Megaprojekt Hafencity "Würfelhusten am Wasser"

2. Teil: Deko-Kitsch, neidische Kollegen und eine lebende Brücke


SPIEGEL ONLINE: Damit kritisieren Sie die Planung, nicht die Einzelarchitektur. Was haben die Planer falsch gemacht?

Teherani: Die Projekte hätten großteiliger vergeben werden müssen. Der planerische Grundgedanke der Hafencity ist: Jeder Architekt baut sein kleines, individuelles Häuschen, und am Ende ergeben all die Häuschen ein Gesamtbild. Nach dem Vorbild New Yorks: Ein einziges Hochhaus ist banal, zehn auch - aber hundert bilden ein typisches Ensemble, im besten Fall ein Gesamtkunstwerk. Ich bezweifle nur, dass dieses Modell in Hamburg funktioniert. Schon allein die ausdrucksstarke Speicherstadt mit ihrer einzigartigen Handschrift steht dem als permanente Mahnung entgegen. Skurrile Bänke und Straßenlaternen stimmen mich auch nicht hoffnungsfroher. Urbanität ist nicht die Summe aus ein paar aufgesetzten formalen Ideen, sie basiert auf einem schlüssigen Städtebau.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom Design der öffentlichen Plätze.

Teherani: Ja, und das tue ich sehr ungern, denn ich schätze die Architektin Benedetta Tagliabue vom Büro EMBT Barcelona sehr. Aber ihre stilisierten Hafenkran-Leuchten und ihre steinernen Bänke, die Meereswellen nachempfunden sein sollen, wirken wie reiner Deko-Kitsch.

SPIEGEL ONLINE: Die Hafencity soll Touristen anziehen. Ist Deko-Kitsch nicht genau das Richtige für die Busladungen aus Wanne-Eickel?

Teherani: Mag sein, das passt natürlich zu anderen Angeboten, wie dem der Hamburger Musical-Industrie. Die Hafencity muss zudem darauf setzen, dass dort Leute von außerhalb hinziehen. Ein Alt-Hamburger wird da kaum wohnen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Teherani: Hamburgs Gesellschaft ist strikt segmentiert. Ich habe das selbst oft genug erlebt, denn ich bin hier aufgewachsen und war in verschiedenen Schulen, Stadtteilen und sozialen Schichten zuhause. In Hamburg respektiert man sich auf Distanz. Die gesellschaftlichen Grenzverläufe werden selten missachtet. Kölner sind da weniger konventionell, Berliner auch.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren trommeln Sie in Hamburg für ein eigenes Großprojekt, die Living Bridge; eine bewohnbare Brücke, die die Innenstadt mit dem derzeit isolierten Wohngebiet Veddel verbinden soll. Bei der Schärfe Ihrer Kritik vermutet man fast, Sie seien sauer, dass Sie damit nicht weiterkommen.

Teherani: Wer sagt das?

SPIEGEL ONLINE: Vorsichtig formuliert: Die Hamburger Politik zeigt wenig Enthusiasmus.

Teherani: In den Koalitionsvereinbarungen des schwarz-grünen Senats steht keineswegs, dass das Projekt tot ist. Im Gegenteil: Das Projekt Living Bridge ist quicklebendig - wie der Name sagt. Die lokale Presse ist auf meiner Seite, die Bevölkerung, Kollegen aus dem Ausland, auch Hamburgs Oberbaudirektor - nur die lokale Architektenriege zeigt ihre übliche Neid- und Trotzreaktion. Das war schon bei vielen unseren Bauten so, Weltbewegendes dürfen in Hamburg nur Ausländer bauen.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre so weltbewegend daran?

Teherani: Der für die Stadtentwicklung zur Metropole so entscheidende Sprung über die Elbe. Die besten Grundstücke liegen auf der anderen Elbseite. Hunderttausende warten darauf, fußläufig oder per Rad an die City angeschlossen zu werden - das Auto wird seine Stellung als Notnagel des Städtebaus ohnehin bald verlieren. Millionen Touristen und Hamburger könnten über die Brücke flanieren, die maritime Atmosphäre Hamburgs auf dem Wasser selbst erleben. Und als Brücke aller Brücken illustrierte sie das genuin hamburgische Leitthema am eindrucksvollsten, denn sie wäre bewohnt und belebt. Sie bliebe nicht reines Verkehrselement, sondern wäre selbst Stadt. Die Gegenargumente zählen nicht. Kritiker sagen: Wir wollen kein weiteres Highlight, das versperrt die Sicht auf die Elbbrücken. Wie absurd!

SPIEGEL ONLINE: Dennoch werben Sie jetzt in Duisburg, um dort Ihre Living Bridge über den Rhein zu bauen. Das wirkt ein bisschen beleidigt.

Teherani: Überall dort, wo ein Fluss ist und die urbane Situation es ermöglicht, kann eine Living Bridge sinnvoll sein. Das heißt nicht, dass solche belebten Brücken gleich aussehen und genutzt werden müssen, das war historisch ja auch nicht der Fall. Besonders dort, wo stadtnahe Hafenbereiche brachfallen und zu sogenannten Konversionsflächen werden, müssen die Städte neu zusammenwachsen. Gerade für Hamburg, das gerne herausstellt, es habe mehr Brücken als Venedig, ist der Gedanke einfach bestechend.

SPIEGEL ONLINE: Ein bisschen scheint es, als verzweifelten Sie an Ihrer Stadt.

Teherani: Nein, es macht Spaß, hier zu arbeiten und zu experimentieren. Man muss Hamburg nur hin und wieder wachrütteln und an seine Zukunft erinnern. Das tue ich, indem ich mir ungefragt Projekte wie die Living Bridge ausdenke und plane - auch wenn mich das sehr, sehr viel Geld kostet.

Das Interview führte Thorsten Dörting



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