Medien in China Präsident fordert "Propaganda-Front" - Zeitung liefert Provokation

Eine chinesische Tageszeitung druckt eine Titelseite, die als Kritik an der Pressezensur verstanden werden kann: Regimekritik oder Fehler? Die aktuelle Medienkampagne von Präsident Xi sorgt für Verunsicherung.

Verlagsgebäude der "Southern Metropolis Daily" in Peking
DPA

Verlagsgebäude der "Southern Metropolis Daily" in Peking


Auf den ersten Blick sieht die Titelseite ganz harmlos aus: "Die Partei- und Regierungsmedien sind eine Propaganda-Front und müssen mit Familiennamen Partei heißen" titelte die chinesische Zeitung "Southern Metropolis Daily" am 20. Februar. Am Tag zuvor hatte der chinesische Präsident Xi Jinping den Redaktionen der größten Parteimedien des Landes einen Besuch abgestattet. Er hatte die ungewöhnliche Formulierung "mit Familiennamen Partei heißen" geprägt. Die Tageszeitung druckte also nur linientreu die Forderung des Präsidenten ab.

Zumindest auf den ersten Blick.

Denn unter der Zeile stand noch etwas: "Die Seele kehrt ins Meer zurück", stand über dem Foto der Seebestattung eines prominenten chinesischen Geschäftsmannes. Zusammen gelesen ergeben die beiden Zeilen eine ganz andere Bedeutung. Liest man sie senkrecht, steht da: "Die Seele der Medien, die mit Familiennamen Partei heißen, kehrt ins Meer zurück." Diese Lesart wäre gar nicht mehr linientreu, sondern eine Provokation. Sie würde bedeuten, dass Parteimedien dem Tod geweiht sind.

Über die Auslegung der Titelseite der "Southern Metropolis Daily" sind in China Spekulationen entbrannt. Die "South China Morning Post" berichtet unter Berufung auf ein internes Dokument, dass die für die Titelseite verantwortliche Redakteurin der "Southern Metropolis Daily" gefeuert wurde. Gegenüber der "New York Times" bestätigt die Redakteurin die Existenz des Dokuments, bestreitet aber, entlassen worden zu sein. Sie sagt, die beiden Zeilen seien nicht absichtlich arrangiert worden. Es handele sich schlicht um einen "Fehler".

Die von SPIEGEL ONLINE um eine Einschätzung gebetenen Redakteure der "Southern Metropolis Daily" wollten sich nicht zu dem Fall äußern - auch nicht unter der Bedingung, dass ihr Name nicht erwähnt werde.

In Schlagzeilen versteckte Nachrichten haben in China Tradition. Oft sind sie die einzige Möglichkeit, in einer von Zensur unterdrückten Medienlandschaft eine Botschaft zu hinterlassen. Es gibt ein eigenes Wort für solche Botschaften: Sie heißen "Cangtoushi" - "versteckte Gedichte".

Hintergrund des Vorfalls ist eine von Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping losgetretene Medienkampagne. Während seines Besuchs in den großen Parteimedien forderte er, diese müssten "einen hohen Grad an Einheitlichkeit mit der Ideologie und der Politik der Partei" erreichen. In der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt China Platz 176 von 180. Nirgendwo auf der Welt sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in China.

Ob die beiden Zeilen ein "verstecktes Gedicht" oder ein Layout-Fehler waren, wird sich kaum klären lassen. "Wir werden niemanden finden, der 'Ich wars' sagt", erklärte der Medienexperte David Bandurski der "New York Times".

mka

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