Menschenrechte Sogar das Erreichte ist in Gefahr

Die Menschenrechte werden durch Despoten und die Gleichgültigkeit vieler bedroht. Die Dokumentation "Unantastbar" setzt sich für ihren Erhalt ein.

Claus Kleber (2.v.l.) und sein Übersetzer Issmail (li.) im Gespräch mit Geflüchteten im Lager Moria auf Lesbos
Nikolaus Winter/ Arte/ ZDF

Claus Kleber (2.v.l.) und sein Übersetzer Issmail (li.) im Gespräch mit Geflüchteten im Lager Moria auf Lesbos

Ein Gastbeitrag von Angela Andersen und


Zur Person
    Claus Kleber, Jahrgang 1955, moderiert seit 2003 das heute journal im ZDF. Er ist promovierter Jurist und war von 1986 bis 2002 Hörfunk- und Fernsehkorrespondent der ARD in den USA und in London. Angela Andersen, geboren 1960 in Köln, ist Journalistin, Filmautorin und Regisseurin. Sie studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Hamburg, heute lebt sie in Massachusetts. Gemeinsam mit Claus Kleber hat sie bereits mehrere Filme realisiert, u.a. die beiden Dokumentationen "Hunger!" und "Durst!".

Plötzlich kommen sie von allen Seiten, die Erdogans und Orbans, Salvinis, Trumps und Mini-Trumps - von Brasilien über Europa bis in ferne Regionen Asiens. Ihre Motive und ihre Geschichten sind verschieden, ihr Handlungsmuster fast einheitlich:

Sie suchen sich im eigenen Volk Minderheiten, Gruppen, die sie ausgrenzen und gegen die sie eine Mehrheit in Stellung bringen können. Es geht dabei vor allem darum, feindselige Emotionen zu schüren. Angst ist in den Augen der neuen Despoten ein stärkerer Antrieb als Hoffnung. Wenn sie den richtigen Nerv treffen und gewissenlos genug sind, können sie damit Wahlen gewinnen - ohne je gezeigt zu haben, dass sie einen besseren Plan für die Zukunft wissen.

Sind sie erst einmal an der Macht, beginnt unverzüglich die Phase der Absicherung. Die Kontrollmechanismen eines freiheitlichen Systems werden ausgeschaltet oder unterwandert. Die Justiz wird mit eigenen Parteigängern durchsetzt, die Unabhängigkeit der Gerichte (wenn möglich, auf unauffällig bürokratischem Weg) aufgelöst. Dann bleibt nur noch, die unabhängige Presse zu erledigen. Auch das funktioniert mehr oder minder erfolgreich mit Unterwanderung und Druck auf private Medienkonzerne, Infiltration der öffentlich-rechtlichen dort, wo es sie noch gibt.

Donald Trump hat bewiesen, wie viel sich allein mit unablässiger "Fake News"-Brüllerei erreichen lässt. Mit einem Volk, das nichts mehr glaubt, können die Herrschenden tun, was sie wollen (Hannah Ahrendt). Und brauchen am Ende nicht einmal mehr einen Wahlgang zu fürchten.

Fast 70 Jahre lang hat die Menschheit glauben dürfen, dass der Trend der Geschichte gegen solche Machenschaften geht. Der Grundstein dazu wurde vor 70 Jahren gelegt, unmittelbar nach dem Ende des Mordens in Holocaust und Zweitem Weltkrieg - mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948.

Dem Jahrestag dieser großartigen Vision kann man heute mit einer historischen Würdigung nicht gerecht werden. Das Thema fordert eine aktuelle, kritische Bestandsaufnahme. Der Fortschritt, der trotz vieler Rückschläge 70 Jahre lang unaufhaltsam schien, scheint gestoppt. Sogar das Erreichte ist in Gefahr. Die individuellen Menschenrechte, Basis freier, demokratischer Gesellschaften, drohen zerrieben zu werden zwischen dem Eifer der neuen Despoten und der Gleichgültigkeit der Glücklichen.

"Unantastbar", unsere Menschenrechte-Dokumentation, soll eine Bestandsaufnahme sein und ein Aufruf zum Engagement. Sie soll die Gefahren nicht verschweigen, aber vor allem die Menschen feiern, die sich in Redaktionsstuben, Flüchtlingslagern, in medizinischen Einsätzen in den Höllenlöchern unserer Zeit, in NGO-Zentralen, Gerichtssälen und auf den Straßen und Plätzen der großen Städte rund um den Planeten dafür einsetzen, dass die große Vision nicht untergeht: Menschenrechte müssen unantastbar bleiben.


"Unantastbar", ein Film von Angela Andersen und Claus Kleber, wurde von SPIEGEL TV im Auftrag von ZDF und ARTE produziert. Die 90-minütige Dokumentation wird am 27. November 2018 um 20.15 Uhr im Rahmen einer Schwerpunktwoche zum Thema Menschenrechte auf ARTE gesendet. Am 4. Dezember 2018 um 20.15 Uhr strahlt das ZDF den Film aus.

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Seite 1
archivdoktor 27.11.2018
1. ?
Ist das jetzt ein Werbe-Gastbeitrag des Herrn Kleber für den eigenen Film?
mk1966 27.11.2018
2. Guter Ansatz, Herr Kleber!
Der Film ist sicher sehenswert, das Thema ist brennend. Ich hoffe, Sie gehen auch darauf ein, worin eine der Hauptursachen des Erstarkens von Despoten und autokratischen Herrschern liegt - zumindest meiner Meinung nach. Nämlich darin, dass Demokratien, insbesondere repräsentative Parteiendemokratien wie die unsere, keine echte Beteiligung an wichtigen Entscheidungen der Bevölkerung zulassen und sich abseits der Realität politische Eliten bilden können, die in ihrem eigenen Mikrokosmos und bestens abgesichert ihr eigenes Süppchen kochen. Flankiert von Medien und Justiz, die stark verfilzt sind mit dem politischen Establishment (oder wollen Sie ernsthaft behaupten, die ÖR stünden nicht unter einem gewissen Meinungsdiktat derjenigen Parteien, die ihre Vertreter in die Gremien ebendieser Sender schicken?). Wenn der Bürger das Gefühl hat, er darf nur alle paar Jahre das Kreuzchen bei den immer selben Parteien machen, die sich kaum noch unterscheiden, und dazwischen tun die sowieso, was sie wollen, wird der Wunsch nach einer starken Hand eben stärker - besonders, wenn wir in Krisen schlittern wie das Asylchaos oder das Dieseldesaster. Es gibt nur einen Ausweg: Die direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild! Für die Nation und das Volk essentielle Entscheidungen MÜSSEN demokratisch vom Volk direkt abgestimmt werden und nicht von einer dem Fraktionszwang unterworfenen Parteitruppe, die von Kauder & Co. auf Linie gepeitscht wird. Das erzwänge dann auch das von den Politikern so häufig beschworene "Bessere Erklären komplexer Sachverhalte", wobei ich nicht der Meinung bin, dass der durchschnittliche Abgeordnete intelligenter ist als der durchschnittliche Bürger. Ich hoffe, Sie analysieren in Ihrem Film nicht nur, sondern erörtern auch Lösungen.
SummseMann 27.11.2018
3. Stimmt so nicht
Es ist nicht wahr dass es siebzig Jahre aufwärts ging mit den Menschenrechten. Man schaue sich nur die UDSSR samt Satellitenstaaten bis Anfang der 90er Jahre an, oder China bis zum heutigen Tage, nur um zwei zu nennen. Das mit der Freiheit und Menschenrechten war vielleicht in Europa immer besser geworden, aber eben nur dort. Und eines muss man sich eben bewusst werden: Irgendwann geht es bei der Mehrheit der Menschen eben um den eigenen Wohlstand. Ob man das nun gut findet oder nicht, das ist die Realität. Und wenn man realistisch ist geht es sehr oft um Armutseinwanderung, nicht um Flüchtlinge nach Genfer Konvention. Und das geht an den eigenen Wohlstand, was dann wieder die Menschenrechte in die zweite Reihe schiebt. Und wie schon Peter Scholl-Latour bemerkte: Wer halb Kalkutta aufnimmt, hilft nicht etwa Kalkutta, sondern wird selbst zu Kalkutta!
Bondurant 27.11.2018
4. Jedenfalls
Zitat von archivdoktorIst das jetzt ein Werbe-Gastbeitrag des Herrn Kleber für den eigenen Film?
wird Kritik an diesem Journalisten hier unterbunden. Sonst hätte man ja mal fragen dürfen, wie das eigentlich kommt Mit einem Volk, das nichts mehr glaubt, können die Herrschenden tun, was sie wollen (Hannah Ahrendt). dass das Volk "nichts mehr glaubt" und ob das möglicherweise mit dem Sendungsbewußtsein gewisser Journalisten zu tun hat.
pulverkurt 27.11.2018
5. Re: Guter Ansatz, Herr Kleber!
@mk1966: Irgendwie kamen mir Ihre Argumentationsmuster (Verklausilierte "Lügenpresse"-Vorwürfe, "Meinungsdiktat", "Asylchaos", Forderung nach Direktabstimmungen etc.) bekannt vor. Und richtig, das alles klingt ziemlich nach AfD, die ja offenbar Ihre Sympathien besitzt. Angesichts dessen das Thema allerdings als "brennend" zu bezeichnen, ist ganz schön scheinheilig von Ihnen - spielt die AfD doch an vorderer Front mit, wenn es um die Unterstützung von Despoten wie Putin und Trump geht. Und was Direktabstimmungen alles anrichten können, haben wir ja beim Brexit gesehen. Aber vielleicht werden Direktabstimmungen ja gerade deshalb von der AfD unterstützt, sind sie doch in besonderem Masse anfällig für Lügenkampagnen durch Populisten...
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