Medienposse Die SchwäZ beißt

Ein Buch über Filz, Korruption und Kumpanei in Baden-Württemberg bringt die "Schwäbische Zeitung" auf die Zinne. Das als "SchwäZ" bekannte Lokalblatt wurde mit einem eigenen Kapitel bedacht und geht gegen Verlag und Autor vor. Der freut sich über die Publicity.

Von Michaela Schießl


Die Schwaben sind bekanntlich ein recht eigenwilliger Volksstamm. Reizt man sie, werden sie "bruddlig", nervt man sie, reagieren sie "oleidig" und setzt man sie unter Druck, so werden sie mauleselstur. Wer sollte das besser wissen als die "Schwäbische Zeitung", die seit 1945 aus dem Herz Baden-Württembergs berichtet, aus Laupheim und Biberach, Tuttlingen und Tettnang, Isny und Laichingen. Um so verwunderlicher ist, dass das Regionalblatt nun einen Rechtsstreit vom Zaun bricht, der - angesichts des schwäbischen Reiz-Reaktionsschemas - das Zeug hat, sich zu einem langanhaltenden Armdrücken auszuwachsen.

Leicht erregbar: Die "Schwäbische Zeitung" (Abb.: Demo-Version des e-papers)

Leicht erregbar: Die "Schwäbische Zeitung" (Abb.: Demo-Version des e-papers)

Ausgangspunkt ist ein Buch, das Josef- Otto Freudenreich, preisgekrönter Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung", Anfang April herausgab. Unter dem an die Werbekampagne fürs Ländle angelehnten Titel "Wir können alles" beschreiben vier Journalisten Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle. Achthändig und genüsslich watschen sie Ministerpräsident Günther Oettinger, Landräte und Beamte ab, nehmen sich die Unternehmen Birkel und Flowtex vor - und eben auch die "Schwäbische Zeitung", die in vielen Orten Monopolstellung genießt. Von der Entlassung kritischer Redakteure ist in dem Kapitel die Rede, von inhaltlicher Verflachung, der Schließung von Regionalbüros und einem Klima der Angst in der Redaktion. Das einst christlich-konservative Blatt bewege sich, so Freudenreich, immer stärker in Richtung gewinnbringender Boulevard und weg von kritischem Journalismus.

Tatsächlich sind die meisten der von Freudenreich geschilderten Fälle, etwa von Entlassungen, Jahre alt. Dennoch reagierten die Gescholtenen sauer. Acht bis zehn Faktenfehler habe man in Freudenreichs Stück ausgemacht, sagt Joachim Umbach, Mediendirektor des Schwäbischen Verlags. Gegen drei geht das Haus nun gerichtlich vor.

Als erstes traf es die "taz", die das umstrittene Kapitel am Erscheinungstag druckte. Postwendend erhielt die Zeitung eine Abmahnung, den Inhalt nicht weiterzuverbreiten, eine Einstweilige Verfügung (EV) vom Landgericht Stuttgart ist unterwegs. Das linke Berliner Blatt nahm die digitale Version noch am gleichen Tag aus dem Netz - womöglich auch, weil die Online-Redaktion im Vorspann übermütig vermeldet hatte, die "Schwäbische Zeitung", im Ländle "SchwäZ" genannt, werde eingestellt. Am 9. April traf eine Abmahnung beim Buchverlag Klöpfer & Meyer ein, eine EV wird folgen; gleiches landete beim Autor persönlich.

Geschwärzte Stellen im "taz"-Artikel

Wie scharf die "Schwäbische" in eigener Sache schießt, erlebte Michael Riethmüller von der Buchhandlung Ravensbuch in Ravensburg. Kaum hatte er den "taz"-Artikel als Verkaufsanreiz neben den Bücherstapel gehängt, erschien ein Mitarbeiter der "SchwäZ" mit der freundlichen Bitte, die Seite abzuhängen, weil man den Text abgemahnt habe. Das ging dem Buchhändler mächtig gegen den Strich. "Eine Zeitung muss mehr noch als jedes andere Unternehmen akzeptieren, dass ihre Geschäftspolitik diskutiert wird. Wenn die einzige Tageszeitung, die es hier gibt, schon nicht über das Buch berichtet, ist es unsere Aufgabe als Buchhändler, das zu verbreiten." Sogar die Politiker gingen souveräner mit der Kritik um als die Zeitung: "Das Landratsamt hat sofort zehn Exemplare bestellt. Das würde ich mir von der Schwäbischen auch wünschen."

Statt den "taz"-Artikel abzuhängen, schwärzte der listige Buchhändler die strittigen Stellen mit dickem Edding, was natürlich noch mehr Käufer anlockte. Außerdem will er die "SchwäZ" noch mit einer Anzeige beglücken, Werbung für die Lesung mit den Autoren am 16. Mai. "Ich bin gespannt, ob sie die Anzeige drucken. So könnten sie beweisen, das sie wirklich einen neuen Stil pflegen." Die Ankündigung für eine Lesung in Friedrichshafen zumindest hat die "SchwäZ" nicht gedruckt. Die Nachricht verbreitet sich dennoch: Mit insgesamt rund 1000 Leuten waren die bislang drei Veranstaltungen zum Buch extrem gut besucht.

"Zensur ist, wenn man trotzdem lacht"

Das überwältigende Interesse gibt Verleger Hubert Klöpfer Mut, im Streit mit der Zeitung nicht zu weichen. "Ich stehe zu dem Buch. Wir haben es vor Drucklegung juristisch genau durchgesehen und glauben, alles belegen zu können. Die beanstandeten Stellen sind Pipifax."

Auch der Anwalt von Klöpfer & Meyer, Markus Köhler, gibt sich kämpferisch: "Der Berg hat ein kleines Mäuschen geboren", kommentiert er die drei Abmahnungsgründe und verspricht: "Wir werden keine Unterlassungserklärung abgeben." Auf ein Kompromissangebot hat Köhler bislang keine Antwort erhalten.

Offenbar legt es der Buchverlag ohnehin auf eine öffentliche Gerichtsverhandlung an. Mit großem Vergnügen würde Autor Josef-Otto Freudenreich reihenweise ehemalige "SchwäZ"-Mitarbeiter als Zeugen aufmarschieren lassen, die ausführlich von ihren Erlebnissen berichten. "Zensur ist, wenn man trotzdem lacht", feixt Freudenreich voller Vorfreude. "Hanebüchen" findet er es, dass "eine Zeitung, die der Wahrheit verpflichtet ist, versucht, kritischen Journalismus platt zu machen."

Mediendirektor Umbach keilt zurück: Er ist stolz darauf, das einst sehr rechtslastige Blatt, das so hübsche Rubriken wie "Die CDU berichtet" hatte und früher sogar den chilenischen Diktator Pinochet unterstützte, geöffnet zu haben: "Wenn Freudenreich will, dass wir wieder rechtslastiger werden, kann ich ihm das nicht verwehren. Wir zumindest wollen das nicht."

Den als linksgerichtet bekannten Autor wird dieser Vorwurf kaum treffen. Der Streit um sein Buch dagegen ist Grund zur Freude: Die erste Auflage ist bereits vergriffen, die zweite im Druck.



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