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Bildsprache in der Politik: Die Macht der zwei Finger

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Körpersprache von Politikern: Der Witz am Blitzlichtgewitter Fotos
REUTERS

Politiker lieben die Macht der Bilder, US-Präsident Obama beherrscht dieses Spiel meisterhaft. Das zeigt eine Aufnahme von Merkels Besuch im Oval Office - sie erfüllt einen ganz bestimmten Zweck.

Der Witz am Blitzlichtgewitter ist, dass jeder einzelne Blitz ein Bild wird. So war es auch beim gemeinsamen Fototermin von Angela Merkel und Barack Obama im Weißen Haus. Doch um die Welt oder wenigstens in die deutschen Nachrichten schafft es am Ende immer nur ein einziges Bild. Eines, das die symbolische Bedeutung dieses Staatsbesuchs transportieren muss. Alle Gespräche, alle Vereinbarungen, alle Verhandlungen, die allgemeine Atmosphäre und die gegenseitige "Chemie" - alles angeblich enthalten in einer ikonografischen Miniatur, die alles erzählt und alles auf den Punkt bringt.

Diesmal erfüllt eine Aufnahme aus dem Oval Office den Zweck, das deutsch-amerikanische Verhältnis wie unter dem Brennglas zu illustrieren. Darauf zu sehen ist eine Kanzlerin, die in ihrem stützstrumpffarbenen Kostüm und mit ihrer bernsteinzimmerfarbenen Halskette so innig mit der Tapete und den warmen Holztönen der Sessel harmoniert, dass sie chamäleongleich im gegebenen Ambiente zu verschwinden scheint. Hier ist die bewährte Merkelsche Mimikry am Werk, alle Differenzen der Vergangenheit vergessen zu machen.

Nun wäre die Botschaft nicht komplett ohne den präsidialen Arm, der als dominante Diagonale das Tableau durchschneidet und um die entscheidende Geste bereichert. Es ist eine vertrauliche Berührung, die respektvolle Distanz überbrückend, mit zwei seiner Finger auf ihrem Unterarm.

Es ist, als reagiere der Präsident mit einer zustimmend-besänftigenden Geste auf einen der vielen köstlichen Scherze der Kanzlerin. Eine tragende Nebenrolle in dieser Inszenierung spielt der klassizistische Kamin im Hintergrund. Merkel und Obama sitzen jeweils vor einem der Pilaster mit ionischen Kapitellen. Im leeren Raum zwischen ihnen gähnt der Feuerplatz mit sorgsam geschichtetem Holz, das jederzeit entzündet werden könnte. Einstweilen aber genügt die menschliche Wärme zwischen den beiden Staatsleuten, wir sind ja hier nicht im Kreml.

Im Kreml lief bei gleichem Arrangement und ähnlichem Kamin einst ein gigantischer Labrador durchs Bild, zum sichtlichen Entsetzen der kynophoben Merkel und zum Vergnügen des wie immer breitbeinig im Sessel lümmelnden Putin.

Zwanglos im Gemüsegarten

Nein, in Washington wird nicht einseitig Stärke demonstriert. Nach der Pressekonferenz im Rosengarten berührte der Präsident sogar leicht und leitend den Rücken der Kanzlerin, wie besorgte Gastgeber das eben machen. Später ließ sie sich, wie eine Tante auf Besuch, von einem sein Jackett mal wieder in kalkulierter Zwanglosigkeit über der Schulter tragenden Obama sogar den berühmten Gemüsegarten zeigen.

Es geht auch bei diesem Besuch um die Demonstration eines transatlantischen Schulterschlusses, wenn auch nicht ganz so partnerschaftlich wie weiland unter George W. Bush. Der sorgte sich so sehr um die Schulter der Kanzlerin, dass er sie sogar scherzhaft massierte, als wollte er sagen: Deutschland, mach dich locker! Unvergessen auch Silvio Berlusconi, der es bei einem Treffen in Triest für angemessen hielt, Angela Merkel hinter einer Säule aufzulauern und mit einem überraschenden "Kuckuck!" zu empfangen.

Nun wird die Interpretation körpersprachlicher Signale nicht nur von "Bunte"-Redakteuren ("Sie schaut finster, sein Blick ist leer - Es kriselt zwischen Helene Fischer und Florian Silbereisen!") und anderen politischen Beobachtern betrieben. Der US-Präsident selbst beurteilte schon seinen russischen Kollegen nicht aufgrund von Fakten, sondern anhand seiner "lässigen Haltung, wie das gelangweilte Kind ganz hinten im Klassenzimmer".

Eine Einschätzung, die sicher nicht nur auf Obamas Menschenkenntnis beruht, sondern auf der Arbeit der spezialisierten Psychologen des "Office of Net Assessment" (ONA), einer dem Verteidigungsministerium angegliederten Abteilung für die Entzifferung von Mimik und Gestik fremder Staatenlenker - eine analoge NSA also für die Decodierung des Offensichtlichen. Ist die Inszenierung der eigenen Macht doch - bis auf wenige Ausnahmen - inzwischen zur Nuance herabgesunken.

Alle Hände wurden herzlichst geschüttelt

Das war nicht immer so. Besonders begnadete Taktiker verstanden es, sogar in ihrer Körpersprache zu lügen - und damit Weltgeschichte zu schreiben. So wie Napoleon, der am Vorabend der Schlacht von Austerlitz die siegesgewissen Russen zum fatalen Angriff verleiten wollte. Bei seiner Begegnung mit einem Adjutanten des Zaren stellte sich der französische Kaiser absichtlich in den Straßengraben, damit der stolze Gesandte auf ihn herabblicken konnte und den Eindruck gewinnen musste, dem Franzosen überlegen zu sein.

So komisch diese Sprache uns heute erscheint, so gut wird sie noch gesprochen und verstanden. 2010 blickten israelische Beamte streng auf den türkischen Botschafter herab, der zu diesem Zweck auf einem niedrigen und damit erniedrigenden Sofa platziert wurde. Eklat!

Die symbolische Erniedrigung wird also im Extremfall noch immer als realer Affront praktiziert und angenommen. Zwischen befreundeten Staaten geht es eher um den Grad der Zuneigung. Gut beobachten lässt sich das am Umgang französischer Präsidenten mit Angela Merkel. Der Konservative Jacques Chirac pflegte Merkel durch Umarmung zu vereinnahmen, der Konservative Nicolas Sarkozy begegnete und umgarnte sie mit gallischer Galanterie. Der Sozialist François Hollande wiederum gab sich eher hüftsteif bis unbeholfen, so sehr, dass die Kanzlerin beim ersten Treffen den im Protokoll noch Unerfahrenen über den roten Teppich lotsen musste. Auch eine vertrauensbildende Maßnahme.

Wie falsch man übrigens mit der Ferndiagnose irgendwelcher Gesten liegen kann, zeigt eine Fotoserie, die eine niederländische Zeitung aus Begegnungen auf den Stufen des Elysée kompiliert hat. Zu sehen ist jedes Mal die linkisch ausgestreckte Hand des Präsidenten, wie sie, ungeschüttelt von seinen Gästen, täppisch in der Luft hängt. Die politische Botschaft scheint klar: Niemand mag François Hollande mehr die Hand reichen. Was natürlich Quatsch ist, alle Hände wurden herzlichst geschüttelt. Nur eben ein Blitzlicht später.

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insgesamt 132 Beiträge
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1. I give him this
tailspin 03.05.2014
Es kostet wahrscheinlich Ueberwindung, mit der Merkel zu schaekern. Dass Obama das kann, wenn auch nur mit zwei Fingern ("Hey, Du!"), spricht fuer sein schauspielerisches Talent. Aber das ist ja nichts neues.
2. Endlich Klarheit
Shoxus 03.05.2014
"...dass sie chamäleongleich im gegebenen Ambiente zu verschwinden scheint." Der Satz, hat mir die Augen geöffnet. Die Bundeskanzlerin gehört zum Inventar des Oval Office. Nun wird mir so einiges klar.
3. sie chamäleongleich im gegebenen Ambiente
FKassekert 03.05.2014
nun duerfte jedem klar sein, wer sie bezahlt! Was Stasi und KGB nicht gelang (Oder doch?) schaffte nun die CIA und NSA! Man darf gespannt sein ...
4. Eine Oma besucht die ONA
doubletrouble2 03.05.2014
Es ist auf Dauer praktisch unmöglich in der Körpersprache zu lügen. Sie ist die direkte Manifestation des Gehirns gegenüber der Außenwelt und der entscheidende Informationskanal. Darum muss wohl zwischen Obama und Merkel tatsächlich ein gutes Kommunikationsklima zu bestehen. Alle Antiamirikanistiker werden diese Bilder zu Hass-Ausbrüchen reizen. Mission accomplished
5. Zweck?
genugistgenug 03.05.2014
klar erfüllt das einen Zweck - es entspricht der eines Kindes das einfach mal schauen möchte ob DAS da überhaupt echt ist :-) im heutigen IT Bereich könnte man es auch deuten als würde er DAS einschalten, eine Stufe höherschalten oder einfach REST drücken :-) PS auf jeden Fall ist das Ziel 'Ablenkung' wieder mal erreicht - statt über Versagen in der Presse zu berichten wird der Platz so belegt
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