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Fotoexperiment mit eingeschweißten Paaren: Liebe, eingetütet

Von

Photographer Hal: Menschen in Tüten Fotos
Haruhiko Kawaguchi

Der japanische Fotograf Haruhiko "Hal" Kawaguchi hat schon 180 Pärchen in Plastiktüten eingeschweißt - zum Teil mit ihrem halben Hausstand. Im Interview erzählt er vom nächsten Projekt: eingeschweißte Familien.

Zur Person
  • Marcel Klovert
    Haruhiko "Hal" Kawaguchi, hat sich mit skurrilen Fotoprojekten in Asien einen Namen gemacht. Der 43-Jährige ist eigentlich festangestellter Werbefotograf in Tokio. Seit rund sechs Jahren schweißt er nebenher Pärchen in Plastiktüten ein. Vom 18. bis 20. September sind seine Bilder auf der Fotomesse "Unseen" in Amsterdam zu sehen. Im selben Monat stellt er außerdem in der Ibasho Gallery in Antwerpen aus. Hal ist verheiratet mit einer japanischen Regisseurin, die sich allerdings nicht mit ihm einschweißen lassen möchte. Deshalb war Hal für ein Selbstporträt allein im Vakuum. Den Staubsauger bediente sein Assistent.
Anfangs hat Hal seine Models noch in seine Wohnung gebeten. Sie zwängten sich auf dem Boden vor seiner Küche in einen Plastikbeutel, 100 mal 150 mal 74 Zentimeter. Mit einem alten Staubsauger beförderte er die Liebenden ins Vakuum und machte ein Foto, um ihre Liebe auf ewig zu bewahren. So hat der 43-Jährige auch mich und meinen Partner vor drei Jahren eingeschweißt. Jetzt haben wir ihn in Tokio wiedergetroffen - in seinem Studio, denn das Fotoprojekt ist inzwischen zu groß für seine Wohnung.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Tüten immer noch so klein, dass sich zwei Menschen nur mit Gleitmittel aus dem Sexshop hineinfalten können?

Hal: Nein, ich habe jetzt größere Beutel. Ich habe bei der Firma eine Sonderanfertigung bestellt, sie sind größer als die Standardtüten, in die Japaner sonst ihre Futons verstauen. Diese Spezialtüten schneide ich an einer Seite auf und klebe zwei aneinander. Manchmal bastele ich auch drei Tüten zusammen, dann passt eine fünfköpfige Familie hinein.

SPIEGEL ONLINE: Sie schweißen jetzt Kinder ein?

Hal: Familien sind mein neuestes Projekt. Neulich waren drei befreundete Familien hier, ich habe sie nacheinander eingeschweißt. Das jüngste Kind war drei Jahre alt. Die Stimmung war ausgelassen wie auf auf dem Jahrmarkt vor einer Achterbahnfahrt. Alle waren aufgeregt, aber Panik hat keiner bekommen. Ich achte sehr darauf, dass niemand länger als zehn Sekunden in der Tüte bleibt. Und natürlich habe ich immer einen Assistenten dabei, der den Beutel aufreißt, falls mir etwas passieren sollte. Wir halten auch ein Messer griffbereit, falls wir den Schnellverschluss nicht sofort aufbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Schweißen sie die Familien nackt ein, wie damals die Liebespaare?

Hal: Von der Nacktheit bin ich abgekommen. Ich mache das noch auf Wunsch, aber ich finde es spannender, Menschen in ihrer Alltagskleidung oder mit Dingen einzuschweißen, die ihnen wichtig sind. Ich habe ein Pärchen, das eine Bar besitzt, mit Wein- und Whiskeyflaschen eingeschweißt. Und zwei, die in einer Band spielen, mit Gitarren und CDs. Einer, der gern Rad fährt, wollte mit seinem Fahrrad in die Tüte.

Fotostrecke

8  Bilder
Fotografie in Japan: Mit Gleitmittel ins Vakuum
SPIEGEL ONLINE: Au! Das muss wehgetan haben. Im Vakuum ist es so eng, das schmerzt sogar ohne Gegenstände, die einem gegen den Körper gepresst werden.

Hal: Ja, der Radfahrer hatte Schmerzen, weil ihm die Sattelstütze in die Rippen drückte. Aber sonst beklagen sich die Models selten.

SPIEGEL ONLINE: Schweißen Sie nur Japaner ein?

Hal: Ich habe auch schon in Hongkong, Taiwan und Brasilien gearbeitet. Auch auf einem Foto-Festival in Breda in den Niederlanden habe ich Menschen eingeschweißt. In Deutschland war ich noch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat sich denn ein Paar mit einem Verkehrshütchen einschweißen lassen?

Hal: Das sind zwei Australier, er lebt in Tokio und sie war zu Besuch. Sie kamen zum Shooting auf seinem Motorrad und eigentlich sollte das auch in die Tüte. Es hätte auch reingepasst, aber dafür hätten wir es auf die Seite legen müssen. Das wollte er nicht, weil dann das Öl ausläuft. Also haben wir nur die Helme genommen und andere Dinge, die etwas mit Motorradfahren zu tun haben, wie das Verkehrshütchen.

SPIEGEL ONLINE: Stand eigentlich schon mal die Polizei vor Ihrer Tür?

Hal: Nein, warum sollte die kommen? Ich verstoße doch gegen kein Gesetz. Ich schweiße nur Menschen ein, die das wollen. Kleine Kinder, die nicht selbst zustimmen können, würde ich nie einschweißen. Manchmal rufen mich Leute an, die mit ihrem Haustier in die Tüte möchten. Auch das lehne ich ab.


Mehr Bilder von "Photographer Hal" sind zu sehen auf seiner Website, vom 18.-20. September bei der Fotomesse Unseen in Amsterdam und im selben Monat in der Ibasho Gallery, Antwerpen.

Zu den Autoren
  • Marcel Klovert
    Indien, Guatemala, Indonesien: Heike und Marcel Klovert waren zunächst mehrere Monate mit dem Rucksack unterwegs, dann verbrachten sie ihre Elternzeit in Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 waren sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand aufgebrochen, 20 Monate reisten sie. Ihre Abenteuer unterwegs lesen Sie in Toms Blog.
  • Travelling Tom

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Irgendwie ...
hilfe-deutsche-sprache&#1 23.06.2015
... muss man es ja hinbekommen, für ne abgefahrene Technik Publikumsaufmerksamkeit zu erlangen. Kunst?
2.
io_gbg 23.06.2015
Zitat von hilfe-deutsche-sprache&#1... muss man es ja hinbekommen, für ne abgefahrene Technik Publikumsaufmerksamkeit zu erlangen. Kunst?
Ja. Ob diese Kunst jemandem gefällt, ist dafür unwesentlich.
3. Phobie
gott777 23.06.2015
Ich als Nicht-Platzangstmensch bekomme ja schon vom sehen der Bilder leichte Panikanfälle. Auf jeden Fall was ungewöhnliches und irgendwie surreales.
4. Schmerz und Stress
112211 23.06.2015
Schmerz und Stress? Das kann nur eines bedeuten: wahre Liebe!
5. Nein.
Forist Gump 23.06.2015
Zitat von io_gbgJa. Ob diese Kunst jemandem gefällt, ist dafür unwesentlich.
Ob es jemandem gefällt, ist dafür unwesentlich. Es ist eine Idee, hat aber mit Kunst nichts zu tun.
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