Merkwürdige Allianz Hamas, Ben Schröder und die "Bild"

Verkehrte Welt: Altkanzler Gerhard Schröder wird zum Ehrenvorsitzenden des Nah- und Mittelostvereins und verstört deutsche Außenpolitiker mit der Forderung, man müsse mit der israelfeindlichen Hamas verhandeln. Ausgerechnet von der "Bild"-Zeitung wird er dafür als Gewinner gefeiert.

Von Henryk M. Broder


Gerhard Schröder kann sich über einen Mangel an Beschäftigung nicht beklagen. Zwar regiert er nicht mehr, aber dafür berät er einen großen Schweizer Verlag in geopolitischen Angelegenheiten und beaufsichtigt den Bau der russischen Ostseepipeline. Ein Projekt, das er schon als Kanzler nach Kräften vorantrieb.

Altkanzler Schröder (gestern bei der Numov-Ehrung im Auswärtigen Amt): Vertreter russischer Interessen?
DDP

Altkanzler Schröder (gestern bei der Numov-Ehrung im Auswärtigen Amt): Vertreter russischer Interessen?

Seit gestern ist der Altkanzler auch noch Ehrenvorsitzender des Nah- und Mittelostvereins (Numov) in Berlin, der sich nicht, wie sein Name andeuten könnte, um die Verbreitung arabisch-islamischer Kultur in Europa kümmert, sondern um die Geschäfte deutscher Firmen im Nahen und Mittleren Osten. Wie fast jede Lobby-Gruppe wirkt der Numov diskret hinter den Kulissen, die meisten Zeitungsleser werden den Namen gestern zum ersten Mal wahrgenommen haben. Dabei wurde der Numov schon vor 70 Jahren gegründet, 1936, zu einer Zeit als die deutsch-arabischen Beziehungen schon gepflegt wurden aber noch nicht auf dem Höhepunkt angelangt waren: Erst 1941 floh der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin el Husseini, nach Berlin, um dem damaligen deutschen Kanzler, Adolf Hitler, seine Hilfe im Kampf gegen Briten und Juden anzubieten.

Seitdem hat sich die "traditionelle deutsch-arabische Freundschaft" prächtig entwickelt, auch die "besondere deutsche Verantwortung für Israel" konnte ihr nichts anhaben. Die Bundesrepublik betrieb eine Art von Arbeitsteilung, die beiden Aufgaben gerecht wurde: Deutsche Firmen lieferten Teile für den Bau der Scud-Raketen, die Saddam Hussein nach Israel schickte, während die Bundesregierung Gasmasken nach Israel lieferte, um die Bewohner des Landes vor den Folgen der Scud-Angriffe zu schützen. So hat man den geschäftlichen Nutzen mit der moralischen Selbstverpflichtung zum Nutzen aller Beteiligten zu verbinden gewusst.

Im Jom-Kippur-Krieg 1973, als Israels Überleben an einem dünnen Faden hing, erklärte sich die Bundesrepublik für "neutral" und untersagte es den Amerikanern, militärischen Nachschub für Israel über deutsche Häfen zu verschiffen. Zugleich erklärte der von Gewissensbissen geplagte Willy Brandt, eine "Neutralität der Herzen" könne es nicht geben und bot "humanitäre Hilfe" für den Fall an, der eingetreten wäre, wenn die Araber gewonnen hätten.

Putin will im Nahen Osten wieder mitreden

Das alles sollte man bedenken, wenn man verstehen will, was gestern in Berlin passiert ist. Altkanzler Schröder, der sich zu Beginn seiner Kanzlerschaft ein Holocaust-Mahnmal wünschte, "wo man gerne hingeht", wurde nicht nur zum Ehrenvorsitzenden des Nah- und Mittelostvereins gekürt, er hat die Gelegenheit auch dazu genutzt, Verhandlungen mit der Hamas zu fordern, obwohl die Bundesregierung, an der auch Schröders Partei beteiligt ist, im Einklang mit der EU alle Gespräche mit der Hamas ablehnt. Was einen einfachen Grund hat: Die Hamas mag von ihrem erklärten Ziel, Israel zu vernichten, nicht abrücken und möchte bei diesem Vorhaben finanziell von Deutschland, Europa und dem Rest der Welt unterstützt werden.

Schröder weiß das, aber es war ihm kein Wort wert. Stattdessen äußerte er sich kritisch zu der "einseitigen Grenzziehung", mit der Israel die Besatzung der Westbank beenden möchte. Dies, so Schröder, wäre nicht "der richtige Weg". Was der richtige Weg wäre, verriet Schröder nicht. Vielleicht direkte Verhandlungen mit der Hamas über die Modalitäten der Auflösung Israels, wobei die Bundesrepublik aufgrund ihrer besonderen historischen Verpflichtung wieder "humanitäre Hilfe" anbieten könnte?

All das gibt Anlass zu der Vermutung, Schröder arbeitet nicht nur für die Gasprom, er vertritt auch die russische Außenpolitik. Denn während die Arabische Liga nicht daran denkt, die Hamas zu unterstützen, kommen aus Moskau fast jeden Tag neue Hilfsangebote. Mit Hilfe der Hamas will Moskau im Nahen Osten wieder mitreden, und das ist Putin ein paar Millionen wert. Warum sonst sollte ausgerechnet Schröder der Bundesregierung und seinem Freund und Vertrauten, dem amtierenden Bundesaußenminister Steinmeier, in den Rücken fallen?

Seltsame Allianzen

So kommt es zu Allianzen, die noch seltsamer anmuten als die Vernunftehe von Merkel und Müntefering. Die "Bild"-Zeitung setzte heute sogar noch einen drauf: Das Blatt, das kein gutes Haar an Schröder ließ, so lange er im Amt war, ernannte ihn auf der Titelseite zum "Gewinner des Tages", weil er als Ehrenvorsitzender des Nah- und Mittelostvereins Nachfolger des "legendären Nahost-Kenners der SPD", Hans-Jürgen Wischnewski, wurde. Jetzt hat "Bild" den Gerhard also wieder lieb und nennt ihn zärtlich "Ben Schröder".

Wir aber wundern uns verhalten: Sind Springer-Redakteure nicht vertraglich zu einer besonders verständnisvollen Haltung gegenüber Israel verpflichtet? Weiß "Bild" nicht, was Hamas will? Hat Kai Diekmann sein Blatt nicht mehr im Griff? Oder will der Mann, der dem Papst neulich eine "Volksbibel" überreicht hat, demnächst mit einem "Volkskoran" im Gepäck nach Teheran reisen?

Alles ist möglich. Schröder ist nicht mehr der, der er vor einem halben Jahr war, "Bild" ist anders geworden. Jetzt ist die Hamas an der Reihe: Würde sie morgen ihren Kampf gegen Israel aufgeben, hätte "Bild" wieder einen Gewinner des Tages, mit dem niemand gerechnet hat.



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