Medien-Magazin "Cover" Hoch hinaus mit Tiefgang

Medienmagazine haben einen schweren Stand am Kiosk, etliche Titel wurden in den letzten Jahren eingestellt. Zwei Hamburger Journalistik-Studenten wagen dennoch den Sprung auf den Markt: mit "Cover", einem von der Universitätspostille zum Fachblatt getunten Magazin, das seit heute erhältlich ist.

Von Lutz Kinkel


 Erstausgabe von "Cover": "Irgendwo zwischen 'Cicero' und 'Brand Eins'"

Erstausgabe von "Cover": "Irgendwo zwischen 'Cicero' und 'Brand Eins'"

Es ist paradox. Einerseits ist klar, dass wir in einer Mediokratie leben. Kein Kanzler ohne "Wetten dass", kein Bohlen ohne "Bild", kein Folterskandal ohne Fotos aus Abu Ghureib. Jenseits dessen, was uns die Medien als Realität vorgaukeln, scheint nichts zu existieren, jedenfalls nichts, was uns aus dem Fernsehsessel reißen würde. Andererseits ist die Frage, wie die Medien eigentlich funktionieren, für die breite Bevölkerung so interessant wie das Wetter vor drei Jahren.

"Die Marktforschung bei Medienseiten in Tageszeitungen und Magazinen fällt meist schlecht aus", räumt der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller ein. Nicht zuletzt aus diesem Grund tendieren Verleger dazu, Medienseiten zu reinen TV-Programmseiten umzubauen oder ganz aufzulösen - was allerdings auch Platz schafft für kecke Initiativen von unten.

Vorbildliche "Ruck"-Geschichte

Das Medienmagazin "Cover", das heute erstmals an Flughäfen, Bahnhöfen und in großstädtischen Kiosken verkauft wird, ist eine solche Initiative. Die Chefredakteure Stephan Alexander Weichert, 31, und Ruth Fuchs, 28, beide Doktoranden am Institut für Journalistik der Universität Hamburg, bauten die Hauspostille des Instituts in den vergangenen Jahren so weit aus, dass der Sprung auf den Markt möglich wurde - eine "Ruck"-Geschichte, wie sie sich Altbundespräsident Roman Herzog nicht besser hätte wünschen können.

 "Cover"-Chefredakteur Stephan A. Weichert:"Wir gehen klar auf Köpfe"

"Cover"-Chefredakteur Stephan A. Weichert:"Wir gehen klar auf Köpfe"

Die ersten drei Ausgaben, die nun im vierteljährlichen Abstand erscheinen, werden von der Hamburger Medienstiftung finanziell gefördert. Was danach kommt, hängt auch vom Markterfolg des Magazins ab. Für die Macher, so scheint es, ist der Absatz allerdings sekundär. Ihnen geht es - so das selbst erteilte Mandat - um Inhalte. Ein Forum für Wissenschaftler und Praktiker soll das Heft sein, "monothematisch", "antizyklisch" und "mit inhaltlichem Tiefgang". "Wir wollen vom Anspruch her irgendwo zwischen 'Cicero', 'Brand Eins' und 'Message' stehen. Und natürlich denken wir - ganz in der Ferne - auch an den 'New Yorker'", sagt Chefredakteur Weichert.

So viel juvenile Himmelsstürmerei hat offenkundig auch jene Medienmacher begeistert, die von Fuchs und Weichert gebeten wurden, Artikel zu liefern - honorarfrei, versteht sich. Anders ist es jedenfalls kaum zu erklären, dass das Inhaltsverzeichnis mit so viel Prominenz gespickt ist: Neben den Edelfedern Hans Leyendecker und Heribert Prantl, beide "Süddeutsche Zeitung", sind auch "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, SPD-Ministerpräsidentin Heide Simonis, NDR-Intendant Jobst Plog sowie eine Reihe tonangebender Journalistikprofessoren vertreten. "Wir gehen klar auf Köpfe", erläutert Weichert. "Cover" soll ein "Autorenmagazin" sein, in dem Menschen mit Haltung Haltbares schreiben.

Akademische Ratio versus politischer Realismus

 "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann: "Nur Moralisten können gute Journalisten sein"
DDP

"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann: "Nur Moralisten können gute Journalisten sein"

Das erste Heft erscheint unter dem Titel "Grenzen: Wo endet die Mediengesellschaft?", ein Thema, das freilich so weit gefasst ist, dass sich jeder über alles auslassen kann. So berichtet Leyendecker über Borderlinejournalismus und Thomas Leif über Lobbyisten, Thomas Schuler referiert die Recherchen zu seinem Buch über Bertelsmann, und Jobst Plog preist einmal mehr das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Diese Vielfalt ist das Gegenteil der thematischen "Kohärenz", die sich die Chefredakteure wünschen, aber immerhin streifen viele Autoren ähnliche Themen, so dass sich beim intensiven Lesen eine Art Kamingespräch vorstellen lässt.

"Bild"-Chef Diekmann erklärt beispielweise im Interview: "Nur Moralisten können gute Journalisten sein." Ein paar Seiten weiter gibt Medientheoretiker Norbert Bolz zu Protokoll: "Die Medien treiben nach wie vor Menschen in den Tod. Es gibt im Grunde nichts, was eine moralische Einschränkung bei der Suche nach Sensationen sein könnte." Geht in diesem Fall der Punkt eindeutig an Bolz und damit an die Wissenschaft, so verhält es sich in anderen Fällen genau umgekehrt.

"Cover"-Autorin Heide Simonis: Mit Haltung Haltbares schreiben
DPA

"Cover"-Autorin Heide Simonis: Mit Haltung Haltbares schreiben

So skizziert der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg das angeblich globale Unbehagen gegenüber der zunehmenden Kommerzialisierung des Journalismus. Dass dieser Gedanke jenseits akademischer Spekulation nur wenig Überzeugungskraft hat, beweist der Bericht des dpa-Korrespondenten Jan Ronneburger über Journalismus in Kolumbien: Wer dort eine kritische Zeile über die falschen Leute publiziert, kann schon morgen tot sein. Im nachfolgenden Artikel beschreibt Thomas Scheen, Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Lage in Afrika, wo sich die meisten Journalisten nach einer Pressekonferenz Umschläge mit Geldnoten von den jeweiligen Veranstaltern zuschieben lassen. Ihr Gehalt reicht nämlich nicht aus, um ihre Familien zu versorgen. Kurzum: Sowohl in Kolumbien als auch in Afrika geht es weniger ums Unbehagen als ums Überleben.

Das alles ist mal spannend, mal zäh zu lesen, vertieft aber in jedem Fall das Wissen darüber, wie Medien (und Medienmacher) funktionieren. Auf das Fachpublikum - Journalisten, Programmstrategen, PR- und Marketingmanager kann "Cover" also rechnen, ob das Blatt bei Laien einen Leserstamm finden wird, ist allerdings fraglich. Aber das ist dem Hamburger Newcomer ebenso wie dem Leipziger Konkurrenztitel "Message" ja auch zu wünschen: dass die Leserzahl nicht zu groß wird, das Anzeigenvolumen moderat bleibt und sich kein Großverlag für das Magazin interessiert. Denn ambitionierter Medienjournalismus braucht die Nische, nur dort können Autoren ganz ohne Rücksicht auf Anzeigenverluste schreiben. Erfolg durch Erfolglosigkeit - auch das ein Paradox, das es wohl nur im Medienjournalismus gibt.



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