Medieneklat in Frankreich AFP-Journalisten revoltieren gegen staatlichen Einfluss

Frankreichs wichtigste Nachrichtenagentur gerät unter Druck: Die Regierung versucht, die Unabhängigkeit von AFP einzuschränken. Die Angestellten wehren sich - und sprechen ihrem Chef das Misstrauen aus.

AFP-Chef Emmanuel Hoog: ein "mutiger Mann" von Sarkozys Gnaden
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AFP-Chef Emmanuel Hoog: ein "mutiger Mann" von Sarkozys Gnaden

Von , Paris


"Alt, stolz und unabhängig" - die Eigenwerbung der französischen Nachrichtenagentur AFP strotzt vor Selbstbewusstsein wie die imposante Architektur ihres Gründerzeitbaus gleich neben der Pariser Börse.

Zu Recht: Die Institution ist die älteste der internationalen Nachrichtenagenturen; sie existiert seit 1835, als der Geschäftsmann Charles-Louis Havas eine "Agentur für politische Artikel und generelle Korrespondenz" gründete. Heute ist sie eine moderne Organisation mit 2900 Journalisten und Korrespondenten in 165 Ländern, im Wettbewerb der internationalen Konkurrenz steht die französische Agentur an dritter Stelle.

Am Tag der Befreiung von Paris, dem 20. August 1944, erhielt die AFP ihren neuen Namen; es dauerte noch 15 Jahre, bis die dazugehörige "Verfassung", also das besondere öffentlich-rechtliche Statut, verabschiedet wurde. Seither ist die Kontrolle der Agentur vor allem den Nutzern unterstellt - vor allem also der französischen Presse. Zentraler Punkt ist dabei laut AFP-Credo: "Das gesetzlich verankerte Statut garantiert die Unabhängigkeit von Staat und Privateigentümern."

Die journalistische Selbstbestimmung garantiert die Freiheit und Qualität der Berichterstattung - ein Umstand, der den französischen Präsidenten in der Geschichte der Fünften Republik nicht immer gelegen war. Auch unter der Herrschaft von Nicolas Sarkozy gab es Unzufriedenheit mit der Arbeit, wenn etwa Kommuniques der Regierungspartei oder des Élysée nicht ihren Niederschlag in der Berichterstattung fanden.

Angriff auf die Mission der Agentur

Der jüngste Versuch, die sperrige Agentur an die Kette der Obrigkeit zu legen, begann im Mai. Ein Gesetzesentwurf, vorgelegt im französischen Senat, zielte auf die Neuordnung der Strukturen: Vermeintlich angeschoben, um die Nachrichtenagentur zu modernisieren, sollte mit dem organisatorischen Umbau auch die Unabhängigkeit der AFP gekippt werden. Gewerkschaftsvertreter sahen in der Reform einen Angriff auf die Mission der Agentur, die sich verpflichtet, "in Frankreich wie im Ausland die Elemente für umfassende und objektive Information zu sammeln". Auf dem Spiel stehe mit der Umgestaltung zu einem Privatunternehmen vor allem die Objektivität der Organisation, die, laut Artikel Zwei ihres Statuts, "unter keinen Umständen unter die juristische oder faktische Kontrolle einer ideologischen, politischen oder wirtschaftlichen Gruppe geraten darf."

Zwar blieben nach außen diese Absicherungen erhalten, in der Substanz wurde die Unabhängigkeit jedoch durch die neue Zusammensetzung eines 15-köpfigen Aufsichtsrates ausgehöhlt. Vor allem über die Finanzierung, die zu 40 Prozent (13 Millionen Euro) über Abonnements des Staates getragen wird, sollten Arbeit wie Zukunftsinvestitionen der AFP unter Aufsicht des Staates gestellt werden. Statt der "autonomen Organisation in Form eines zivilen Rechtsträgers", die weder über Kapital noch Besitzer verfügt, sollte die Agentur in ein "privates Unternehmen" überführt werden - offen für kommerziellen Druck, aber nicht etwa als eigenständiger Konkurrent für seine Nutzer wie Tagespresse, Magazine und Fernsehen. Eine Vorschrift, von der vor allem Verlage, Medienunternehmen und Fernsehsender-Besitzer profitiert hätten.

Der Griff nach staatlicher Kontrolle erwies sich jedoch als Rohrkrepierer. Das Gesetzesvorhaben wurde - nach einem Streik der AFP-Belegschaft - vorerst aus dem Beratungskalender gestrichen. Seither versucht AFP-Chef Emmanuel Hoog, der mit dem Segen des Élysée an die Spitze der Organisation gerückt ist, die Umstrukturierung weiter voranzutreiben. "Der große Kampf", so Kultusminister Fréderic Mitterrand im Juni, werde von dem "mutigen Mann" weitergeführt, Beratungen seien für den Herbst geplant.

Der "mutige Mann" hat sich dabei freilich völlig vom journalistischen Unterbau der Agentur isoliert: Bei einer Vertrauensabstimmung am Donnerstag forderten die betroffenen Redakteure mit mehr als 88 Prozent ihren Vorgesetzten auf, sich von den Änderungsplänen für das AFP-Statut zu distanzieren. Hoog, der Anfang des Monats den Umbau noch als "nötig zur Verbesserung der Verwaltung" und zur "Anpassung an EU-Vorgaben" beschrieben hatte, steckt in der Bredouille.

In einer Botschaft an die AFP-Belegschaft wies er alle Verantwortung von sich. "Es liegt am Senat zu entscheiden, wie er mit dem Gesetzesvorhaben vom Mai verfahren will", so Hoog. Zugleich wünsche er sich einen "verstärkten Dialog".



insgesamt 3 Beiträge
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Redigel 09.09.2011
1. Dr.
Wo man nur hinschaut, überall Marionetten. Demnächst in ihrem Kino und bei der AFP. Traurig, aber wahr...
alterknacker 10.09.2011
2. Als Selbstbetroffener kann ich nur Daumendrücken für die Belegschaft
Zitat von RedigelWo man nur hinschaut, überall Marionetten. Demnächst in ihrem Kino und bei der AFP. Traurig, aber wahr...
Wir vom FIWUS haben selbst schon erfahren müssen, was es heißt, am Beispiel der ZEIT, wie man gemaßregelt werden kann. () Natürlich mache ich auch Werbung für den FIWUS, aber da wir kostenlos gelesen werden können, ist dies eigentlich nur ein natürlicher Vorgang, denn immerhin haben WIR was zu sagen und je mehr Leute auch 'andere Ansichten' nachlesen können, denn umso mehr Meinungsvielfalt vorhanden ist, umso mehr werden auch die Links zu den etablierten Medien und dadurch auch zu ihren Einnahmen, nämlich der Werbung hergestellt. Dies ist ein Geben und Nehmen. Der Chefredakteur der ZEIT ist ein ehemaliger Arbeitskollege aus seiner Zeit als Moderator beim Bayerischen Rundfunk und da ich zu dieser Zeit nur ein kleiner Techniker war, in der meisten Zeit für Leute, die ihr Gesicht einer Kamera zeigten, fast unsichtbar, bis auf ein mal, als ich während einer Live-Sendung verbal auf einen Neo-Nazi losgegangen bin mitten in der Sendung, die er moderierte. Möglicherweise ist das nun auch eine Retourkutsche für diesen Fauxpas. Meine Einstellung zum HEUTIGEN Journalismus wird sich aber nur dadurch ändern, wenn sich auch deren Einstellungen ändern. http://tinyurl.com/3mnfg5n
syracusa 10.09.2011
3. @ alterknacker
Zitat von alterknackerWir vom FIWUS haben selbst schon erfahren müssen, was es heißt, am Beispiel der ZEIT, wie man gemaßregelt werden kann. () Natürlich mache ich auch Werbung für den FIWUS, aber da wir kostenlos gelesen werden können, ist dies eigentlich nur ein natürlicher Vorgang, denn immerhin haben WIR was zu sagen und je mehr Leute auch 'andere Ansichten' nachlesen können, denn umso mehr Meinungsvielfalt vorhanden ist, umso mehr werden auch die Links zu den etablierten Medien und dadurch auch zu ihren Einnahmen, nämlich der Werbung hergestellt. Dies ist ein Geben und Nehmen. Der Chefredakteur der ZEIT ist ein ehemaliger Arbeitskollege aus seiner Zeit als Moderator beim Bayerischen Rundfunk und da ich zu dieser Zeit nur ein kleiner Techniker war, in der meisten Zeit für Leute, die ihr Gesicht einer Kamera zeigten, fast unsichtbar, bis auf ein mal, als ich während einer Live-Sendung verbal auf einen Neo-Nazi losgegangen bin mitten in der Sendung, die er moderierte. Möglicherweise ist das nun auch eine Retourkutsche für diesen Fauxpas. Meine Einstellung zum HEUTIGEN Journalismus wird sich aber nur dadurch ändern, wenn sich auch deren Einstellungen ändern. http://tinyurl.com/3mnfg5n
Mit Verlaub, in Ihrer abenteuerlichen Hybris verwechseln Sie da ganz elementare Dinge. Dass die ZEIT bzw die Administration deren Forums Sie maßregeln kann, ist geradezu Ausdruck einer freien Presse. Auch Ihnen steht in Ihrem eigenen Blog/Forum dieselbe Maßregelung der ZEIT-Mitarbeiter zu. Pressefreiheit ist geradezu das Gegenteil von dem, was Sie da implizit fordern: sie ist die Freiheit der Presse vor STAATLICHER Maßregelung. Die Presse ist frei, und diese Freiheit impliziert automatisch, dass auch die ZEIT frei darüber entscheiden darf, Ihre individuellen Ergüsse in ihren Publikationen zu veröffentlichen oder nicht.
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