Medien Mit al-Hurra gegen al-Dschasira

Die USA haben eine neue Geheimwaffe entwickelt, um die arabische Welt von ihren Ansichten zu überzeugen. Der Name: al-Hurra. Doch schon vor der Aufnahme seines Sendebetriebs ist der neue TV-Kanal für den Nahen Osten ins Kreuzfeuer der Kritik geraten.


Satelliten-Programm al-Hurra: Exklusiv-Interview mit dem US-Präsidenten
AP/ Al-Hurra

Satelliten-Programm al-Hurra: Exklusiv-Interview mit dem US-Präsidenten

Kairo - Es handele sich um eine Beleidigung der arabischen Welt, um einen gezielten Versuch, islamische Werte zu zerstören und die Jugend zu verderben, lautete die Kritik der arabischen Medien. Der Nachrichtensender al-Hurra, zu Deutsch "Der Freie", geht morgen auf Sendung und soll binnen eines Monats ein 24-Stunden-Programm ausstrahlen.

62 Millionen Dollar an öffentlichen Mitteln haben die USA für den neuen Satellitenkanal im ersten Jahr zur Verfügung gestellt. Laut US-Präsident George W. Bush geht es darum, "die hasserfüllte Propaganda zu zerstreuen, die in der muslimischen Welt den Äther füllt". So wird der Sender auch gleich zu Anfang ein exklusives Interview mit Bush ausstrahlen. Darin will der Präsident seine Entschlossenheit bekunden, im Nahen Osten Freiheit und Demokratie zu verbreiten, wie sein Pressesprecher Scott McClellan betonte.

Al-Dschasira: "Hasserfüllte Propaganda"
AFP

Al-Dschasira: "Hasserfüllte Propaganda"

Als Betreiber des Senders verspricht der amerikanische Rundfunkrat eine ausgewogene Berichterstattung. Dies wird vor Ort allerdings angezweifelt. Unerwünschte, ja gefährliche Propaganda erwartet Dschamil Abu Bakr von der Islamischen Aktionsfront, der politischen Vertretung der Muslimischen Bruderschaft in Jordanien. Die USA wollten nur die Wertvorstellungen der arabischen Welt aushöhlen. Die muslimische Gesellschaft werde diesen Angriff jedoch zurückweisen, so dass al-Hurra letztlich wirkungslos bleiben werde.

Der Chefredakteur der in Libanon erscheinenden englischsprachigen Zeitung "The Daily Star", Rami Churi, sieht es ähnlich. Der neue Sender werde die Kluft zwischen Amerika und der arabischen Welt nur vergrößern. Al-Hurra sei ein teures, aber letztlich irrelevantes Schwindelpaket. "Warum wollen sie uns ständig auf diese Weise beleidigen?", fragte Churi.

Norman Pattiz, Mitglied im amerikanischen Rundfunkrat, der auch den Auslandssender Voice of America betreibt, weist diese Kritik zurück. Es gehe hier um Nachrichten, nicht um Propaganda. Die Menschen im Nahen Osten sollten sich die Programme erst einmal ansehen und dann ein Urteil fällen. Die Glaubwürdigkeit des neuen Kanals werde schnell überzeugen. "Ohne Glaubwürdigkeit wären wir verloren", sagte Pattiz.

Neue Runde in der Schlacht der Medien

Osama Bin Laden auf al-Dschasira: Al-Hurra als Alternative

Osama Bin Laden auf al-Dschasira: Al-Hurra als Alternative

Letztlich soll al-Hurra dem arabischen Satellitensender al-Dschasira Paroli bieten. Letzterer hat unter den Zuschauern in der arabischen Welt große Beliebtheit erlangt, weil er eine Alternative zu den staatlich kontrollierten Medien bietet. Zahlreiche Interviews mit Oppositionspolitikern mögen die Regierungen der jeweiligen Länder erzürnt haben, doch wurde damit eine bislang unbekannte Meinungsvielfalt möglich. Die USA werfen al-Dschasira jedoch antiamerikanische Tendenzen vor, die nun mit al-Hurra bekämpft werden sollen.

Die Schlacht der Medien geht damit in eine neue Runde. Kurz vor dem Sturz des irakischen Staatschefs Saddam Hussein im vergangenen April haben die USA bereits den arabischsprachigen Radiosender Sawa ("Gemeinsam") lanciert. Dieser kann mit arabischer und westlicher Popmusik viele Jugendliche erreichen, doch für die Nachrichten schalten diese in der Regel auf andere Sender um, wie Umfragen vor Ort ergaben, die vom US-Rundfunkrat allerdings angezweifelt werden.

Ferner wurde das zweisprachige Magazin "hi" auf den Markt gebracht. Dieses widmet sich weniger politischen Themen, sondern versucht, die arabische Welt ganz allgemein über die Lebensweise und die Kultur der Amerikaner zu informieren. Ein großer Verkaufserfolg war die Publikation bislang allerdings nicht.

Vom Standpunkt der Medienvielfalt gesehen, mag der neue Fernsehsender durchaus seine Berechtigung haben, wie die ägyptische Medienexpertin Samiha Dahrug erklärt. "Jeder hat das Recht, seine Meinung zu vertreten. Der Äther steht jedem offen, und niemand sollte davor Angst haben", sagt die Chefin des Kanals Nile News. Die Vereinigten Staaten könnten ihr Image in der arabischen Welt jedoch letztlich nur mit Taten verbessern. Bislang hätten sie jedenfalls den Eindruck vermittelt, dass ihre Politik den arabischen Interessen zuwiderlaufe.

Salah Nasrawi, AP



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