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Bild des toten Alan Kurdi: "Solche Bilder brennen sich in die Netzhaut ein"

Ein Interview von

Zeigen oder nicht zeigen? Das Bild des toten Flüchtlingsjungen Alan Kurdi erschüttert Menschen auf der ganzen Welt - und löst Diskussionen aus. Medienethiker Alexander Filipovic über die Notwendigkeit solcher Bilder.

Soldat mit Leichnam von Alan Kurdi: "Das ist kaum auszuhalten" Zur Großansicht
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Soldat mit Leichnam von Alan Kurdi: "Das ist kaum auszuhalten"

  • SJ-Bild/ Leopold Stuebner SJ
    Alexander Filipovic, Jahrgang 1975, ist Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München und koordiniert die Arbeitsgemeinschaft "Netzwerk Medienethik". Forschungsschwerpunkte des Kommunikationswissenschaftlers sind unter anderem Ethik im Internet, Gerechtigkeit in der Medienwelt und der Zusammenhang von Demokratie und Medien.
SPIEGEL ONLINE: Herr Filipovic, wie war Ihre erste Reaktion auf das Bild vom ertrunkenen Alan Kurdi?

Alexander Filipovic: Ich hatte Tränen in den Augen, und die Tränen sind auch gelaufen. Und sich vorzustellen, dass dieser Junge das eigene Kind wäre - kaum auszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Warum bewegen uns Kinder so sehr?

Filipovic: Es ist etwas zutiefst Menschliches, dass wir uns um Kinder besonders bemühen. Und wenn sie bedroht sind oder sterben, fühlen wir uns besonders herausgefordert, dieses Leid aus der Welt zu schaffen. Dieses Bild bringt außerdem auf den Punkt, warum Menschen die Gefahren einer Flucht überhaupt auf sich nehmen: Viele Flüchtlinge wollen wahrscheinlich vor allem für ihre Kinder das Beste.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der Grund dafür, dass dieses Foto so schnell um die Welt ging?

Filipovic: Das liegt auch daran, dass uns dieses Thema schon eine ganze Weile begleitet, daher trifft diese drastische Aufnahme jetzt auf eine besondere Empfindlichkeit. Aus einer tieftraurigen Ästhetik heraus entwickelt sich diese Szene zu einem symbolträchtigen Foto für die ganze Flüchtlingskrise. Vieles spricht dafür, dass das Bild des ertrunkenen Jungen zur Fotoikone wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert so eine Ikonisierung?

Filipovic: Das hängt von vielen Faktoren ab: Es gibt nur wenige Bilder, die die Komplexität und Vielfältigkeit einer solchen Krise in einem Moment festhalten. Wichtig ist die Vorgeschichte und der Moment, in dem ein Bild in die Welt gesetzt wird. Auch Geistesgegenwart eines einzelnen Fotojournalisten spielt eine große Rolle - oder der Zufall.

SPIEGEL ONLINE: Der Zufall?

Filipovic: Ja, für Bilder gelten andere Regeln als für Texte. Sie setzen sich viel schneller im Gedächtnis fest, brennen sich quasi in die Netzhaut ein. Viele Bücher sind eindringlicher und sagen mehr über die Dimensionen einer Situation aus, aber eine Fotoikone mit einem Kind darauf haben wir noch nach vielen Jahren im Kopf. Deshalb gibt es so viele weltberühmte Aufnahmen aus historischen Konflikten mit Kindern - zum Beispiel das berühmte Bild der schreiend davonlaufenden Kinder aus dem Vietnamkrieg.

Kinder nach Napalm-Angriff in Südvietnam (1972): Bild mit Symbolkraft Zur Großansicht
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Kinder nach Napalm-Angriff in Südvietnam (1972): Bild mit Symbolkraft

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seit damals geändert?

Filipovic: Die Geschwindigkeit hat sich schon deutlich erhöht. Heute hat ja fast jeder, der bei Facebook oder Twitter ist, dieses Foto irgendwo in seiner Timeline - und zwar weltweit. Die Verbreitung ist rasant geworden.

SPIEGEL ONLINE: Bergen solche Fotos nicht auch die Gefahr einer Verkürzung komplexer Ereignisse?

Filipovic: Grundsätzlich schon, natürlich. Aber in diesem Fall ist das eine andere Dimension, hier geht es um etwas sehr Ernstes: Diese Art von Leid darf nicht in der Welt sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist es also richtig, dass viele Medien dieses Foto zeigen?

Filipovic: Jede Berichterstattung darüber sollte mit einem Text begleitet werden, der Hintergründe liefert. Und Journalisten sollten solche Fotos nicht missbrauchen, um die eigenen Leser zu erziehen oder aufzurütteln. Das Bild an sich hat eine Wirkung, die aufrüttelnd genug ist.

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