Medien und Terrorismus Tausendundein Missverständnis

Irgendwo zwischen BBC, CNN, al-Dschasira und al-Qaida, da muss doch die verflixte Wahrheit liegen! In Lugano diskutierten arabische und westliche Medienexperten darüber, warum sie einander einfach nicht verstehen. Die magischen Momente: Debatten voller Selbstkritik.

Aus Lugano berichtet Yassin Musharbash


Lugano - Das war schon mal ein ernüchternder Einstieg: "Verstehen westliche Medien die islamische Welt?", fragte das erste Podium. Und der ägyptische Soziologe Farag ElKamel, die deutsche Medienwissenschaftlerin Katharina Nötzold sowie der ehemalige BBC-Redakteur Nicholas Jones antworteten unisono: "Nein".

Mitarbeiter von al-Dschasira im Katar: Beim Terror immer Thema
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Mitarbeiter von al-Dschasira im Katar: Beim Terror immer Thema

Die Darstellung des Islam sei reduziert auf Politik und Fundamentalismus, meinte Nötzold. Sie drehe sich nur um Religion, monierte ElKamel. Der Ägypter hatte auch eine Erklärung parat: In Europa sei die Kirche Jahrhunderte lang Unterdrückerin freier Meinungen gewesen, und Westler nähmen daher wohl an, der Islam müsse eine vergleichbare Rolle spielen. Jones präsentierte unrühmliche Beispiele für britische Hetz-Presse: "Es ist einfach, Geschichten aus dem Nichts zu fabrizieren", beklagte er. So habe das Boulevard-Blatt "The Daily Star" eine Ausgabe namens "The Daily Fatwa" geplant, in der sie "Britannien unter der Scharia" präsentieren wollte - einzig Proteste der Journalistengewerkschaft verhinderten das.

Allein die deutsche Nahost-Korrespondentin Birgit Kaspar wollte sich nicht eindeutig festlegen, befand aber, dass den Korrespondenten vor Ort oftmals sowohl Geduld als auch Neugier abgingen, um die islamische Weltregion zu durchdringen - ein Effekt, der von den Heimatredaktionen unwillkürlich unterstützt wird, weil die lieber Storys verlangten, die Vorurteile bekräftigen.

"Islam und westliche Welt: Die Rolle der Medien", so lautete die Überschrift über die zweitägige Konferenz, die im schweizerischen Lugano stattfand und vom "European Journalism Observatory" in Zusammenarbeit mit der Schweizer Journalistenschule (maz) abgehalten wurde. Sie hätte auch heißen können: "Westliche und islamische Medien nach dem 11. September" oder "nach dem Karikaturenstreit".

Unter der Fuchtel der Regime

Denn der Terror und der Papst, die dänischen Witzbilder und die Rolle von al-Dschasira, CNN & Co., die Freiheit der westlichen Presse und die unsichtbaren Fesseln der Kollegen jenseits des Mittelmeers: All das kam zur Sprache. Und noch mehr. Was ein Glücksfall war, denn die hochkarätigen Gäste aus der arabischen Welt ließen es sich nicht nehmen, neben der als unfreundlich empfundenen westlichen Presse auch einander und sich selbst zu kritisieren.

Den Anfang machte Riadh Sidaoui von der panarabischen Tageszeitung "al-Hayat". Er werde etwas Provokantes sagen und sei gespannt auf die Reaktion, kündigt er an. Die meisten arabischen Zeitungen, sagte er dann, würden von Geheimdiensten und Polizei kontrolliert. Ein magischer Moment, denn niemand widersprach. Erst dieser kalkulierte Tabubruch machte klar, dass man westliche und nahöstliche Medien nur ansatzweise vergleichen kann: Sie arbeiten nicht unter denselben Bedingungen.

Es sprach für die Ernsthaftigkeit der versammelten Experten, dass die Tabus der kritischen Berichterstattung, die für "al-Hayat" gelten, keineswegs ausgespart wurden: Das Blatt gehört einem saudischen Prinzen.

Zyed Krichen, Journalist aus Tunesien, ergänzte die Liste der Einschränkungen: "Arabische Medien vertreten die Meinung der Mehrheit", sagte er. Wer als Intellektueller auch noch im "Westfernsehen" auftrete, der werde schnell als "5. Kolonne" wahrgenommen. George Hawatmeh, langjähriger Chefredakteur von "Jordan Times" und "al-Rai", berichtete Ähnliches: Bei "al-Rai" richtete er einst eine Spalte für eine Presseschau westlicher Zeitungskommentare ein, die "Die andere Meinung" hieß. Die Kritik daran war gigantisch: Es handle sich um die Verbreitung der "Meinung der anderen" also der Gegenseite, warf man ihm vor.

Jagd auf das Einhorn "Objektivität"

Hawatmeh erlebte die Dämonisierung von Meinungsvielfalt als Verrat. Mohammed al-Nawawy, in den USA lehrender Ägypter und Verfasser der ersten Studie über al-Dschasira, zeichnete dagegen nach, wie der Satellitensender Pluralität erfolgreich und unumkehrbar in der arabischen Medienlandschaft verankert hat. Während des israelisch-libanesischen Sommerkrieges 2006, so Nawawy, hätten die Katarer wohl als einzige arabische Journalisten Israelis interviewt. Freilich hätten sie zugleich betrieben, was ihnen im Westen oft vorgehalten wird: konsequent die Perspektive der arabischen Opfer eingenommen. Nur durch das Wahrnehmen solcher Gleichzeitigkeiten kann man ein vollständiges Bild von al-Dschasira zeichnen.

Der zweite Block der Konferenz war der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus vorbehalten - und auch hier: Selbstkritik und -erkenntnis in beiden Lagern. "Ereignisse wie 9/11 machen Journalisten patriotischer", hat Marlis Prinzing erkannt, die sich mit der Rolle von BBC und CNN beschäftigte. Einen Unterschied fand sie auch: Die Briten setzten auf Analyse, ihre US-Kollegen auf "action". Mit der "Objektivität" verhalte es sich freilich wie mit einem Einhorn, das man jagt: Man weiß, man wird das Ziel nicht erreichen.

Auch beim Terror war al-Dschasira wieder Thema: Der Sender verbreite viel zu viel Terroristen-Ansprachen und mache al-Qaida erst zum Thema, klagte etwa Zyed Krichen. Dass al-Dschasira allerdings keineswegs al-Qaidas Sprachrohr ist, wurde auf der Konferenz ebenfalls klar: "al-Khansira", "das Schwein", nennen Bin-Laden-Sympathisanten die Station zumeist.

Aufbegehren der arabischen Blogosphäre

Es sind nicht nur News-Medien, die das Verständnis von Westen und islamischer Welt belasten. Das zeigte die Journalistin Donatella Della Ratta am Beispiel einer syrischen Ramadan-TV-Serie : "Yasmines Tod" spielt in London und zeigt nur böse Westler und ein Klima des Generalverdachts gegen Muslime. "Die Serie wurde gemacht, um Grenzen zu schaffen", meint della Ratta.

In der Blogosphäre allerdings, die in Lugano dankenswerterweise nicht zu kurz kam, scheint Dialog möglich. Elijah Zarwan, der für die Menschrechtsorganisation "Human Rights Watch" in Kairo arbeitet, berichtet sogar von israelisch-palästinensischem Austausch über Weblogs.

Die Lage für arabische Blogger ist dabei schwierig: In Ägypten wurde einer kürzlich für vier Jahre ins Gefängnis gesteckt - wegen "Beleidigung des Islam". Die libanesische Blog-Expertin Maha Taki merkte zudem an, dass ihren Interviews zufolge die arabischen Blogger nicht repräsentativ sind: Praktisch alle sind junge Akademiker, viele mit Auslandserfahrung. Die Kommunikation im Internet wird dennoch unaufhaltsam zum Faktor: Als ein saudisches Blog jüngst gesperrt wurde, protestierten die arabischen Cyber-Geschwister - mit Erfolg.

Aufbruch gibt es auch bei den privaten Kanälen, die wie Pilze aus dem Boden schießen: "Folter und sexuelle Belästigung sind nur zwei Themen, die dort behandelt werden und die im staatlichen TV unerhört sind", meint ElKamel.

Gibt es also ein Fazit? Wenn, dann dieses: Tausendundein Missverständnis, durch die Medien verbreitet, trennen Orient und Okzident jeden Tag aufs Neue. Aber auf beiden Seiten gibt es neue Ansätze - und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Berichterstattung noch besser werden kann.



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