Presserat einstecken musste, lässt sich Chefredakteur Diekmann nun jeden Suizid-Beitrag persönlich vorlegen.

"Bild"-Chef Kai Diekman will ab jetzt über jeden Suizid-Bericht vorab informiert werden
DPA

"Bild"-Chef Kai Diekman will ab jetzt über jeden Suizid-Bericht vorab informiert werden

Hamburg - So mancher "Bild"-Redakteur zwischen Hamburg und München staunte in der vergangenen Woche nicht schlecht, als er seine E-Mails abrief. Dass die Mail ohne Betreffzeile wichtig war, stand schnell fest - schließlich wendet sich die "Bild"-Chefredaktion aus Hamburg nicht jeden Tag per elektronischem Rundschreiben an ihre Mitarbeiter.

Was die Chefs von Deutschlands größter Boulevardzeitung ihren "lieben Kollegen und Kolleginnen" in dem Schreiben mitzuteilen hatten, sorgte besonders in den bei "Bild" wichtigen Polizeiredaktionen für einiges Rätselraten. Ohne Einleitung kommt der Rundbrief auf den Punkt. "Eine Anweisung der Chefredaktion: Ab sofort findet in Bild keine Berichterstattung über Selbstmorde statt!"

Nur noch "spektakuläre Fälle"

Falls es doch einen Selbstmord gebe, der von "besonders spektakulärer Art (Sprung vom Kölner Dom, etc.)", sollen sich die Mitarbeiter umgehend, "in jedem Fall zuvor" an die Chefredaktion in Hamburg wenden. Nur wenn diese grünes Licht gebe, könne über den Fall berichtet werden.

Für viele andere Zeitungen wäre das Rundschreiben kaum eine große Sache. Die meisten halten sich ohnehin an die Vorgaben des Presserats, der die Berichterstattung über Suizide mit bestimmten Kriterien eingeschränkt hat. Beim Boulevardschlachtschiff "Bild", das bisher keine großen Skrupel bei der Darstellung von Selbstmorden hatte, ist diese Anweisung jedoch eine durchaus überraschende Kehrtwende.

Bisher galt in vielen der "Bild"-Polizeiredaktionen die Devise, dass hinter einem Selbstmord fast immer eine gute Geschichte steckt. Ganz egal, ob der tragische Hintergrund am Ende in der Zeitung auch berichtet wurde, tauchte beispielsweise in Berlin so gut wie jeder Selbstmord auf - zumindest als Meldung. Oft wurden die Beiträge durch bei der Familie des Opfers beschafften Bildern garniert. Ebenso wurde mit Hilfe der Nachbarn oder durch entfernte Freunde der Suizid-Opfer über die versteckten Motive gerätselt.

"Ein paar Dinger hätten wir uns sparen könen"

Mit dieser Art von Berichterstattung soll nun offenbar Schluss sein. Von einer Erkenntnis oder gar einer Einsicht will "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann nicht sprechen. "Ich wollte die Mitarbeiter noch einmal für die Problematik sensibilisieren", sagte Diekmann. Er selber habe dies auf einer der Konferenzen deutlich gesagt, deshalb sei auch das Rundschreiben an die Mitarbeiter geschickt worden.

Auch mit Selbstzensur hat die neue Linie des Blattes nach Ansicht "Bild"-Chefs nichts zu tun: "Wir werden auch weiter über spektakuläre Selbstmorde oder Fälle wie den Möllemann-Sprung berichten", sagt er. Doch was war der Auslöser für die neue Suizid-Linie? "Die Anweisung kam, nachdem ich mich sehr über einen Bericht bei uns geärgert habe", erklärt der Journalist. "Diesen und so manch anderen hätten wir uns durchaus sparen können."

Forscher warnen vor Nachahmern

Immer wieder war "Bild" in der Vergangenheit vom Presserat wegen der Suizid-Berichterstattung gerügt worden. Erst im Juni sprach das Kontrollgremium wieder eine dieser Rügen gegen "Bild" aus. In dem Fall aus dem Dezember 2002 hatte das Boulevardblatt über Selbstmorde in den Weihnachtsfeiertagen berichtet und ein Opfer aus einem kleinen Dorf mit abgekürztem Namen und ungeblendeten Bild gezeigt. Durch diese Berichte, so der Presserat, würden die Angehörigen der Opfer ein zweites Mal unnötig belastet.

Wissenschaftler hatten auch immer wieder darauf hingewiesen, dass durch die intensive Berichterstattung - gerade über spektakuläre Selbstmorde - potentielle Nachahmer animiert würden. Besonders bei Selbstmorden an Bahnstrecken baten die Forscher die Medien, von Meldungen und besonders von Bildern abzusehen. Nimmt die "Bild" die Anweisung von letzter Woche ernst, sollten Berichte wie dieser nicht mehr vorkommen.

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