Meret-Oppenheim-Retrospektive: Vergesst die Alte!

Von Karin Schulze

Eine pelzumklebte Tasse machte Meret Oppenheim berühmt und war gleichzeitig ihr Verhängnis. Dieses eine Kunstwerk stellte lange Zeit ihr restliches Schaffen in den Schatten. Jetzt erinnert eine Ausstellung in Berlin an die große Surrealistin.

C. G. Jung glaubte an sie. Als Meret Oppenheim 22 Jahre alt war, wandte sich ihr Vater an den berühmten Schweizer Psychiater, weil er sich Sorgen um sein Kind machte. Die junge, schöne Frau war mit eben 18 Jahren nach Paris gegangen und hing jetzt mit exaltierten Künstlern wie Alberto Giacometti, Max Ernst und André Breton herum.

"Ich habe nicht den Eindruck, als ob irgend eine neurotische Komplikation vorläge", schrieb Jung 1935 an den Vater, nachdem er das Problemkind getroffen hatte. Sie sei lernfähig und habe dazu "künstlerisches Temperament", "Unkonventionalität" und "natürliche Intelligenz".

Einerseits sollte Jung mit seiner Diagnose recht behalten. Denn Meret Oppenheim setzte sich durch. Sie gilt heute als eine der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ab den späten sechziger Jahren wurde sie mit großen Schauen gefeiert, 1982, drei Jahre vor ihrem Tod, zur Documenta eingeladen, und jetzt widmet ihr der Berliner Martin-Gropius-Bau die erste große Retrospektive in ihrer Geburtstadt.

Andererseits aber begutachtete der Psychiater die angehende Künstlerin zu einer Zeit, als ihr die härtesten Jahre noch bevorstanden - auch wenn scheinbar erst einmal alles gut lief: Sie lernte Man Ray kennen, arbeitete mit ihm, stand für seine Kamera Modell. Es wurden ikonische Aufnahmen. Sie zeigten sie nackt, nur mit Farbe bestrichen, an einer Druckerpresse, stilisiert zur Muse des Surrealismus.

Durchbruch mit Gazellenfell

Und dann gelang ihr etwas Besonderes. Sie hatte nur ein paar Zeichenkurse besucht und sonst in den Surrealisten und im Ready-Made-Erfinder und Konzeptkunst-Anreger Marcel Duchamp ihre Lehrmeister gesehen. Dennoch schuf sie auf Anhieb ein spektakuläres Werk: Nachdem sie bereits für die Modemacherin Elsa Schiaparelli Messing-Armreifen mit Pelz umkleidet hatte, überzog sie Tasse, Untertasse und Löffel - billig bei Monoprix erstanden - mit dem edlen Fell einer chinesischen Gazelle.

Die freche Vermählung der glatten Neutralität des Geschirrs mit der haarigen Sinnlichkeit eines Fells war so bezwingend, dass Alfred Barr sofort zugriff. Der Gründungsdirektor des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) shoppte sich damals auf Kunstkauftour quer durch Europa und erwarb die pelzige Angelegenheit für 200 Schweizer Franken. Doch so erfolgreich Oppenheim mit dem Objekt war, dem André Breton den schönen Namen "Frühstück im Pelz" andichtete, so problematisch wurde es für sie.

Denn das haarige Teil stellte alles in den Schatten, was sie in Paris schuf: die schrillen Zeichnungen, die abstrahierenden Selbstporträts und selbst die schrägen Objektkunstwerke wie das wunderbar zur brathendlartigen Form verschnürte Pumpspaar oder die Pelzhandschuhe, aus deren Spitzen rotlackierte Nägel ragen.

"Die jahrtausendealte Diskriminierung der Frau"

Es folgte eine etwa siebzehnjährige Krise. 1937 verließ Oppenheim Paris, ging zurück nach Basel, wo sie nach ihrer Geburt und den ersten Lebensmonaten in Berlin-Charlottenburg hauptsächlich aufgewachsen war. Jetzt wirkte sich aus, dass sie in Paris kein stabiles Selbstbewusstsein aufgebaut hatte - nicht als Frau, nicht als Künstlerin. Sie galt als die von den Man-Ray-Fotos öffentlich verfügbar gemachte, nackte Surrealisten-Muse und wurde durch den Pelztassen-Coup als One-Hit-Wonder der Kunstgeschichte gesehen.

Und auch das zwiespältige Frauenbild der Surrealisten wirkte nach. Künstlerinnen wurden im Kreis der Eingeweihten akzeptiert und auch an wichtigen Ausstellungen beteiligt. Gleichzeitig aber wurden sie als Musen, Femmes fatales oder knospende Kindfrauen gesehen und als Verkörperung unbewusster Triebe, animalischer Laszivität oder des Irrationalen schlechthin außer Konkurrenz gesetzt.

Bis etwa 1954 stockte Oppenheims künstlerische Arbeit: Sie zerstörte vieles, ließ einiges unvollendet. "Es war mir, als würde die jahrtausendealte Diskriminierung der Frau auf meinen Schultern lasten - als ein in mir steckendes Gefühl von Minderwertigkeit."

Absage an die Multiple-Vermarktung

Ab 1954 aber lief es wieder. Eine an C. G. Jung angelehnte, privatmythologisch ausgeschmückte Vorstellung vom kreativen Zusammenspiel männlicher und weiblicher Anteile half ihr. 1959 inszenierte sie das "Frühlingsfest": Die Feiernden verspeisten Langusten, Tartar und kandierte Veilchen, arrangiert auf dem Körper einer nackten Frau. Radikale Arbeiten wie diese wirkten auf Künstlerinnen wie Yoko Ono oder Marina Abramovic nach, und spätestens ab den siebziger Jahren galt Oppenheim für die feministische Kunstszene als "role model".

In Berlin ist ihr gesamter Kosmos zu sehen: von Schulheftzeichnungen bis zu späten Hinterhältigkeiten wie dem "Abendkleid", bei dem ein Collier mit einem Hosenträgerclip fies in die Brustspitzen der Skulptur einhakt. Die Pelztasse aber fehlt. Das MoMA wollte sie nicht rausrücken. Schlimm ist das nicht. Wer sich zu einer Oppenheim-Schau aufmacht, hat sie ohnehin vor Augen.

Und die Künstlerin behandelte das lästige Ding selbst ohnehin stiefmütterlich: Sie weigerte sich, es als Multiple zu vermarkten, und veräppelte es als Warholschen Druck oder als Souvenirtasse mit Platzdeckchen. Es wird ihr wohl recht sein, wenn "die Alte", wie sie ihr Schicksalswerk entnervt nannte, mal nicht dabei ist.


"Meret Oppenheim. Retrospektive". Bis 1. Dezember, Martin-Gropius-Bau, Katalog (Hatje Cantz) im Museum 25 €, sonst 39,80 €, www.gropiusbau.de

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