Menschenhass Man mag es nicht, das Fremde

Reflexe unhinterfragt auszuleben, ist das Ding der Stunde. Man nennt es Meinungsfreiheit. Man nennt es: unsere Werte verteidigen. Dabei kann der Mensch Vorurteile überwinden. Vielleicht.

Beim Christopher Street Day in Berlin, 2017
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Beim Christopher Street Day in Berlin, 2017

Eine Kolumne von


Heute ausnahmsweise ein Link am Beginn eines Textes. (Sie erinnern sich, Links, Lesefluss, die Vernichtung des kreativen Denkens.)

Das Video der Künstlerin Signe Pierce zeigt eine der unangenehmen Eigenschaften der menschlichen Spezies: Die Ablehnung der Fremden. Des nicht Bekannten. Gerne wird für dieses Handicap des menschlichen Charakters der Beginn unserer Geschichte zitiert. Die feindlichen Gruppen, Stämme, der Überlebensreflex.

Aber please. Wir leben im Jahr 2018. Das wird ja gerne gesagt: Bitte, wir haben 2018. Als ob die Zeit eine Bedeutung hätte, als ob der Mensch entwicklungsfähig wäre, als ob er denken möchte, wenn es doch einfacher ist, abzulehnen.

Das Ideal der Menschen scheint die Unauffälligkeit

Reflexe unhinterfragt auszuleben, ist das Ding der Stunde. Man nennt es Meinungsfreiheit, man nennt es: unsere Werte verteidigen, und es legitimiert das Zusammenschlagen von Menschen mit einem anderen Melaninanteil in der Haut, oder einer kleinen Kappe auf dem Kopf. Es legitimiert, alles abzulehnen, was anders aussieht als man selber. Zu dünn, zu dick, ein zu spitzes oder zu rundes Gesicht, zu dunkel, zu weiss, zu grosse Ohren - kurz: die Minderheit.

Das Ideal der Menschen scheint die Unauffälligkeit. Irgendwas mit einem hellen Gesicht und einem Penis, also nicht im Gesicht. Das Untergehen in der Masse, die sich wie aufgezogen bewegt in ihrer eigenen Bräsigkeit. Nur nicht auffallen. Wer aus der Menge ragt, den erwischt die Sense des Schnitters. Menschen lehnen ab, was ihnen nicht ähnelt. Selbst wenn es nicht besonders attraktiv ist, wenn es gelbe Hornhaut an den Füßen trägt und drei Kinne...

Hoppla, ich vergesse mich. Die Anteilnahme der meisten reicht nicht über die Angehörigen der Familie oder der Gruppe, in der sie sich bewegen, hinaus. Die meisten werden durch Wohlstand ein wenig toleranter. Dann lieben sie ihn vielleicht nicht, den Fremden, aber sie lassen ihn am Leben. Vielleicht verkauft er ja gutes Obst, vielleicht putzt sie gut.

Dass Fremde reiche Firmen übernehmen, Häuser und Hotels und ganze Innenstädte aufkaufen, zählt nicht, das sieht man nicht. Und nie sind es in Zeiten der wirtschaftlichen (gefühlten oder realen) Stagnation Banken, Steueroasen, Panama Papers oder Privatisierungen von gesellschaftlichem Eigentum, die den Hass der Massen mobilisieren. Immer ist es der Fremde. Ist einfacher. Lässt sich besser vermitteln.

Das Volk war schon immer bereit, für ein paar Despoten in den Krieg zu ziehen

Von Politikern, Populisten, den Medien. Auf sie mit den Mistgabeln. Das hat sich bewährt. Das lenkt so schön ab. Die Triebabfuhr, sie wissen schon. Über Jahrtausende waren es die Juden, heute sind es die Juden und die Muslime, und die Schwarzen, morgen sind es die Sozialhilfeempfänger, die RollstuhlfahrerInnen und die Rothaarigen (vermutlich eh Juden), es ist egal. Es ändert sich - nichts. Die lachende multiethnische Community auf dem Google-Campus ist die Ausnahme. Junge urbane Gutverdiener. Und die anderen? Die anderen hassen einander weiter. Der Genetik geschuldet. Den Medien folgend, der Verhetzung von Populisten gedankt. Das Volk ist beschäftigt.

Es war schon immer bereit, für ein paar Despoten in den Krieg zu ziehen, einander abzuschlachten im Namen der Freiheit. Im Namen der Freiheit in Ländern wie Afghanistan. Oder Mali. WTF? Egal. Hauptsache Freiheit. Hauptsache, es hat nie mit wirtschaftlichen Interessen zu tun, wie sonst eigentlich alles.

Alles, was sich Menschen antun, all der Hass, das Leid, das Elend, der Tod, alles basiert auf Manipulation. Auf Hetze. Auf Apellen an eklige Instinkte, die man überwinden könnte. Schon immer haben die Armen einander dafür umgebracht, dass Reiche reicher wurden. Vielleicht bekommt man die Neigung, alles, was einem nicht gleicht, misstrauisch zu betrachten, nie vollkommen aus dem menschlichen System.

Die Tiere, sie ahnen es. Aber man kann Menschen dazu anhalten, sich zusammenzureißen, zu lernen. Ihre Vorurteile zu überwinden. Leider war das noch nie im Interesse jener, die die Macht in einem Land repräsentieren. Denn Menschen, die einander hassen, sind zu allem bereit. Menschen, die zusammenhalten, eine Gefahr. Für wenige.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
Igelnatz 10.02.2018
1. immer so negativ
Es gibt genügend Gegenbeispiele für altruistisches Verhalten des Menschen auch schon im Altertum über alle Schranken hinweg. Und nun? Der Mensch ist sowohl als Gesamtheit wie auch als Individuum zu allem Guten und allem Bösen fähig. Das ist nichts neues, die früheste mir bekannte Quelle ist der Prediger Salomon, auch Kohelet genannt... Bloß von einem Penis schreibt er nix, wie die Autorin. Wobei ich stark annehme, dass es auch damals schon welche gab.... Zitat: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Bowie 10.02.2018
2. Danke, Sibylle!
Denn bei Ihrem Kommentar kommt ein Punkt gut zur Geltung, der sonst zu kurz kommt: Die ganzen fremdenfeindlichen Lautsprecher, die furchtbaren Postfaktiker und die entsetzlichen Nationalneoliberalen reden sich ihren heute salonfähig gewordenen Rassismus gerne mit der Historie und der Biologie menschlichen Verhaltens schön. Dabei negieren sie, dass die Spezies Homo Sapiens nun einmal infolge ihres großen Gehirns lernfähig sein sollte und eben nicht nur triebgesteuert. Dass sich die neuen Rechten mit dieser erbärmlich unsolidarischen, inhumanen Haltung damit automatisch selber deklassieren, indem sie sich selber eben genau diese intellektuelle Lernfähigkeit in Abrede stellen, merken sie entweder nicht oder wollen es nicht merken. Andere, reflektiertere Zeitgenossen bekommen das aber genau mit. Und auch die Verwüstungen, die dieser Alibi-Biologismus in den Gesellschaften anrichtet...
Bowie 10.02.2018
3. Danke, Sibylle!
Denn bei Ihrem Kommentar kommt ein Punkt gut zur Geltung, der sonst zu kurz kommt: Die ganzen fremdenfeindlichen Lautsprecher, die furchtbaren Postfaktiker und die entsetzlichen Nationalneoliberalen reden sich ihren heute salonfähig gewordenen Rassismus gerne mit der Historie und der Biologie menschlichen Verhaltens schön. Dabei negieren sie, dass die Spezies Homo Sapiens nun einmal infolge ihres großen Gehirns lernfähig sein sollte und eben nicht nur triebgesteuert. Dass sich die neuen Rechten mit dieser erbärmlich unsolidarischen, inhumanen Haltung damit automatisch selber deklassieren, indem sie sich selber eben genau diese intellektuelle Lernfähigkeit in Abrede stellen, merken sie entweder nicht oder wollen es nicht merken. Andere, reflektiertere Zeitgenossen bekommen das aber genau mit. Und auch die Verwüstungen, die dieser Alibi-Biologismus in den Gesellschaften anrichtet...
ich.sennahoj 10.02.2018
4. lernen
Ja, man kann sich dazu anhalten und sich zusammenzureißen und versuchen zu lernen, sich seiner Vorurteile bewußt zu werden und darum bemühen, sie zu überwinden oder sie gegebenenfalls auch als überdachte Urteile auszuführen. Leider ist es immer nur Anliegen von wenigen gewesen, so mit sich selbst und anderen umzugehen. Frage sich nun also jeder einmal selber, ob er wirklich zu dieser Minderheit gehören möchte. Denn das sind die wirklich überall Ausgestoßenen.
Patrik74 10.02.2018
5. Wahre Worte
Es ist leider frustrierend zu sehen, wie das Prinzip Divide et impera - so simple es auch sei, oder grade deshalb - immer wieder funktioniert. Es gilt nach wie vor das Bild: Ein Reicher ein armer und ein X (wahlweise Flüchtling, Südeuropäer, Ausländer, Arbeitsloser, Rentner, Beamter oder was grade en vogue ist einsetzen) sitzen an einen Tisch um 10 Goldmünzen; der reiche greift sich 8 und sagt zu dem armen: Pass auf, der X will dir deine Goldmünzen nehmen. Funktioniert seit Jahrtausenden und ist geeignet, 80% der Menschheitsgeschichte zu erklären. Man kommt unweigerlich zu dem fatalistischen Ergebnis: Wenn wir eines aus der Geschichte lernen können, dann, dass wir aus der Geschichte nichts lernen können. Man hätte gehofft, dass Alphabetisierung und allgemeine Schulpflicht daran etwas ändern, aber das Ergebnis sitzt in Parlament und Montags auf der Straße. Es ist halt leichter, nach unten zu treten und nach oben zu buckeln, als sich mit der wahren Ursachen der eigenen Misere zu befassen. Bin gespannt, wer das nächste X wird, wenn der Krieg in Syrien vorbei ist...
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