Medienwunder "Die Ludolfs" Von echtem Schrott und Korn

Abwrack-Hysterie? Opel-Krise? Pah. In der Welt der unerschütterlichen Schrottplatz-Betreiber "Die Ludolfs" haben solch stressige Gegenwartsprobleme keinen Platz. Und wer so herrlich entspannt und authentisch wirkt, schafft's nicht nur ins Fernsehen - sondern sogar ins Kino.


Wie der Alltag in der Autoverwertung Ludolf im 1000-Seelen-Dorf Dernbach im Westerwald aussieht, weiß eine treue Fernseh-Fangemeinde ganz genau. Die vier Brüder, die das Unternehmen betreiben, folgen schließlich einer strikten Arbeitsteilung: Günter, 54, Stoiker und Kettenraucher, nimmt am Telefon einsilbig Kundenanfragen entgegen: "Ludolf. Gudn." Die leitet er dann an den Geschäftsführer und Lagermeister Peter, 53, weiter. Der dämmert meist auf dem Stuhl nebenan vor sich hin, durchkämmt im Geiste die gewaltigen Ersatzteilbestände, die in keinem Computer erfasst, sondern nur nach seinem ureigenen "Haufenprinzip" geordnet sind, und bescheidet die Wünsche nach Abschlepphaken, Auspuffanlagen und Endpötten dann je nach Sachlage. Unterdessen kümmern sich Uwe, 57, und Manni, 46, draußen um die gröberen Arbeiten wie das Abholen und Ausschlachten der Schrottautos.

Die – dramaturgisch nur minimal frisierte – TV-Aufbereitung dieser Abläufe begann 2002 mit einem SWR-Porträt der Familie, setzte sich mit Beiträgen in verschiedenen Magazinsendungen und Reportagen fort und mündete 2006 in eine vom Männersender DMAX produzierte Doku-Soap, die jetzt in ihre sechste Staffel geht. Die Brüder bescheren dem Spartenkanal regelmäßig Quoten über dem Senderschnitt, nahmen im vergangenen Jahr an Stefan Raabs "Stock Car Crash Challenge" teil und waren sogar für den Grimme-Preis 2009 nominiert.

Doch damit nicht genug: Am 9. April entern die Publikumslieblinge auch die große Leinwand. "Die Ludolfs – Dankeschön für Italien!" heißt das 95-minütige Werk, das mit immerhin 80 Kopien an den Start geht, ganz kinogemäß von einem Aufbruch handelt und sich nach angemessen gemächlicher Einführung zum veritablen Roadmovie aufschwingt: Die Helden dürfen einen unerfüllten Traum ihrer verehrten verstorbenen Eltern realisieren und in einem alten Opel Rekord B samt Wohnwagen ins Fünfziger-Jahre-Sehnsuchtsland der Deutschen zuckeln – nach Italien.

Wer den Film anschaut, fühlt sich denn auch wie von einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gebeamt. Der Kino-Trip ist da eine konsequente Fortsetzung der TV-Soap: Abwrack-Hysterie? Opel-Krise? Ach was.

In der heimeligen, von keinerlei modernen Stressfaktoren getrübten Welt der Ludolfs haben solche Zeitphänomene keinen Platz. Wenn Günter und Peter vor ihrer angeranzten Tapete, verziert mit einem Volvo-Schriftzug und den Audi-Ringen, sitzen, schnarchen, schwadronieren, dann scheint die kalte Gegenwart weit weg.

Auf ihre Weise verkörpern die kuriosen Hinterwäldler Werte wie Heimatverbundenheit, Familienzusammengehörigkeit und Traditionsbewusstsein – und befeuern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Als sie einmal das ehemalige Büro des Vaters betreten, das aussieht, als habe der es gerade eben erst verlassen, finden sie neben den gesuchten – originalverpackten – Glühlampen auch "Vater sein Wechselgeld – alles noch D-Mark".

Natürlich balanciert die Regie – wie stets in diesem Genre, man denke an "Die Fussbroichs" – auf schmalem Grat: Von entspannt eingefangener Urigkeit bis zum Ausstellen von Unzulänglichkeiten und Defekten ist es bisweilen ja nicht weit. Hier und da wirken die Rührselig- und Tapsigkeiten doch etwas dick aufgetragen; wie die Ludolfs in blauen Arbeitshosen mit ihren Kugelbäuchen durch Venedig watscheln ("Günterchen, guck ma’, das is’ Kultur!"), mutet grenzwertig an.

Manchmal ertappt man sich beim Blick auf das Dernbacher Wohnhaus auch bei dem Gedanken, ob die Brüder nicht vielleicht doch mal gerne renovieren würden, es aber laut Produktionsvertrag nicht dürfen, um ihren – übrigens auf einer absolut zeitgemäßen Website dokumentierten – Kultstatus nicht zu gefährden.

Insgesamt aber kann man sich dem herz- und hirnerweichenden Charme der Ludolfs kaum verschließen. Wie Peter den Plattenspieler rausholt, zu "Funiculì, Funiculà" den Tanzbär gibt und von "Sophia Lorenz" schwärmt, das hat clowneske Qualitäten. Man glaubt auch gern, dass der Hüne mit dem schulterlangen Haar vor laufender Kamera tatsächlich einschläft – und sei es dank der in Jahren erworbenen Routine im Umgang mit Drehteams.

Wenn Manni auf der Reise feststellt, "schon die Fahrt ist Urlaub für mir", ist man geneigt, den korrekten Gebrauch von Dativ und Akkusativ für völlig nebensächlich zu halten. Und als der alte Opel in den Alpen mit den Steigungen zu kämpfen hat und zu qualmen anfängt, wissen die Brüder genau, was zu tun ist: Sie halten an, warten einfach, bis er wieder abgekühlt ist, nutzen die Unterbrechung für eine kleine Schneeballschlacht und fahren fröhlich weiter – das nennt man wohl Urvertrauen, und es ist von einer kindlich-nostalgischen Unschuld, gegen die kein Vorbehalt bestehen kann. Bestechend auch Mannis Methode, gelegentliche Wut auf seine Brüder stellvertretend an Gartenzwergen auszulassen, die er nach ihnen benannt hat.

Wahrscheinlich besteht genau darin das Erfolgsgeheimnis der vier menschenfreundlichen Knorze aus dem Westerwald: Sie befriedigen die Sehnsucht nach einer Originalität, die sich kein Drehbuchschreiber ausgedacht hat - und sie vermitteln auf geradezu therapeutische Weise Ausgeglichenheit. "Die sind so gelassen wie ich", bilanziert Günter abschließend seine erfreulichen Erfahrungen mit dem Volk der Italiener.

An so viel innerer Ruhe nimmt man sich gern ein Beispiel - gerade in Krisenzeiten.


"Die Ludolfs - Vier Brüder auf'm Schrottplatz", neue Episoden ab 1. April, 20.15 Uhr auf DMAX; "Die Ludolfs - Dankeschön für Italien!", ab 9. April in den Kinos; "Best of Ludolfs" am 9. April auf DMAX



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