Medien in der Krise Warum Deutschland Blog-Hemmung hat

Er gilt als einer der profiliertesten US-Wirtschaftsblogger - und ist enttäuscht von der Szene in Deutschland. Im "SZ-Magazin" nennt Felix Salmon zehn Gründe, warum er sich hier keine lebhafte Blogosphäre vorstellen kann.


1. Das Internet ist eine große Gleichheitsmaschine, was dazu führt, dass selbst junge und sogar anonyme Blogger berühmt und wichtig werden können. Respektierte Professoren und einflussreiche Experten dagegen werden in der Blogosphäre oft ignoriert, weil sie nicht sagen, was sie wirklich denken, oder weil das, was sie sagen, einfach zu langweilig und vorhersehbar ist. Deutschland funktioniert genau andersherum: Hier ist man immer noch fixiert auf Status und Hierarchie.

Businessman als Blogger: Man muss sich irren können
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Businessman als Blogger: Man muss sich irren können

2. In Deutschland zählt Qualifikation mehr als alles andere. Die Leute verbringen Jahrzehnte damit, die verschiedensten Diplome und Zeugnisse und Zertifikate zu sammeln, und wenn sie dann alles beisammenhaben, sorgen sie dafür, dass die Welt das weiß. Wenn man kein Papier hat, auf dem steht, dass man sich zu diesem oder jenem Thema äußern darf, dann darf man seine Meinung auch keinem anderen zumuten. Die Leser sind übrigens nicht viel anders, auch sie wollen zuerst wissen, ob der Schreiber qualifiziert genug ist, bevor sie sich dafür interessieren, was der Schreiber denkt. In der Blogosphäre dagegen ist es völlig egal, ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist - was zählt, ist allein, ob die Meinungen stichhaltig, originell und klug sind.

3. In Amerika ist es den meisten Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wichtig, was die Blogosphäre sagt - sogar einem selbstherrlichen Ökonomen wie Larry Summers, dem Chefdenker der Obama-Administration. Er liest Blogs täglich, und zwar nicht nur solche von Technokraten mit einem großen Namen. Er liest auch die Blogs von Leuten, die normalerweise kein Gehör finden würden in der Politik. Er respektiert die Stimme des Volkes, was eine sehr amerikanische Haltung ist und keine besonders deutsche.

4. Um ein guter Blogger zu sein, muss man ganz andere Dinge können als ein großer Ökonom oder Banker. In Deutschland denken die Menschen dauernd an ihre Karriere und kümmern sich eher um die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die wichtig sind für ihren Beruf, als um die viel weniger wichtigen Faktoren, die sie zu einem guten Blogger machen würden.

5. Ein Blogger muss sich irren, wenigstens manchmal. Wenn er sich nie irrt, dann ist er nie interessant. In den meisten Ländern ist das eine der großen Schwierigkeiten für die Blogosphäre: Die Menschen haben Angst davor, etwas zu schreiben, das sie dumm aussehen lässt. In Deutschland ist diese Angst besonders stark ausgeprägt, weil hier jedes öffentliche Wort genau gewogen wird. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich nicht auskennst, wirst du Angst haben, einen wichtigen Aspekt zu übersehen. Wenn du über etwas schreibst, womit du dich gut auskennst, wirst du Angst haben, dass die Leute dich nicht mehr ernst nehmen, wenn du einen Fehler machst.

6. Die Deutschen sind methodisch und systematisch und umfassend in dem, was sie tun. Die Blogger lieben Schnellschüsse, sie machen Dinge ad hoc, es ist schwer, sie festzunageln.

7. Blogger sind die natürlichen Außenseiter, sie sind sogar stolz auf diesen Status und sehen sich gern als die Einzigen, die im Angesicht der Macht die Wahrheit sagen. In Deutschland kommt man nicht besonders weit, wenn man sich zum Außenseiter erklärt, man gewinnt kein Ansehen und Ansehen ist etwas, wonach fast alle Deutschen streben.

8. In Amerika sind es, gerade im Wirtschaftsbereich, vor allem Professoren, die bloggen und die lieben nichts mehr, als Ideen auszutauschen und miteinander online zu diskutieren. Deutschland hat eine andere Professorenschaft, andere Universitäten und vor allem kein Blogger-Nest wie die George Mason University in Virginia.

9. Die Deutschen werden nicht arbeiten, wenn sie kein Geld dafür bekommen, und Bloggen wirkt auf sie verdächtig wie Arbeit. In Amerika verdient man mit Bloggen nur indirekt Geld, durch Ruhm und Bekanntheit, die einem der Blog bringt. Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen.

10. Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien.

Felix Salmon, 37, ist einer der erfolgreichsten US-Blogger zu Wirtschaft und Finanzen.



Forum - Stirbt die Zeitung?
insgesamt 254 Beiträge
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Seite 1
medienquadrat, 07.05.2009
1. ...
ja
medienquadrat, 07.05.2009
2. ...
entschuldigung, dass ich erst so einsilbig gewesen bin, aber es gibt leider keine andere Antwort mehr angesichts des World Wide Web. Printmedien haben zwar einige Vorteile, man kann sie mit aufs Klo nehmen, an Arbeitskollegen weiterreichen, aus ihnen etwas rausreißen oder Fisch in ihnen einwickeln... aber sie haben nun einmal als Medium der Aktualität ausgedient. Und, da sie sich nahezu ausschließlich durch das Wohlwollen der Inserenten finanzieren, werden schließlich nur noch Printmedien übrig bleiben, die auch den Ansprüchen genügen, die man früher einmal an "Zeitungen" hatte. Fachzeitschriften besonderer Nischen dürften da noch ein wenig länger leben, oder Kundenzeitschriften. Von der Bäckerblume, über die Kundenzeitschriften der Apotheken, Reformhäusern und Reisebüros lassen sich Aktualitäten in Verbindung mit - Edmund Stoiber hat es dankenswerterweise so geprägt - Kompetenzkompetenz vermitteln, die man mühsam, im Detail und in ihrer verlässlichen Treue zur Wahrheit im World Wide Internet suchen müsste. Allerdings schwindet die Notwendigkeit bei den Verbrauchern auch mit der Errosion des verfügbaren Geldes, sich für die Themen auch so zu interessieren, dass die Finanziers die Medien weitermit ausreichend Annoncen alimentieren. Auch dürften diese Printmedien schon wieder der Aktualität hinterherhinken, in einer Welt, wo kurzfristigst entschieden wird, man also aktuelle Aktualität benötigt.
harm ritter 07.05.2009
3.
Glaube ich nicht. Solche Flaggschiffe wie "Spiegel" oder "Stern" werden die Krise wohl überstehen. Aber ob wirklich jede Kleinststadt noch ihr Lokalblatt braucht, darüber gebe ich keine Prognose ab.
alpenjonny 07.05.2009
4. Gratiszeitungen
Gruezi nach D, hello! Auch in D fallen mir immer mehr Leute auf, die in der Strassenbahn, Bus oder Zug die billig aufgemachten Gratsizeitungen lesen. Viele lassen den Zeitungsramsch achtlos auf den Sitzen liegen, in der CH reden wir bereits seit längerem von einem "newslittering" wie es so schön auf Neudeutsch heisst. Die Gratiszeitungen setzen sogar in D der BILD-Zeitung zu, dem früheren Leiblatt vieler Bundesbürger. Die Auflagen sinken von Jahr zu Jahr. Auch in der CH, bei uns ist das der BLICK. Das journalistische Kurzfutter genügt offenbar mehrheitlich vielen. Hintergrundinfos und genaue Recherchen über ein Thema? Uninteressant, wozu auch? Man fingert lieber lustlos während der Fahrt im ÖV am Handy rum, redet lautstark ins Ding rein: wo bist du jetzt und was machst? Bin gerade am kacken, und du? Als Pendler, der täglich zwei Stunden Zug fahren muss, sehe mich ich bald einmal als Angehöriger der geistigen Elite bei uns. Die meisten Passagiere lesen nur Gratiszeitungen,und hören dazu über Kopfhörer überlaut monotone einfältige Pop-Rock-Musik der untersten Schublade. Passt bestens ins Bild, einfältig und doof. Die merken nicht einmal wie lächerlich sie auf Zeitgenossen wirken, die noch konzentriert eine gute Zeitung oder ein Buch lesen. Die gewollte Verdummung und das Nichtwissen breiter, denkfauler Bevölkerungsschichten nahm in den letzten Jahren massiv zu. Es ist mehrheitlich die junge Generation, die den klasssischen Tageszeitungen den Rücken kehrt und von geistiger Nahrung nicht viel hält. Dazu gehört auch, dass ein Bürger ruhig mal ab und zu vor dem Einschlafen ein Kapitel in der Bibel lesen könnte. Zuviel verlangt? Aber sicher. Vermutlich sehen mich jetzt viele als Exoten, es hat aber noch immer recht viele, zum Glück, die so denken wie ich. Sonst wären ja die Tageszeitungen schon lange vom Markt verschwunden. Vermutlich ist die Wirtschaftskrise noch lange nicht gross genug, um ein Umdenken anzuheizen. Dazu gehört sicher auch die tägliche Lektüre der Tagespresse. Gratiszeitungen verbreiten nur heisse Luft, hinterher steht der Leser nur im luftleeren Raum da. Orientierungslos im Nebel der Infos die über den Bildschirm und das Radio hereinrieseln. Eine eigene Meinung bilden? Gott behüte, lieber dem "mainstream" der anderen folgen, das Getratsche aufnehmen und selber weiter verwursteln, bis zum Kotzen und drüber hinaus. Deutschland, das Land der Denker und Dichter, ist für mich teilweise auf ein erbärmlich geistiges Niveau gesunken. Die Schweiz bildet keine Ausnahme, auch bei uns muss von gewollter Dummheit, Nichtwissen und völliger Ignoranz vieler wichtiger Aufgaben, die den Staat und schlussendlich auch den Bürger betreffen, geredet werden. Gegen Dummheit, Nichtwissen und geistige Faulheit in unserer westlichen Geselsllschaft kämpfen selbst Götter vergebens.
chevy57 07.05.2009
5.
Zitat von harm ritterGlaube ich nicht. Solche Flaggschiffe wie "Spiegel" oder "Stern" werden die Krise wohl überstehen. Aber ob wirklich jede Kleinststadt noch ihr Lokalblatt braucht, darüber gebe ich keine Prognose ab.
Wenn wir über die Zeitung in Papierform reden glaube ich schon, dass da in Zukunft die ein oder andere "sterben" wird. Wer einen Internet-Anschluss besitzt, kann sich in Windeseile vielfältig, umfangreich und höchstaktuell informieren. Auch die kleineren Lokalblätter verfügen ja heutzutage über einen Webauftritt. Wozu also noch den Papierwust? Nur, um ihn mit auf`s Klo zu schleppen?
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