Megaprojekt Hafencity "Würfelhusten am Wasser"

Schlau auf dem Bau ist das nicht, was sich in Hamburgs Hafencity tut: So urteilt Star-Architekt Hadi Teherani über das größte innerstädtische Bauprojekt Europas. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über peinlichen Deko-Kitsch, neidische Kollegen und die Idee einer lebenden Elbbrücke.


SPIEGEL ONLINE: Mit der Hafencity erschafft Hamburg einen ganzen Stadtteil aus der Retorte. Die große Frage ist: Wird das Kind leben? Was ist Ihre Diagnose, nachdem rund ein Drittel der Bauten steht?

Teherani: Sorgen mache ich mir keine, einige Orte werden wie Magnete wirken. Der Kreuzfahrtterminal von Massimiliano Fuksas spuckt Touristen aus und zieht sie zugleich an, besonders wenn ein Schiff wie die "Queen Mary 2" anlegt. Herzog & de Meurons Elbphilharmonie verspricht Weltklasse, ähnliches Niveau bieten Richard Meier, Erick van Egeraat, Henning Larsen mit den SPIEGEL-Hochhäusern - und nicht zuletzt Rem Koolhaas mit dem Science Center, meinem Lieblingsprojekt. Dann ist da die prächtige Speicherstadt. Diese Lagerhäuser aus dem 19. Jahrhundert faszinieren einfach. Ohne die Speicherstadt wäre die Hafencity peinlich, in ihren urbanen Grundmustern viel zu schrill.

SPIEGEL ONLINE: Peinlich? Ein hartes Wort.

Teherani: Hart, aber nicht unfair. Die Chance, ein so riesiges und citynahes Areal zu gestalten, ist ein Jahrhundertereignis. Aber die Häuser am Dalmannkai sind nicht typisch für den Standort: eng gestellte, architektonische Einzelmeinungen, das Material sehr bunt: Gelbklinker, Rotklinker, weißer Putz. Ein völlig unhamburgisches Sammelsurium.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn hamburgisch?

Teherani: Hamburg zeichnet anglophile Eleganz und Zurückhaltung aus. Es gibt Einzelstrukturen, etwa die weiße Stadt der Villen an der Alster, aber insgesamt entsteht durch die ziegelroten Baublöcke der Randbezirke eine dynamische Melodie. Doch in der Hafencity haben wir statt großem Wurf einen großen Würfelhusten am Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben dort mitgehustet, sprich: mitgebaut.

Zur Person
Der Hamburger Architekt Hadi Teherani, 54, kam in Teheran auf die Welt, studierte aber Architektur in Braunschweig. Seit 1991 betreibt er mit seinen Kollegen Jens Bothe und Kai Richter das Architekturbüro BRT Architekten in der Hansestadt. Zu seinen spektakulärsten Bauten zählen das Dockland, der Berliner Bogen und die Europa Passage (alle Hamburg) sowie die Deutschland-Zentrale der Swiss Re in München.
Teherani: Kaum. Ich hebe architektonisch stets auf den Ort ab. Unsere Europazentrale von China-Shipping ähnelt fast einem Van-Carrier, spielt also mit Hafen- und Containermotiven. Und der rote Stahl korrespondiert mit dem roten Klinker der Speicherstadt.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Hafencity eine verpasste Chance?

Teherani: Ja, zumindest gemessen daran, was der Ort an phantastischen Voraussetzungen mitbringt. Das ist aber gleichzeitig die Rettung für die Hafencity: Nur ein Idiot könnte dieses Flair komplett zerstören. Das wird glücklicherweise nicht passieren.

SPIEGEL ONLINE: Also ist alles doch nur halb so schlimm.

Teherani: Meinen Sie? Vielen mag es genügen, wenn ein paar nette Shops entstehen. Aber ich spreche von Architektur und städtebaulichen Konzepten. Warum hat man - nur eine von vielen denkbaren Ideen - keine Wasserstadt gebaut? Keine Häuser, die direkt im Wasser stehen? Warum keine Brücken und Arkaden? Es gibt in Hamburg doch das Vorbild der Alsterarkaden! Die Nahtstelle zwischen Land und Wasser fordert intelligente architektonische Übergänge geradezu heraus, gebaute Ufersituationen etwa.



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