Medienforscher Hachmeister zu Kirch "Dem Nonsens sind keine Grenzen gesetzt!"

Der Kölner Medienexperte Lutz Hachmeister sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Krise des kommerziellen Fernsehens nach der Kirch-Pleite, die ungewisse Zukunft des Pay-TV und die Inkompetenz der Medienpolitiker.


Medienexperte Hachmeister: "Die Technologie muss einfacher werden"
DDP

Medienexperte Hachmeister: "Die Technologie muss einfacher werden"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hachmeister, wer trägt Ihrer Meinung nach die Verantwortung für den Untergang des Kirch-Konzerns?

Lutz Hachmeister: Zunächst einmal natürlich das Kirch-Management mit seiner sehr waghalsigen Strategie, das Bezahlfernsehen immer weiter zu forcieren, ohne dass dafür ein realer Markt vorhanden gewesen wäre. Es war naiv zu glauben, dass man Sat.1, Kabel 1 und ProSieben mit sehr vielen attraktiven Spielfilmen aus Hollywood bestücken und gleichzeitig ein ähnlich gelagertes Abonnenten-TV aufbauen kann. Das Kirch-Management ist ja mehrfach darauf hingewiesen worden, dass dies nicht funktionieren kann. Dennoch ist man blind mit allen anderen Kirch-Teilfirmen in den Abgrund gestürzt.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die hoch bezahlten Topmanager der KirchGruppe überschätzt?

Hachmeister: Das sind in der Tat hoch bezahlte Manager, hoch gelobt wurden sie eigentlich selten. Ich denke, dass in den letzten Jahren Leo Kirch doch den Überblick über sein eigenes Imperium verloren hat. Stattdessen haben die beiden Oberhausener Brüder Hahn eine entscheidende Funktion im Unternehmen wahrgenommen, die aber nicht durch publizistische Kompetenz gedeckt war. Dazu kommt, dass das Unternehmen viel zu kompliziert strukturiert war, so dass Herr Rohner, der Chef von ProSiebenSat.1, bis heute sagen kann: "Pay-TV interessiert mich nicht so, ich bin für die Free-TV-Sender zuständig." Teamabsprachen hat es zum Schluss wohl gar nicht mehr gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet die Kirch-Pleite nicht nur das wahrscheinliche Aus für Premiere, sondern gleichzeitig auch über Jahre hinweg das Verschwinden von Pay-TV in der deutschen Medienlandschaft?

Hachmeister: Hier haben alle denkbaren Investoren die Wahl zwischen Pest und Cholera. Um das Pay-TV attraktiv zu machen, müsste man den Markt für das frei empfangbare Fernsehen entscheidend reduzieren. Das aber würde bedeuten, dass man wichtige Plätze im Kabelnetz für die Konkurrenz frei macht. Diese Konkurrenz könnte zum Beispiel eine Neugruppierung aus SPIEGEL und Holtzbrinck oder Springer sein, auch RTL/Bertelsmann wird nicht die Hände in den Schoß legen. Die ProSiebenSat.1-Gruppe arbeitet aber halbwegs profitabel, so dass es eine sehr schwierige Entscheidung für jeden Investor, selbst für Rupert Murdoch, sein dürfte, ob man hier Einschnitte vornehmen will. Grundsätzlich glaube ich aber, dass es ziemlich merkwürdig wäre, wenn es in einem entwickelten Fernsehland wie Deutschland kein Pay-TV gäbe.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das Verschwinden von Pay-TV denn überhaupt ein Verlust für die Fernseh-Landschaft?

ProSiebenSat.1 -Manager Rohner: "Viel zu kompliziert strukturiert"
DPA

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Hachmeister: Kommt darauf an, was man daraus macht. Premiere war anfangs eine wirkliche Premium-Marke, denkt man an Sendungen wie "0137" mit Willemsen und Maischberger, auch die gesamte deutsche Comedy-Szene ist durch Premiere sehr befruchtet worden. Der Sender hatte durchaus eine publizistische Bedeutung für die Fernseh-Landschaft, im Stile von Canal Plus in Frankreich. Das hat natürlich etwas gekostet, hätte sich aber langfristig ausgezahlt. Nach der Trennung von Bertelsmann hat Kirch alle originelleren "Programmfenster" radikal eingestellt, weil er keine müde Mark in Eigenproduktionen stecken wollte. Dadurch hat der Sender schließlich seine Seele verloren.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste sich ändern, um Bezahlfernsehen für den Konsumenten attraktiv zu machen?

Hachmeister: Die Technologie muss und wird einfacher werden, indem man sie etwa in die TV-Geräte integriert. Statt über eine D-Box könnte dann das Angebot über Karten aktiviert werden. Zum anderen wird das Angebot reduziert werden müssen. Es reicht, wenn Pay-TV auf vier, fünf Kanälen angeboten wird, einen Haupt- und drei, vier Spezialsender. Das würde es für den Konsumenten günstiger machen, und diese Strategie hat Georg Kofler auch schon eingeschlagen.

Pleitier Kirch: "Blind in den Abgrund gestürzt"
DPA

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SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Kirch-Pleite für das Konzept "Medienstandort", wie ihn die Politik nur allzu gerne beschworen hat, etwa in München oder in Köln?

Hachmeister: Die Standortpolitik ist tot. Ich habe eigentlich nie richtig begriffen, was das sein soll. Standortpolitik hat im sehr überzüchteten Wettbewerb zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen dazu geführt, dass Medienprojekte einfach akquiriert wurden, ohne sie auf ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. So sind viele Sender entstanden, wie Neun Live oder DSF, die halbtot vor sich hin vegetieren, bei aller Achtung vor den dort arbeitenden Kollegen. Diese Schrebergarten-Medienpolitik ist völlig unangemessen angesichts weltweit agierender Medienkonzerne, wie etwa Time Warner oder News Corporation.

SPIEGEL ONLINE: Das sind aber nicht nur Verfehlungen der Medienkonzerne, sondern auch der Medienpolitik.

Hachmeister: In der Tat sind in diesem Land dem medienpolitischen Nonsens keine Grenzen gesetzt. Aus dieser Kumpanei der Inkompetenz können alle möglichen Konsequenzen erwachsen - für die Journalisten und Fernsehmacher, letztlich aber auch für die demokratische Öffentlichkeit. Wenn wir also nicht zu einem Austausch und einem Neuaufbau von Personal in der Medienpolitik kommen, dann werden wir im internationalen Wettbewerb weiter absteigen. Es wird dann schwer, eine wirklich funktionierende deutsche Film- und Fernsehwirtschaft zu erhalten.

Kirch-Sender Neun Live, Moderatorinnen: "Halbtot vor sich hin vegetieren"
TM3

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SPIEGEL ONLINE: Die Kirch-Krise ist auch eine Krise des kommerziellen Fernsehens. Dennoch scheint es RTL nach wie vor relativ gut zu gehen. Was macht man dort richtig, was im Hause Kirch vermasselt wurde?

Hachmeister: Die RTL-Gruppe agiert europäisch und ist inzwischen, das weiß auch der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff, der entscheidende Part des gesamten Bertelsmann-Konzerns. RTL hatte zum einen sicherlich Glück mit seinem Management, also mit Helmut Thoma und mit Gerhard Zeiler, und zum anderen ist Bertelsmann in seiner Ausgabenpolitik, bei vielen Fehlern, die man zum Beispiel mit Vox auch dort gemacht hat, doch etwas konservativer als Kirch. RTL ist ein Programmbetrieb, Kirch war immer Vertriebsmann. Und es war sicherlich auch eine intuitiv richtige Entscheidung von Middelhoff, aus dem Pay-TV-Vertrag mit Kirch auszusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Die kommerziellen TV-Anbieter haben immer gerne die Berechtigung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Frage gestellt; ist die Krise der privaten Fernsehwirtschaft daher nun ein Grund für die ARD und ZDF, Freudentänze aufzuführen?

Hachmeister: Man sollte bei ARD und ZDF sehr gelassen bleiben. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sich Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts in einer Identitätskrise befunden, konnte diese aber mit Leuten wie dem ARD-Programmdirektor Günter Struve oder dem neuen ZDF-Intendanten Markus Schächter überwinden, die sehr pragmatisch an nachhaltigen Programmlinien gearbeitet haben. Inzwischen sind die Politiker sicherlich auch froh, dass sie ein so sicheres System wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen haben. Natürlich wird mit 6,5 Milliarden Euro Gebührengeldern derart in den Markt eingegriffen, dass die Chancen für kommerzielle Angebote minimiert werden. Da muss man schon entscheiden, wo man den Schwerpunkt legen will: You can't have the cake and eat it.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Duale System zukunftsfähig?

ARD-Programmdirektor Struve: "Pragmatisch an nachhaltigen Programmlinien gearbeitet"
ARD

ARD-Programmdirektor Struve: "Pragmatisch an nachhaltigen Programmlinien gearbeitet"

Hachmeister: Ich habe immer dafür plädiert, eine dritte Option zu eröffnen, bei der sich öffentlich-rechtliche Anbieter in bestimmten Bereichen mit privaten Medien-Unternehmen zusammentun. Das könnte zum Beispiel in Feldern wie Dokumentation, Bildung oder Geschichte sein. Es hat darüber auch eine Zeit lang Gespräche gegeben, auch da aber war die Medienpolitik nicht schöpferisch genug. Die Kirch-Krise könnte ein guter Anlass sein, über diese Dinge erneut zu beraten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie den deutschen TV-Markt in fünf oder zehn Jahren?

Hachmeister: Man muss den deutschen Fernsehmarkt ganz sicher nicht wesentlich in die Hände ausländischer Medienkonzerne geben, dafür gibt es keine publizistische und auch keine ökonomische Notwendigkeit. Es wird in Zukunft wenige starke Marken geben; und das werden im Wesentlichen auch die sein, die heute schon existieren. Man wird mehr themenbezogene Spezialkanäle haben, wie etwa einen "History Channel", die weniger Programmkosten aufzuweisen haben. Gleichzeitig muss sich die Produktionswirtschaft darauf einstellen, dass der Zenith der Auftragsproduktionen heute erreicht ist. Und ich bin mir sicher, dass es in der kommenden digitalen Fernsehwelt auch ein funktionierendes Bezahlfernseh-System geben wird.

Das Interview führte Andreas Kötter



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