Medien-Visionär McLuhan Die Erschaffung des Touchscreen-Menschen

Ohne heißlaufende User wie uns wäre Facebook so kalt wie eine Tiefkühltruhe: Dass die Welt sich der Medien ermächtigen und zum "globalen Dorf" werden würde, hat der Medienphilosoph Marshall McLuhan schon 1969 gewusst. Am 21. Juli wäre der Visionär 100 Jahre alt geworden.

AP

Von Frank Kornberger


Es sei merkwürdig, dass jeden Tag genau so viel passiere, wie in eine Zeitung passe, bemerkte einst Karl Valentin. Jahrzehnte später sollte seine Beobachtung zum Leitauftrag der Kommunikationsforschung werden, die sich der Wechselwirkung zwischen der Wahrnehmung von Wirklichkeit und ihrer Konstruktion durch Medien verschrieben hat. So gegensätzlich ihre Antworten auch ausfallen, so einig ist sie sich in der gemeinsamen Bezugnahme auf mediale Inhalte.

Allerdings: "Man kann auch anders anfangen" (Niklas Luhmann). Und Herbert Marshall McLuhan (1911-1980) fängt anders an. Für den Medientheoretiker und schillernden Pop-Intellektuellen der 1950er- und 60er-Jahre hat "der Inhalt eines bestimmten Mediums ungefähr so viel Bedeutung wie die Aufschrift auf der Kapsel einer Atombombe". Womit er eine neue Disziplin begründet: "Medienwissenschaft, die etwas taugt, beschäftigt sich nicht mit dem Inhalt der Medien, sondern mit den Medien selbst und der gesamten kulturellen Umgebung, in der sie aktiv werden."

McLuhan beginnt sein methodisch exploratives Unterfangen bei einem Medienbegriff, der vor allem ihre technologische Struktur fokussiert. Medien sind für ihn mehr als Zeitung, Radio und Fernsehen, sie sind "extensions of man" - "Ausweitungen unserer Körperorgane und unseres Nervensystems". Der Hammer als Erweiterung der Hand, das Rad als Erweiterung der Füße und der Buchdruck als Erweiterung des Auges haben uns über 3000 Jahre hinweg ins Zeitalter der Elektrizität geführt, die McLuhan als maximalmögliche Erweiterung des menschlichen Organismus, als weltumspannende Ausweitung unseres Nervensystems begreift.

Das war 1962 - lange bevor wir mit dem Internet auch die Zentrale, unser Gehirn, medial erweiterten. Was Frank Schirrmacher in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 17. Juli im Anschluss an den "großen Marshall McLuhan" eine "symbiotische und höchst ökonomische Operation" nennt, hatte den KI-Forscher Ray Kurzweil 1999 zu der weniger harmonieversprechenden These veranlasst, dass uns von der evolutionären Herausbildung der künstlichen Intelligenz als neuer, eigenständiger Lebensform nur mehr die im Verhältnis zu unserem Gehirn noch immer geringere Rechenleistung des WWW trenne.

So sind Medien in der Lesart McLuhans schlechthin der Motor der Geschichte. Sie determinieren räumliche und zeitliche Wahrnehmung, erzeugen neue Formen sozialen Miteinanders, prägen Wahrnehmung und Denken und markieren damit sowohl die Voraussetzungen als auch die Grenzen gesellschaftlicher Veränderung. Die ganze westliche Kultur, die Philosophie der Antike, die Ideen der Aufklärung - sie erscheinen hier nicht mehr als substanzielle Entitäten, sondern als Medieneffekte, als zwangsläufige Ausdrucksformen der technologischen Bedingungen ihrer Zeit.

" Die Gegenwart ist immer unsichtbar"

Die Denkfigur ist nicht neu. Strukturell dem historischen Materialismus von Marx und Engels eng verwandt, treibt McLuhan deren Perspektive einer Determiniertheit aller gesellschaftlichen Entwicklungsgeschichte durch "Produktivkräfte" konsequent ins Abstrakte - so ist auch das marxsche "Produktionsmittel" in seiner Medientheorie im Hegelschen Sinne "aufgehoben", löst sich im McLuhanschen Begriff von Medien als historisch wirkmächtiger Leitstruktur auf. Seine berühmte Aussage "the medium is the message" wird erst in diesem Kontext wirklich verständlich.

Die "Botschaft" des Mediums ist stets der Möglichkeitshorizont einer Technologie, der Mensch wird zum "Geschöpf der eigenen Maschine". Das gilt für die Eisenbahn wie für die Glühbirne, für den Buchdruck wie für den Computer. So skeptisch er dem "abstrakten Tyrannen" Technologie gegenüber stand, so deterministisch materialistisch zeigt sich McLuhan in seiner Auffassung von Geschichte, Gesellschaft und Subjekt.

So sicher wie das Amen in der Kirche ruft diese Perspektive noch immer idealistische Reflexe auf den Plan, die man vermisste wie einen alten Freund, zu dem man eine zwar ambivalente, doch zumindest satisfaktionsfähige Beziehung pflegt - weil man doch immer weiß, wovon der andere jeweils spricht. So ist im eigentlichen Sinn auch richtiger von einer Medienphilosophie als von einer Medientheorie McLuhans zu sprechen, gilt sein Interesse doch in erster Linie den großen historischen Brüchen und dem Verhältnis von kulturellen Schlüsseltechnologien und gesellschaftlichen Ordnungen - und erst in zweiter Linie den einzelnen Medien.

Indem McLuhan die materielle Bedingtheit der großen ideellen Linien fokussiert, stellt er die abendländische Geschichte vom Kopf auf die Füße. Die strukturelle Analogie zum historischen Materialismus Marx-Engelsscher Provenienz ist auch hier augenfällig, wie bei diesem manifestiert sich auch für McLuhan sozialer Fortschritt in qualitativen Sprüngen, auch wenn er diese anders setzt. Denn McLuhan war beileibe kein Revolutionär. Er war ein konservativer Eigenbrötler, der die Selbstinszenierung liebte und sein Publikum gerne verwirrte.

Als Philologe alter Schule, der die Phänomene der aufkommenden Massenkultur mit großer Skepsis betrachtete und dessen Theoreme mehr dystopischen als utopischen Charakter haben, ist Geschichte für ihn keine Abfolge von sozialen Kämpfen. McLuhan liest sie als Kulturgeschichte der Medien, die einer konsistenten Entwicklung bis zu ihrem Fluchtpunkt folgt. Die kommunikative "Gleichzeitigkeit" der oralen Kulturen früher Gesellschaften, geprägt von "Stammestrommel" und mündlicher Überlieferung, erfährt historisch die Trennung von Körper und Kommunikation durch die Alphabetisierung des Abendlandes. So entsteht eine visuelle Kultur "ungleichzeitiger" Kommunikation, die eine rational-aufgeklärte und arbeitsteilige Moderne, Kapitalismus und Nationalismus erst möglich macht.



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technosoph, 21.07.2011
1. McLuhans Update
Ein gehaltvoller und gelungener Text. Vieles von Marshall McLuhan war hellsichtig und ist bis heute aktuell. McLuhan würde heute sicher viele Entwicklungen neu bewerten. Er kannte weder die amoklaufende Dynamik des digitalen Kapitalismus, noch kannte er die proteische Wirklichkeit einer überhitzen und orientierungslosen Mediengesellschaft. Das "global Village" wir zunehmend zum globalen Gulag, epidemisch verbreitet sich eine eskapistische Mitteilungsinkontinenz, die völlig substanzlos daherkommt. Aus dem "The user is the content" ist lange schon eine Unterdrückung der Massen durch Unterhaltung geworden. Medien wie Facebook sollten eher im Sinne Adornos gesehen werden, nämlich als Popkultur und Teil einer Kulturindustrie, die das Publikum mit "trivialen, oberflächlichen Nichtigkeiten" abspeist. Oder einfacher mit Seneca: Wer überall ist, ist nirgendwo.
denkmal! 21.07.2011
2. Total fremde Zone
Die Frage ist, welche Bräuche und Sitten sich im globalen Dorf bilden, der Drang nach zukunftsträchtigem Einvernehmen, oder der Spass als Störefried zu agieren. In einem Dorf kannte sich mal Jeder, im globalen Wort kennt man nur die artifizielle "skin" der Anderen. Wenn überhaupt. Das Tribale wird eher Primitivität sein - ist es schon. Die Gleichzeitigkeit mag zurückgekehrt sein, gleichzeit ist die in ihr enthaltene Übermacht so grotesk, dass der globale Bürger zwar weltumspannend dabe ist, aber gleichzeitig zum Sandkorn geschrumpft. Klein mit Hut. Wenn NUR noch "Schwarmintelligenz" da ist, sind wir uns am Verabschieden ins Reich der Insekten, die hie und da summend einen Diktator zerstechen, aber doch ohne "Königin" nicht auskommen werden. Wir sind Bürger eines sogenannt globalen Dorfes geworden, aber die Sesshaftigkeit gibt es nicht mehr, bzw. sie entspricht ebenso dem Globalen. Und wer unseren Globus mit Milliarden Menschen mit einem DORF vergleicht, macht einen niedlichen Denkfehler! Einfach gesagt: Wir bewegen uns in eine TOTAL FREMDE Zone hinein, von der wir keine Ahnung haben. Wirtschaftlich, Medial, und und und. Da all dies GLOBAL geschieht, dürfte eine gewisse "Unruhe" bei zunehmend grösseren Menschenmassen verständlich sein! Der Untergrund jedes Mediums ist doch die primäre Unsicherheit in Jedem! Sprache an sich ist ein Zeichen der Hilflosigkeit... http://www.scribd.com/doc/49691963/Ps-Zukunft-WOZU3#source:facebook
schoppenhauer 21.07.2011
3. Medium = Massage
Vielleicht sein eigentliches Hauptwerk (was die Rezeption betrifft): der Auftritt des Marschalls in Woody Allens "Stadtneurotiker". http://misanthrope.blogger.de/stories/1857545/
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