Mehmet Scholls queere Abschiedsparty Servus à gogo

Fußball und schwul? Passt das zusammen? Für Mehmet Scholl schon: Zu seiner Abschiedsparty vom FC Bayern ließ das Fußballidol die queere Kultband The Hidden Cameras einfliegen und feierte eine wilde Party.

Von Malte Göbel


"Mehmet Scholl ist homosexuell! Homosexuell! Homosexuell!", hallt es zu vorgerückter Stunde durch die Münchener Reithalle. Was soll das? Wer vergreift sich da an Bayerns in Ehren ergrautem Fußballidol? Immerhin ist es seine Party, am Nachmittag war sein Abschiedsspiel (FC Bayern - FC Barcelona 0:1), dann Dinner und Feier mit geladenen Gästen. Und nun das! Aber keine Panik: Es ist Mehmet Scholl selber, der da aus voller Kehle singt. Die Kumpels von den Sportfreunden Stiller und eine Handvoll Freunde stimmen ein. Und Mehmet Scholl? Der freut sich diebisch. Schluss mit den Konventionen!

Aber Gemach: Es ist nicht wirklich ernst gemeint. Schwul ist Mehmet Scholl nicht. Freundin Jessica war den ganzen Abend an der Seite des Münchener Fußballidols - bis zur Homosexualität ist es da noch ein ziemlich großer Schritt. Die nächtliche Selbstbezichtigung soll wohl eher heißen: Jetzt ist Schluss mit Fußball, jetzt wird gelebt! Wenn Scholl schwul wäre, könnte er jetzt problemlos sein Coming-out haben. Wenn er es nicht ist, kümmert er sich eben um seine Hobbys: Musik zum Beispiel. Zwei Sampler hat der Indie-Rock-Fan bereits herausgegeben (unter dem programmatischen Titel "Vor dem Spiel ist nach dem Spiel"), der dritte ist in Planung. Und für seine Abschiedsfeier ließ Mehmet Scholl extra seine Lieblingsband aus Kanada einfliegen: die Hidden Cameras. Die meisten Bandmitglieder sind schwul.

In ihrer Heimat sind die Hidden Cameras Kult. Sie treten mit Vorliebe in Pornotheatern und Kirchen auf, ihre Musik nennen sie "Gay Church Folk Rock". Hidden-Cameras-Sänger Joel Gibb, der seit einiger Zeit in Berlin wohnt, nimmt in seinen Texten kein Blatt vor den Mund. Natürlich singt er als schwuler Mann von schwuler Liebe - und von schwulem Sex, in verschiedenen Spielarten mit Einläufen und Urinspielchen. Maskierte halbnackte Gogo-Tänzer sorgen bei den Konzerten für Stimmung.

Fußball und schwul? Das passt eigentlich nicht zusammen. Schwule finden Fußball langweilig, und Fußball ist eine der letzten vermeintlich Homo-freien Bastionen dieser Gesellschaft. Geoutete Profifußballer weltweit: Fehlanzeige. Mehmet Scholl springt beherzt in die Bresche: Er weiß genau, wen er sich da eingeladen hat. Sexuelle Orientierungen sind ihm wurscht. Als die Hidden Cameras beim Münchener CSD auftraten, stromerte Mehmet Scholl nonchalant durchs Publikum. Er hat keine Berührungsängste. Und sein Verein? "Wir werden ja sehen, wie die reagieren", freute er sich schon im Vorfeld auf das Aufeinandertreffen von schwuler Band und Fußball-Establishment.

Gogo-Boys und Häppchen

Zu Beginn ist die Stimmung noch ziemlich feierlich. Die Niederlage von Bayern München liegt zwar noch in der Luft, aber Mehmet Scholl hat sich mit einer guten Leistung verabschiedet. Er begrüßt fidel und selbstverständlich in Lederhosen seine Gäste - so viel Konvention muss sein. Auch Prominenz ist geladen, darunter der bayerische Noch-Ministerpräsident Edmund Stoiber sowie die FC Bayern-Spitze: Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Der Ort, die Münchener Reithalle, ist fein herausgeputzt. Weiße Ledersessel stehen einladend herum, die Tische sind mit weißen Lilien geschmückt, Kerzen verbreiten ein schummrig-gemütliches Licht. An die weiß getünchten Wände werden die Höhepunkte aus Scholls Fußballerkarriere projiziert: mit Uli Hoeneß, beim Spiel, mit Schal, ohne Shirt, alt, jung, erfolgreich und enttäuscht. Für die Gäste gibt es Häppchen, und im Hintergrund spielt die Trachtenband "Blechdosn" zünftig auf. Ein geruhsamer Abend. Zunächst.

Dann, es ist kurz vor Mitternacht, erklimmt Mehmet Scholl die Bühne. Zuerst plaudert er aus dem Nähkästchen. "Ich gehe ohne Wehmut!", ruft er und erzählt, dass er Lederhosen am Anfang ganz schrecklich fand. Dann kündigt er die Hidden Cameras an. Die kommen auf die Bühne - und explodieren förmlich. Sänger Gibb röhrt ins Mikrophon, um ihn herum springen die Musiker wie Flummis über die Bühne. Dahinter tobt der Chor. Am wildesten von allen jedoch tanzt Mehmet Scholl in der ersten Reihe vor der Bühne.

Damit sich auch seine Vereinskollegen auf die Party vorbereiten konnten, hatte er vorher 30 CDs beim FC Bayern verteilt. "Manche fanden die Musik okay, aber die meisten konnten nichts damit anfangen. Das ist aber auch okay so." Allerdings haben nicht alle eine bekommen. Uli Hoeneß ist leer ausgegangen und beobachtet daher das Treiben auf der Bühne aus sicherer Distanz. Sein Blick sagt: "Die jungen Leute von heutzutage..." Bald holt er sich seinen Mantel.

Derweil verstärken zwei maskierte Gogo-Boys die Band. Sie tragen Lederhosen und sonst nichts und tanzen eine aufreizende Choreographie. Auch Mehmet Scholl und seine Freundin Jessica werden auf die Bühne geholt. Sie reihen sich zunächst unauffällig im Chor ein, dann springt Scholl nach vorne und tanzt von Musiker zu Musiker. Beim Schlagzeug bleibt er am längsten. Ausgelassen geht die Party weiter, nach den Hidden Cameras spielen auch die Sportfreunde Stiller einen Spontan-Gig. Mehmet Scholl darf singen. Er ist ganz in seinem Element.



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