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"Mein Kampf": Mythos Ladenhüter

Von Per Hinrichs

Jahrzehntelang hieß es, kaum ein Deutscher habe sich durch Hitlers schwer verdauliches Werk "Mein Kampf" gequält. Ein neues Buch des Historikers Othmar Plöckinger räumt mit diesem Mythos auf.

Im Frühjahr 1938 beschlichen Adolf Hitler arge Selbstzweifel ob seiner literarischen Fähigkeiten. "Ich bin kein Schriftsteller", gestand der "Führer" einem Vertrauten. Sein Buch "Mein Kampf" sei nur eine "Aneinanderreihung von Leitartikeln", die man selbst beim "Völkischen Beobachter", der NS-Hauspostille, "aus sprachlichen Gründen nur ungern annehmen" würde, jammerte Hitler. Da waren schon fast fünf Millionen Exemplare seiner Memoiren gedruckt.

"Mein Kampf"-Ausgabe von 1945: Ein Renner in den Bücherhallen
AP

"Mein Kampf"-Ausgabe von 1945: Ein Renner in den Bücherhallen

Bis heute hält sich die Vorstellung, die Deutschen teilten Hitlers Meinung über sein Werk. Die Autobiografie, so die einhellige Meinung, verstaubte während des "Dritten Reichs" weitgehend ungelesen in deutschen Wohnzimmern. Der Wust aus antisemitischen, antidemokratischen und rassistischen Versatzstücken blieb in der öffentlichen Meinung der angeblich "ungelesene Bestseller".

Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt nun der österreichische Historiker Othmar Plöckinger, der die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Buches detailliert untersucht hat. Systematisch legt Plöckinger dar, wie Hitler selbst den Mythos des Schinkens als "Bibel" seiner Bewegung betrieben hatte und welche große Resonanz "Mein Kampf" in Feuilletons, Parteien, Kirchen und Gewerkschaften Ende der zwanziger Jahre bis 1933 fand. Sein Fazit: Dass die Deutschen den Inhalt des Wälzers nicht kannten, sei eine der "hartnäckigsten Verallgemeinerungen und Fehleinschätzungen zur Geschichte des Nationalsozialismus".

Bereits kurz nach Erscheinen des ersten Bandes 1925 zählt Plöckinger Dutzende Besprechungen im ganzen Land. Zufrieden konnte Hitler mit den Urteilen aber nicht sein: Durchweg erhielt er schlechte Kritiken; viele Rezensenten, wie der des "Bayerischen Vaterlands", machten sich über ihn lustig ("Sein Krampf"). Das "Berliner Tagebuch" äußerte "leichte Zweifel an der geistigen Intaktheit des Memoirenschreibers", die "Frankfurter Zeitung" überschrieb ihren Text mit "Erledigung Hitlers". Doch damit blieb das Buch im Gespräch, wenn auch eine tiefergehende ideologische Auseinandersetzung ausblieb.

Ab 1930, mit zunehmendem Erfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen, änderte sich der Blick auf "Mein Kampf". Der Spott wich Beschreibungen von Hitlers Lebensweg und Programm. "Je intensiver die publizistische Beschäftigung mit 'Mein Kampf' wurde, desto mehr verbreitete sich auch das allgemeine Wissen um die Inhalte des Buches", stellt Plöckinger fest. Zumal sich auch Kirchen, Gewerkschaften und Parteien in ihren Blättern und Zeitschriften immer wieder mit der NS-Bibel beschäftigten.

Gerade die evangelische Publizistik nahm sich durchaus wohlwollend des Buches an. So pries der Pfarrer Hermann Kremers auf der Generalversammlung des "Evangelischen Bundes" 1931 den Nationalsozialismus als "Bewegung von solchem Tiefgang, solcher Breite und solch idealistischer Höhenlage", wie sie die deutsche Geschichte noch nicht erlebt hätte. Widerspruch zog Kremers nicht auf sich.

Kurz darauf setzte der Pastor Helmuth Schreiner in seiner Broschüre "Der Nationalismus vor der Gottesfrage" noch eins drauf: "Der Kampf um Gesundheit des Blutes und Reinheit der Rasse ist also vom christlichen Glauben her gesehen ein Gottesbefehl", schwadronierte der Theologe. Und der NS-Parteigänger Pfarrer Wilhelm Meyer schwärmte in seinem Pamphlet "Nationalismus und Christentum", er "danke Gott für die Stunden, in denen ich Adolf Hitlers Buch 'Mein Kampf' studieren konnte".

Die Deutschen wollten aber nicht nur durch die zahlreichen Diskussionen in den Zeitungen informiert werden. Sie kauften das Buch in Massen, ehe Hitler an die Macht kam. Bis Januar 1933 ging die Autobiografie 241.000 Mal über den Ladentisch, insgesamt wurden in diesem Jahr etwa eine Million Exemplare verkauft – lange bevor der NS-Staat die Volksgenossen mit Freiexemplaren zur Eheschließung oder für den Fronteinsatz beglückte.

In den öffentlichen Bibliotheken war "Mein Kampf" ein Renner, viele Büchereien mussten mehrere Exemplare vorhalten. In Essen etwa wurde das Buch allein bis 1937 etwa 4000 Mal ausgeliehen, in der Bücherhalle des Hamburger Stadtteils Eppendorf führte es ebenfalls die Ausleihlisten an.

Auch Victor Klemperer glaubte an keine Leseschwäche seiner Landsleute: Es würde ihm immer das größte Rätsel sein, wie es zur Herrschaft Hitlers kommen konnte, obwohl "die Bibel des Nationalsozialismus schon Jahre vor der Machtübernahme kursierte", schrieb er.

Ob die Deutschen nun trotz "Mein Kampf" zu Hitler standen oder ihm gerade wegen des Buches folgten, kann auch die neue Studie nicht beantworten. Für gesichert hält Plöckinger indes, dass "die politischen und gesellschaftlichen Eliten weitgehend über Hitlers Buch Bescheid wussten". Heute taugt das wirre Werk nur noch als Quelle für Historiker – oder als Vorlage für Kabarettisten.

Plöckinger selbst plädiert für einen offenen Umgang mit dem umstrittenen Buch, das in Deutschland nach wie vor nicht veröffentlicht werden darf. "Ich würde es begrüßen, eine kommentierte Ausgabe herauszugeben", so der Historiker. Wer "Mein Kampf" unbedingt lesen wolle, könne sich das Original ohnehin besorgen – es steht umsonst abrufbar im Internet bereit.


Othmar Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers "Mein Kampf" 1922-1945, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2006, 632 Seiten, 49,80 Euro.

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