Merkel-Spezial bei Illner Lokführerin in Lummerland

Das Talkshow-Solo der Kanzlerin bei Maybrit Illner war souverän, aber ihre Rezepte eher schlicht: Die Krisendebatte nach Hausfrauenart eindampfen, nicht provozieren lassen, verhalten Optimismus demonstrieren - und lächeln. Das reicht.

Von Reinhard Mohr


Karl Lagerfeld, Dienstag Sologast bei Johannes B. Kerner und stolzer Besitzer von Hunderten strahlend weißen Stehkragen, hätte eher davon abgeraten, aber Angela Merkel tat es doch: In einer Art pseudobayerischer Kostümjankerl, glatt hellgrau, komplett kragenlos und deshalb nicht unbedingt vorteilhaft gekleidet, saß sie eine Stunde lang im Scheinwerferlicht des Berliner ZDF-Studios bei Maybrit Illner.

Im Kostümjankerl bei Illner: Bundeskanzlerin Angela Merkel
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Im Kostümjankerl bei Illner: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Doch wer zu Beginn noch ästhetische Betrachtungen anstellen mochte, vergaß sie alsbald. Denn konzentriert wie selten beantwortete die Bundeskanzlerin all jene Fragen, die unter einem Oberthema standen, das auch einem schönen Deutschaufsatz in der Sekundarstufe 2 zur Ehre gereicht hätte: "Was haben Sie mit Deutschland vor?" Klar, was sonst: Quo vadis, Germania?

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hätte wahrscheinlich sofort pariert: "Die Frage ist falsch gestellt. Sie muss lauten: Wie steht Deutschland in der Welt da?" Angela Merkel aber hat es nicht weiter gestört. Umgehend dampft sie die hoch mögende Grundsatzdebatte nach Hausfrauenart ein. "Die Wortwahl ist nicht okay", sagt sie etwa zur Kritik an der Opel-Rettungsaktion, die ihr notorischer Parteifreundfeind Friedrich Merz geäußert hat - nicht ohne gleich die eigene Hilfe anzubieten. Schließlich wird gerade ein neuer EU-Kommissar gesucht.

Nein, an der "fairen Startchance für Opel" lässt sie nicht rütteln, denn eine Insolvenz hätte angesichts der "unübersichtlichen Rechtslage" im deutsch-amerikanischen GM-Opel-Kuddelmuddel verheerende Auswirkungen haben können. Gleichwohl gibt sie zu, dass Opel noch längst nicht über den Berg ist. Bis Herbst könnte sich durchaus noch was ändern - und immer noch sind Fiat und ein chinesischer Investor interessiert. "Der Staat muss einspringen, wenn Marktkräfte versagen" - mit diesem Mantra verteidigt Angela Merkel den staatsmonopolistischen Kriseninterventionismus auch gegen die Meinung von "Wirtschaftsweisen", die sich ja auch "öfter schon mal geirrt haben". So macht sie klar: Es sind bewusst politische Entscheidungen in einer extremen Ausnahmesituation.

Dazu gehört auch der Entschluss, der maroden Arcandor-Gruppe eben nicht zu helfen.

Anders als ihr sozialdemokratischer Kontrahent Frank-Walter Steinmeier, den Anne Will am vergangenen Sonntag als "Superman" karikieren ließ, lässt sie sich auch nicht provozieren, wenn ein Einspielfilmchen sie als - politisches - Chamäleon zeigt. "Ich werde nie beliebig" kontert die Bundeskanzlerin trocken die Tiermetapher, und auf die Vorhaltung, viele parteiinterne Kritiker sehnten sich nach einer "CDU pur", antwortet sie grammatikalisch fragwürdig, aber sachlich absolut korrekt: "Eine Volkspartei ist selten ganz pur. Oft ist CDU pur zehn verschiedene Meinungen." Lebhaft stellt man sich in solchen Momenten eine Diskussion im CDU-Präsidium über die Pendlerpauschale vor.

Auch der kürzlich aus der CDU ausgetretene Ex-Regierungschef von Sachsen-Anhalt, Werner Münch, bringt sie nicht aus dem Konzept, selbst wenn der konservative Ostdeutsche Angela Merkels "Papst-Schelte" in Sachen Pius-Bruderschaft und Holocaustleugnung nach wie vor unverzeihlich findet. Sie sagt einfach noch einmal, was sie dazu schon oft gesagt hat, dann lächelt sie. Das reicht.

Apropos: Nicht nur beim "Deutschlandtrend", sondern auch im harten Zweikampf der hängenden Mundwinkel mit dem SPD-Kanzlerkandidaten hat Angela Merkel die Nase vorn, pardon: die Unterlippe oben.

Der Ausgang der Europawahl hat ihre Stimmung fraglos weiter aufgehellt, und während die Sozialdemokraten kurz vor ihrem Parteitag am Wochenende die Zähne zusammenbeißen müssen, plaudert sie ganz entspannt über die 1,5 Milliarden "Überbrückungsverbürgung" für Opel und die leider immer noch geringe Risikobereitschaft vieler Banken bei der Kreditvergabe. Klar, auch die neuerliche weltweite Geldschwemme auf Pump macht ihr Sorgen, und der Weg aus der "Talsohle" wird beschwerlich.

"Der Staat als Hüter der Ordnung" und die Krise als Lehrmeisterin - das Kanzleramt ist auch ein permanent tagendes ökonomisches Oberseminar. "Gut, dass ich hier sitze" (in Gedanken: und alles gleich richtig stellen kann...) - so reagiert die gelernte Physikerin auf Maybrit Illners populären Vorhalt, die Banken erhielten unzählige Milliarden, Familien mit Kindern aber nur hundert Euro pro Nase - selbst Autos (Abwrackprämie!) seien offenbar mehr wert als ein Säugling und Steuerzahler in spe. "Ihre Plakativität ist nicht ganz richtig", korrigiert die Akademikerin im Kanzleramt. "Man darf nicht alles in einen Topf schmeißen. Politik muss Brücken bauen. Über all das führe ich übrigens ziemlich viele Diskussionen auf dem internationalen Parkett."

Gerade hatten zwei echte Menschen aus der Mitte der Gesellschaft - ein Werkzeugmacher auf Zeitarbeitsbasis, der viele Jahre lang als "Prüfer" bei BMW und Opel gearbeitet hat, und ein Gemeindereferent, Vater von drei Kindern - ihre ganz persönliche Situation geschildert. Besonders Letzterer (monatliches Gesamteinkommen: 3.200 Euro netto) erwies sich als hartnäckiger Bursche, der, mit statistischem Datenmaterial und wissenschaftlichen Studienergebnissen bewaffnet, die weitere Entlastung von Familien bei Steuern und Sozialabgaben forderte. Immerhin gab er zu Protokoll, nicht direkt am Hungertuch zu nagen.

Die kinderlose Kanzlerin absolvierte auch diesen Angriff souverän. Auch der für ein paar Sekunden eingespielte Wirtschaftsexperte Hans-Werner Sinn, der nach dem Verbleib der geplanten Finanzmarktkontrollen fragt, ändert daran nichts mehr. Alles sei auf gutem Wege, bescheidet Angela Merkel, und beim nächsten G-20-Treffen im September werde Bilanz gezogen, will sagen: Nägel mit Köpfen gemacht. Denn eines sei klar: "Ich möchte eine solche Krise nicht wieder erleben!"

Gesagt, getan, und so kommt am Ende sogar noch verhaltener Optimismus auf. Motto: Raus aus der Krise und rein in die Modernisierung Deutschlands. Kreativ, innovativ und leistungsstärker denn je, was sonst. Solidarität und Risikobereitschaft immer schön in der Balance halten: "Wir verändern doch gerade die Welt!"

Irgendwie kam dann noch die Rede auf Horst Seehofer und seine heimische Modelleisenbahn. Welche Rolle sie denn dort für sich sehe, fragte Maybrit Illner. "Lokomotivführer!" kam es wie aus dem Hochdruckdampfventil geschossen. Na also. Lummerland ist noch längst nicht abgebrannt.



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Seite 1
RogerT 12.06.2009
1. Ziehkind von Helmut Kohl
Sie ist halt ein Ziehkind von Helmut Kohl - der hat auch keine Ahung gehabt und alles mit Grinsen und allgemeinen Sprüchen ausgesessen.
iman.kant 12.06.2009
2. Souveräne Kanzlerin - das ist doch was
Also ich muss schon sagen - man kann geteilter Meinung über unsere Kanzlerin sein aber der gestrige Abend gibt mir Hoffnung das wir bei einer zukünftigen Schwarz Gelben Regierung keinen Schiffbruch erleiden. Sie meisterte sämtliche Attacken mit Bravour. Wenn man sich das Bild einer SPD in Gedanken vorstellt - Herrn Steinmeier als Bundeskanzler - kommt man mehr zur Überzeugung in einem Quatsch Comedy Club gelandet zu sein. Also mein Ratschlag - Angela weiter so!
cervide 12.06.2009
3. Merkel
Denke wir haben eine Frau an der Spitze die sich International und National durchsetzen kann. Ist halt kein " Partygirl " wie viele Politiker es sich wünschten. Rezepte sind doch etwas wunderbares, wenn sie zum Genuß führen und wenn die entsprechene Zutaten vorhanden sind. Ber Frau Merkel sind sie leider nicht vorhanden. Es ist eben eine große Koalition und aus der "Not" entstanden. Die SPD ist auch im " Suppe versalzen " nicht schlecht. Aus meiner Sicht souveränes und authentisches Auftreten von der Bundeskanzlerin. - Rezepte sind m.E. gut, die Zutaten werden wohl erst in der neuen Legislaturperiode ( CDU + FDP ) erhältlich sein. Gelegentliche Hausfrauenart scheint doch etwas bodenständiges zu haben und ist abwechslungs- reich. Frau Merkel sowie Herrn Steinmeier werden es schwer haben etwas aus den Hut zu zaubern. Denke jetzt ist bis zum 27.09. die Zeit sich in die richtige Position zu bringen. Wünsche beiden einen guten und fairen Wahlkampf.
OBB, 12.06.2009
4. Stimmt !
Zitat von sysopDas Talkshow-Solo der Kanzlerin bei Maybrit Illner war souverän, aber ihre Rezepte eher schlicht: Die Krisendebatte nach Hausfrauenart eindampfen, nicht provozieren lassen, verhalten Optimismus demonstrieren - und lächeln. Das reicht. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,630046,00.html
Mir reichts auf jeden Fall auch. Ich kann mir das Merkel-Geschwurbel nicht mehr anhören. Genauso wie bei Norbert Blüm komme ich mir immer heftig vera....t vor. Aber keine Frage, die Vorgehensweise von Frau Merkel ist erprobt und erfolgreich.
mathey, 12.06.2009
5. Späte Rache der Besiegten
Tja, so marschiert Deutschland in die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten: Eine Bevölkerung, geistig auf dem Weg ins Seniorenheim, vollgepumpt mit wehmütigen Erinnerungen westlicherseits an überbordenden Wohlstand, östlicherseits an einen alles regelnden Staat, unter einer Regierungschefin, die genau diese Mischung aus Antriebsarmut und Staatsinterventionismus widerspiegelt.
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