Messe Abu Dhabi Art Öl wird erst durch Gemälde schön

Im wohlhabendsten der arabischen Emirate setzen die Herrscher auf Hochkultur. Die Abu Dhabi Art soll sich mit Werken von Größen wie Koons und Picasso als internationaler Kunstmarkt-Termin etablieren, auf einer Insel sind Museumsbauten von Stararchitekten wie Zaha Hadid geplant.

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Wer am Golf von Kultur spricht, meint in der Regel eher den Persischen als den Arabischen Golf. Zwischen Isfahan und Bagdad blühte und blüht die Kreativität, nicht zwischen Kuwait und Bahrain. In Persepolis und Babylon saßen die Hochkulturen, nicht in Riad und Doha.

Wer aber ausdrücklich von der arabischen Halbinsel spricht, der meinte zuletzt fast immer die Vereinigten Arabischen Emirate, den reichen kleinen Bundesstaat an der Straße von Hormus. Dort hat sich in den vergangenen Jahren ein kulturelles Triptychon aufgetan, wo vorher nur Wüste, Fischerei und Perlentaucherei - und nachher Ölförderung - war.

Im kleinen Emirat Schardscha trieben der kunstsinnige Scheich Sultan al-Kassimi und seine Tochter Hoor mit ihrer Biennale die Avantgarde voran; in Dubai versuchte die geschäftstüchtige Familie der Maktums eine Allianz von Kunst und Kommerz ins Werk zu setzen - und in Abu Dhabi, dem mit Abstand wohlhabendsten der Emirate, setzte das Herrscherhaus der Al Nahjan auf große Namen, lud Orchester aus Wien und Bayreuth ein und schloss Verträge mit Museen aus Paris und New York.

Abu Dhabi, so scheint es, hat den längsten Atem. Denn während Schardschas Ressourcen begrenzt sind und Dubai, von der Weltwirtschaftskrise hart getroffen, seine kulturellen Ambitionen deutlich zurückfuhr, geht Abu Dhabi jetzt in die Vollen. Am 19. November begann die Abu Dhabi Art, eine Kunstmesse, welche die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate neben Basel, London und Miami als Kulturdestination von Weltmaßstab etablieren soll.

Eine Autobahnbrücke führt zur Kunst-Insel

Im Emirates Palace, einer Hotelanlage, die es von ihrer Größe mit dem Schloss Versailles aufnehmen kann, bieten internationale Galerien wie Gagosian, L&M Arts und PaceWildenstein Arbeiten von Cézanne, Picasso, Andy Warhol und Francis Bacon feil. Auf Saadiyat Island, wo der Louvre und das Guggenheim-Museum ihre arabischen Dependancen errichten, läuft eine ambitionierte Kunstschau unter dem Titel "Disorientation II". Und westliche Hochschulen wie die Sorbonne und die New York University, beide seit längerem in Abu Dhabi vertreten, lassen die großen Fragen diskutieren, die den modernen Kunstbetrieb offenbar beschäftigen: "Bewegung, Abstraktion und Wirklichkeit", "Kunstsammlung gestern und heute", "Kunst im Nahen Osten".

Ob die Picassos und Warhols sich in Abu Dhabi besser verkaufen als auf anderen Kunstmessen, bleibt abzuwarten. Besonders opulente Präsentation moderner Kunst scheint als Verkaufsstimulator nur mäßig wirksam zu sein. Auf der "artparis-Abu Dhabi", die jetzt von der neuen Messe abgelöst wird, habe er im letzten Jahr "so gut wie gar nichts" verkauft, klagt ein Kunsthändler. Kommerziell war die "Art Dubai" - seit drei Jahren jeweils im März veranstaltet - erfolgreicher.

Dafür sind die Taschen der Scheichs von Abu Dhabi tiefer, und das zeigen sie auf Saadiyat Island eindrucksvoll: Eine breite Autobahnbrücke führt bereits aus dem Stadtzentrum auf die Kunst-Insel hinüber, ein Wald von Kränen markiert das riesige Areal, wo in den nächsten Jahren Frank Gehrys Guggenheim, Jean Nouvels Louvre, Tadao Andos Marine-Museum und Zaha Hadids "Performing Arts Center" entstehen sollen.

"Das ist Poesie", sagt der Scheich

Nicht alle vier Projekte sind bereits fest terminiert; als erstes dürfte der Louvre in Abu Dhabi Richtfest feiern. Diese Woche trafen sich der Architekt Nouvel und der Tourismus-Chef Scheich Sultan bin Tahnun, um unter einer fabrikhallengroßen Attrappe den Lichteffekt zu testen, den das transparente, 180 Meter breite Kuppeldach über dem Museum einst hervorbringen soll. Der eine war von seiner eigenen Idee beeindruckt, der andere davon, wie viel Schönheit sich mit Petrodollars kaufen lässt: "Das ist Poesie", sagte der Scheich. "Es ist Geometrie", sagte Nouvel. "Es ist ein System, das mit der Erdrotation Muster entwirft. Wenn sich die Sonne dreht, verändert sich das Licht."

Mit bemerkenswerter Skepsis und ortsuntypischer Bescheidenheit reflektiert unterdessen der Kurator Jack Persekian über die enorme Umwälzung am Golf. Wolkenkratzer, künstliche Inseln, Autorennbahnen und Museumsbauten sind schließlich nur Monumente einer Entwicklung, welche die Gesellschaften auf der arabischen Seite des Golfs vielfach ratlos zurückgelassen hat.

"Disorientation II", die von Persekian zusammengestellte Werkschau von 16 führenden Künstlern des Nahen Ostens, befasst sich mit dieser Rat- und Orientierungslosigkeit. Er sei, sagt der Kurator, bei der Konzeption vom arabischen Weltreisenden und Soziologen Ibn Khaldun ausgegangen - der sich schon im 15. Jahrhundert die Frage stellte, was eigentlich aus einer Gruppe, einem Stamm, einer Familie wird, wenn sie unversehens der Wohlstand ereilt.

Eine Frage, die wahrscheinlich nicht an einem Messe-Wochenende zu beantworten sein wird. Die Abu Dhabi Art ist am Samstag und Sonntag öffentlich zugängig, die Fotografien, Skulpturen und Installationen von "Disorientation II" sind es noch bis 20. Februar.



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