Exiljournalisten in Deutschland "Es wäre besser gewesen, wenn ich dageblieben wäre"

In Pakistan kritisierte Meera Jamal Koranschulen für Kinder und gefährdete damit ihr Leben. Im deutschen Exil lebt die Journalistin außer Gefahr - aber sie hat ihren Lebensinhalt verloren. Ihre ist eine von vielen ähnlichen Geschichten ohne Happy End.

Meera Jamal vor dem Flüchtlingsheim in Kassel: "Worüber sollte ich sonst schreiben?"
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Meera Jamal vor dem Flüchtlingsheim in Kassel: "Worüber sollte ich sonst schreiben?"

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Irgendwann zwischen ihrer Arbeit als Zimmermädchen in einem Hotel und dem Job an der Kasse bei Burger King verstand Meera Jamal, dass sie in Deutschland nicht als Journalistin arbeiten würde.

Bis vor fünf Jahren konnte sie in ihrer Heimat Pakistan noch mitgestalten. In einem Land, in dem die Macht radikaler islamischer Gruppen seit Jahrzehnten zunimmt, schrieb Jamal als Journalistin für die älteste Zeitung des Landes über Frauen- und Kinderrechte: Jamal besuchte Prostituierte und Frauen im Gefängnis, unterhielt sich mit Mädchen, die nach einer Vergewaltigung fast totgeprügelt worden waren. Sie versuchte, Geschichten Raum zu geben, die sonst zu kurz kamen. Keine leichte Arbeit. Für Jamal war sie erfüllend. "Ich merkte, dass ich die öffentliche Meinung beeinflussen konnte."

Nicht die Artikel über Frauenrechte waren es, die Jamal dazu brachten, Pakistan zu verlassen. Erst als sie kritisch über Koranschulen für Kinder berichtete, wurde sie ernsthaft bedroht. Jamal wusste, dass sie damit ein heikles Thema ansprechen würde.

In den Koranschulen würden die Kinder zu kleinen Robotern erzogen, die arabische Zeilen auswendig lernten, schrieb Jamal. "Kein Lachen, kein Spielen oder Toben", sagt sie. "Nur diese Zeilen, tagein, tagaus." So sollten Kinder nicht aufwachsen, davon ist Jamal überzeugt. Kurz nachdem der Artikel erschien, lauerten ihr Männer auf der Straße auf. Sie hatten ein Messer dabei, sagten ihr, sie solle mit dem Schreiben aufhören. Jamal merkte, dass sie nicht mehr sicher war - zumindest, solange sie kritische Artikel schrieb. "Worüber sollte ich sonst schreiben? Entertainment? Das kam nicht infrage", sagt sie rückblickend. 2009 ließ sie Familie und Freunde zurück und ging ins politische Asyl nach Deutschland.

Ein Hochhäuserblock am Rand von Kassel. Jamal, 32 Jahre alt, sitzt in ihrer Wohnung, hier lebt sie inzwischen mit Mann und dem in Deutschland geborenen Sohn. Ohne den gesellschaftlichen Druck, den sie in ihrer Heimat gespürt hat. "Ich habe die Freiheit, alles zu machen, was ich will", sagt Jamal. Eine große Frau mit dunklem Haar und fester Stimme; man kann sich gut vorstellen, dass sie die richtige Mischung aus Einfühlung und Zielstrebigkeit besitzt, um spannende Interviews zu führen. Aber seitdem sie in Deutschland lebt, fragt sie selbst nicht mehr, sondern antwortet nur, wenn sich deutsche Journalisten für ihre Geschichte interessieren. Wie ist es Ihnen hier ergangen, Frau Jamal? "In Pakistan habe ich mich mit meinem Leben für den Beruf eingesetzt. In Deutschland bekam ich dafür nichts."

Pressefreiheits-Ranking von "Reporter ohne Grenzen"

Manche Hilfe war da: Finanzielle Unterstützung bekam Jamal von dem Verein "Journalisten helfen Journalisten", bei der Bürokratie half ihr "Reporter ohne Grenzen". Aber Förderprogramme, die Exiljournalisten in Deutschland in den Beruf eingliedern, gibt es nicht. "Wir können bei der Alltagsorganisation helfen, verfolgten Journalisten psychologische Hilfe vermitteln", sagt Jens-Uwe Thomas, der bei "Reporter ohne Grenzen" die Flüchtlingsarbeit koordiniert. "Aber eine neue journalistische Existenz in Deutschland aufbauen, das klappt fast nie."

Exiljournalisten haben es schwer, weil sie schlechter ausgebildet sind als deutsche Reporter, gerade in Ländern mit langer Diktaturtradition gibt es kaum institutionalisierte Wege in den Beruf. Auch Mentalitätsunterschiede machen das Arbeiten hier schwierig; Journalisten, die unter repressiven Regimen arbeiten, fühlen sich eher als Aktivisten, nicht als Beobachter. Und: In einem Beruf, in dem alles über Kommunikation läuft, ist es kaum möglich, fehlende Sprachkenntnisse auszugleichen. Jamals Deutsch ist nach fünf Jahren fließend. Aber natürlich sucht sie noch immer nach Worten: "Das ist wie eine addiction", sagt sie, wenn sie über ihre Beziehung zum Journalismus spricht; das Wort "Sucht" fehlt ihr noch.

Vor sechs Jahren zeichnete das US-Außenministerium Jamal als eine der besten pakistanischen Journalistinnen aus. Weit kam sie damit in Deutschland nicht. Das Jobcenter konnte ihr keine Arbeitsstelle vermitteln, die ihrem Bildungsabschluss entsprach. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so wenig willkommen gefühlt wie bei Terminen in deutschen Behörden. Zwei Monate hat sie in einem Asylbewerberwohnheim in Gießen verbracht, drei weitere in einem Wohnheim für Flüchtlinge in Kassel. Obwohl sie heute nicht weit davon entfernt lebt, ist sie nie wieder dorthin gefahren.

Im Exil arbeitete sie fast nur in Jobs, die nichts mit ihrer Ausbildung zu tun hatten, wie bei der Fast-Food-Kette. Eigentlich könnte sie den deutschen Behörden dankbar sein, sagt sie heute mit Ironie in der Stimme. Weil man sie dort so herablassend behandelt habe, habe sie keinen Tag arbeitslos sein wollen. Dann die vermeintliche Chance: Über ein Stipendium bekam sie ein Praktikum in Bonn bei der Deutschen Welle, dem staatlichen Auslandsrundfunk von Deutschland. Doch die Möglichkeit auf eine weitere Anstellung gab es nicht.

Sie verließ damals ihre Familie, weil sie das Schreiben nicht aufgeben wollte. Nun scheint es, als ob sich Jamal den Umständen in ihrer neuen Heimat beugt. Sie fängt bald ein Studium an der Uni Kassel an. Jamal hat einen Master in englischer Literatur, der hier anerkannt wird. Zwei Jahre dauert es, bis sie die pädagogische Zusatzqualifikation hat und Grundschullehrerin ist. Klingt das nicht nach einem neuen Sinn? "Ich freue mich, wenn ich was lerne", sagt Jamal. Ihre Stimme ist neutral, unverbindlich. "Das klingt gut, zwei Jahre Uni. Klingt gut." Als Journalistin war Jamal kritisch. Es scheint, es sei erst im sicheren Exil eine Bitternis dazugekommen.

Wenn sie in Deutschland als Journalistin arbeiten könnte, würde sie über Lebensbedingungen in Asylheimen schreiben. Sie hat sie selbst erlebt: die schlechte psychologische Betreuung, das Gefühl der Fremdbestimmtheit, wenn man nicht mal das eigene Essen auswählen kann.

Aber Jamal schreibt kaum noch. Sie verwaltet einen englischsprachigen Blog, auf dem Exiljournalisten aus unterschiedlichen Ländern ihre Erfahrungen teilen. "Man bekommt kein Feedback, nur ab und zu eine Mail. Es ist nicht wie in einer Zeitung." Nicht mal jeden Monat schreibt Jamal einen Artikel. Damit gehört sie noch zu den aktivsten Autoren.

Noch immer ist Jamal nachrichtensüchtig: Dreimal am Tag schaltet sie ihren Fernseher an, Facebook und Twitter öffnet sie häufiger. Dass ihr Heimatland immer mehr zerfällt, merkt Jamal daran, wie die pakistanischen Medien berichten. Oft erkennt sie, dass die Nachrichten beeinflusst sind von Parteiinteressen, kontrolliert vom Militärgeheimdienst ISI, oder durch radikalislamische Gruppen gezwungen zu religiöser Moral.

"Es ist wie ein Puzzle: Ich muss immer BBC und CNN zusätzlich anschalten, damit ein Bild entsteht, das für mich der Realität nahekommt", sagt Jamal. Im vergangenen Jahr belegte Pakistan im Ranking der Pressefreiheit von "Reporter ohne Grenzen" den 158. Platz von 180. "Ich muss noch mal zurück", sagt Jamal.

Seit 2008 wurden laut Amnesty International 34 Journalisten in Pakistan getötet, elf allein im vergangenen Jahr. Regelmäßig berichten Medien über Bombenattentate auf Journalisten. Jamal sagt: "Manchmal denke ich, dass es besser gewesen wäre, wenn ich dageblieben wäre. Ich weiß nicht, ob ich dann noch leben würde. Aber ich hätte bis zum Ende gemacht, was ich liebe."


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Euclid 04.10.2014
1. Was ist so schwer?
Jedesmal wenn ich in ein neues Land kam ( insgesamt 40 Laender) hat man mir als erstes nahe gelegt mich unverzueglich anzupassen. So woruber beklagen sich eigentlich die Herrschaften. Deutschland ist nicht Pakistan und Pakistan ist nicht Deutschland. Ich hielt die Anpassung niemals als unueberwindliche Belastung, sollte dies bei anderen der Fall sein, dann ist Rueckkehr in den angeborenen Kulturkreis zu empfehlen. In einem Land musste meine Frau, nach der Landessitte ein Kopftuch tragen, mit gleichem Recht kann ich, nach deutscher Sitte fordern, dass kein Kopftuch getragen wird. Moechte betonen, dass man in Deutschland weit toleranter ist als die Herkunftslaender der Herrschaften.
Euclid 04.10.2014
2. Follow up
Worueber jammern diese Leutchen eigentlich, kein deutscher Baecker wuerde in Pakistan eine Anstellung bekommen, denn es gibt fuer den Job keine Nachfrage. In den USA werden sie vermutlich ueberhaupt keinen Job finden. Man kommt einfach mit falschen Vorstellung nach Deutschland, oder wird von der beispielslosen Sozialhilfe verfuehrt. Die Zeit der unbeschraenkten Moeglichkeiten in USA ist vorbei.
desertking 04.10.2014
3. Follow up @ Euclid
Wieso USA? Dass Sie was gegen Freiheit haben und ein Diktaturen-Fan sind, haben wir ja zwischen den Zeilen gelesen... Aber es geht hier trotzdem nicht um die USA oder darum, dass sich jemand nicht anpassen würde. Wie wäre es stattdessen mal, sich zum Thema zu äußern...?! Aber indirekt haben Sie ja auch das getan, keine Sorge.
TangoGolf 04.10.2014
4.
So, so, die Dame kann in Deutschland nicht als Journalistin arbeiten. Das ist schade. Aber dafür lebt sie in Sicherheit. Es ist völlig unverständlich, wenn sich darüber beklagt wird, nicht in seinem angestammten Beruf weiter arbeiten zu können. Denn aus welchem Grund sollte dies so sein? Wenn ich in ein anderes Land ziehe, kann ich auch nicht erwarten, sofort wieder den Job zu bekommen, den ich irgendwann mal hatte. Kann es vielleicht sein, dass die im Artikel beschriebenen, zahlreichen Hilfestellungen diverser Organisationen völlig falsche Erwartungen geweckt haben? In welchem LAnd außer D gibt es überhaupt solch mannigfaltige Unterstützung?
20099 04.10.2014
5.
Bedauernswert! Nur: warum brechen annähernd 100% der Asyleinwanderer europäisches Recht indem sie durch sichere Drittstaaten dann ausgerechnet nach D kommen wenn sie hier angeblich so schlecht behandelt werden? Italien, Polen, Ungarn, Griechenland usw. sind EU- Vollmitglieder, sind sicher und haben ein Asylrecht!
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