Kritische Edition zu "Mein Kampf" 3700 Fußnoten gegen Hitlers Hass

Jahrzehntelang war der Neudruck von Hitlers Machwerk "Mein Kampf" in Deutschland verboten. Jetzt läuft der Urheberschutz ab. Eine kritische Edition von renommierten Historikern soll möglichem Missbrauch der Hetzschrift entgegenwirken.

Von , München

AFP

Es ist das Buch, das kaum ein Deutscher je gelesen haben will, obwohl es im Nationalsozialismus großzügig unters Volk gebracht wurde, Auflage: mehr als zwölf Millionen. Es ist das Buch, in dem sein Autor mit Lügen und Halbwahrheiten hantiert, um seine völkisch-rassistische Hasspropaganda auszubreiten. Es ist das Buch, das sich wie eine Ankündigung für manche Verbrechen liest, die Jahre später von den Nazis begangen wurden: "Mein Kampf" von Adolf Hitler.

Jahrzehntelang lag das Machwerk im Giftschrank der Geschichte. Der Neudruck der Hetzschrift ist in Deutschland bislang verboten. Die Entscheidung geht auf den Freistaat Bayern zurück, der als Rechtsnachfolger des nationalsozialistischen Eher-Verlags die Urheberrechte hält.

Noch - denn die Rechtslage ändert sich jetzt: Am 1. Januar 2016, rund 70 Jahre nach dem Tod des Diktators, erlischt das Urheberrecht. "Mein Kampf" gilt dann als gemeinfrei, wie es Juristen formulieren.

Und dann?

Urheberrechtlich gibt es nach dem Jahreswechsel praktisch keine Handhabe mehr, den Nachdruck von "Mein Kampf" zu untersagen. Die Politik ist dennoch entschlossen, die Verbreitung des Pamphlets auch künftig zu verhindern. Das Strafrecht biete Möglichkeiten, "gegen den - insbesondere unveränderten - Nachdruck und das Zugänglichmachen des Buches vorzugehen", heißt es in einer Erklärung des bayerischen Justizministeriums. "Mein Kampf" stachele nicht nur zum Hass gegen Juden auf, sondern fordere auch zu Gewalt- und Willkürmaßnahmen gegen sie auf. Hitlers Propagandawerk erfülle damit den Tatbestand der Volksverhetzung.

In einschlägigen Kreisen genießt "Mein Kampf" auch heute noch Symbolkraft. So beschlagnahmen Ermittler bei Razzien gegen Rechtsextremisten regelmäßig auch Ausgaben des Buches, das Hitler zu einem reichen Mann machte. Es gehört zu den Devotionalien, mit denen sich Neonazis gerne schmücken. Als Quelle für politisches Denken wird "Mein Kampf" in der Szene aber offenbar immer weniger herangezogen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz gelangte zuletzt zu der Einschätzung, dass Schriften und Akteure des "Dritten Reichs" inzwischen eine deutlich geringere Rolle spielen würden als noch vor 20 Jahren.

"Halbwahrheiten sind häufig gefährlicher als Lügen"

Dennoch haben manche Beobachter die Sorge, dass es Leute geben könnte, die bald in Deutschland mit Hitlers Hetzschrift Geschäfte machen wollen. Zugänglich ist das Buch, dessen Besitz legal ist, schon lange. Über das Internet, im Ausland - etwa in Großbritannien - wird es seit Jahren in Buchhandlungen verkauft. Bald auch bei uns? Dem bayerischen Verfassungsschutz zufolge ist es grundsätzlich denkbar, dass rechtsextreme Verlage das Buch drucken wollen. Derzeit gebe es aber keinerlei Erkenntnisse, die diese These bestätigen würden.

Leonrodstraße 46b in München-Neuhausen: In dem schlichten Betonbau hat ein Forscherteam des renommierten Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) in den vergangenen drei Jahren Satz für Satz von Hitlers "Mein Kampf" auseinandergenommen. Am 8. Januar ist es so weit, dann kommt das Buch des Instituts heraus, das auch im Ausland für Aufmerksamkeit sorgt: "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition".

Es ist ein wuchtiges Werk. Zwei Bände mit insgesamt 1948 Seiten, die Hitlers Hasstiraden nüchterne Fakten entgegenstellen, um den Diktator zu entlarven. "Mein Kampf" enthalte viele Lügen, strotze aber vor allem vor Halbwahrheiten, sagt Andreas Wirsching, Direktor des Instituts: "Halbwahrheiten sind häufig gefährlicher als Lügen, weil sie schwieriger zu enttarnen sind."

Die Wissenschaftler sind aber auch Hitlers Halbwahrheiten zu Leibe gerückt. So sind am Ende mehr als 3700 Fußnoten entstanden, die neben und unter dem Originaltext zu lesen sind und so Hitlers Text förmlich umzingeln. Das Prinzip der IfZ-Edition sei einfach, sagt Wirsching: "Es gibt bei uns keine Seite Hitler, ohne dass man den dazugehörigen Kommentar zumindest visuell wahrnehmen muss."

Ein erster Antrag der Wissenschaftler scheiterte

Das IfZ schließt damit eine erstaunliche Lücke. Während fast alle Texte Hitlers längst erforscht sind, fehlte bislang ausgerechnet zu seiner zentralen Propagandaschrift eine wissenschaftliche Ausgabe. Schon einmal hatte das IfZ beim bayerischen Finanzministerium eine Sondergenehmigung für "Mein Kampf" beantragt - das Ministerium lehnte ab. Der Politik sei die Sache damals vermutlich zu heikel gewesen, vermutet Wirsching.

Jetzt sei ein guter Zeitpunkt für die wissenschaftliche Erschließung von "Mein Kampf", sagt der 56-Jährige: "Die deutsche Demokratie ist inzwischen reif genug, ein solches Buch auszuhalten."

Trotzdem musste Wirsching gegen Widerstände kämpfen. Anfangs unterstützte die Bayerische Staatsregierung das Projekt. Es gehe um die Entmystifizierung von Hitlers Hetzschrift sagte etwa Markus Söder, Finanzminister des Freistaats, noch im April 2012. Der Freistaat beteiligte sich mit 500.000 Euro Fördergeld.

Im Dezember 2013 folgte dann eine überraschende Wende von Ministerpräsident Horst Seehofer. "Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen in Karlsruhe, und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von 'Mein Kampf' - das geht schlecht", sagte der CSU-Politiker.

Der bayerische Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle erklärte damals, dass er viele Gespräche mit Holocaust-Opfern und deren Angehörigen geführt habe. Bei ihnen würde ein wie auch immer gearteter Nachdruck von "Mein Kampf" großen Schmerz auslösen - Spaenle und Seehofer waren im Herbst 2012 für einen mehrtägigen Besuch nach Israel gereist. Über das Leid und den Schmerz von Holocaust-Opfern könne er nicht hinwegsehen, erklärte Spaenle. Man ziehe deshalb den Auftrag an das IfZ zurück.

Wirsching war damals verärgert, heute sieht er die Sache gelassen - auch wenn ihm eine Sache wichtig ist: Es habe damals keinen Auftrag seitens der bayerischen Regierung an das IfZ gegeben. Vielmehr habe es sich um eine Sonderförderung eines bereits bestehenden Projekts gehandelt. Trotz des Rückziehers habe das Projekt niemals zur Disposition gestanden. Wirschings Devise damals: "Dann machen wir es eben alleine."

Gab es moralische Bedenken? Die Sorge, Opfern des Holocaust und deren Angehörigen zu viel zuzumuten? Man habe über diese Frage ausgiebig diskutiert, sagt Wirsching. Eine solche wissenschaftliche Arbeit sei aber auch ein Dienst an der Würde der Opfer.

Das Institut will mit seiner kritischen Edition eine Referenzausgabe vorlegen, um möglichen kommerziellen oder politisch-ideologisch motivierten Neudrucken von "Mein Kampf" das Wasser abzugraben. Mit Hilfe der umfassenden Einordnungen und des ausführlichen Indexes sei "ein Streifzug in dieses Konvolut an Menschenverachtung" möglich, sagt Wirsching. "Der Leser kann so die Ursprünge und auch die Folgen von Hitlers Propaganda erkennen."



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