Özils Tweets und die Medien Mit der Wurst nach der Speckseite werfen

Dem Deutschen Fußball-Bund fällt sein Krisenmanagement auf die Füße, Özils PR-Leuten ihr Größenwahn. Lehren aus der Causa Mesut Özil.

Mesut Özil auf einem Plakat
REUTERS

Mesut Özil auf einem Plakat

Ein Gastkommentar von Siegfried Weischenberg


"Mittelmaß und Wahn" nannte Hans Magnus Enzensberger vor Jahren seine Analyse zum Zustand der Republik. Der Buchtitel könnte auch als Motto für den "Fall Mesut Özil" dienen. Mittelmaß steht dabei für die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes, dem sein katastrophales Krisenmanagement - vom Bekanntwerden des Erdogan-Fotos bis heute - nun auf die Füße fällt. Wahn und Größenwahn stehen für die Kommunikationsstrategie von Özils PR-Leuten; sie haben dem Fußballer des FC Arsenal Texte geschrieben, die an diversen Stellen eine Nummer zu groß ausgefallen sind.

Aber sie verstehen ihr Handwerk. Nachdem sie - ausgerechnet - den wortkargen "Deutsch-Türken", der bei Interviews sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch nur das Nötigste preisgibt, zum Helden der Social Media (mit angeblich mehr als 70 Millionen Abonnenten und Followern) hochgejazzt haben, ist ihnen nun ein weiterer Coup gelungen. In ordentlichem Englisch haben sie die großen Themen Integration und Rassismus erfolgreich oben auf der Agenda platziert. Das hat als Public Relations-Maßnahme ein gewisses Format - auch wenn ein in London (und vorher in Madrid) lebender Multimillionär hier nicht das ideale Fallbeispiel abgibt. Der deutsche Außenminister hat gleich einmal darauf hingewiesen.

Zum Autor
    Siegfried Weischenberg arbeitete zunächst als Fußballreporter und schrieb dann seine Dissertation über Sportjournalismus. Danach lehrte er viele Jahre Journalistik und Mediensoziologie an deutschen und ausländischen Universitäten. Von 1999 bis 2001 war Weischenberg Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes. Zuletzt publizierte er das Buch "Medienkrise und Medienkrieg. Brauchen wir überhaupt noch Journalismus?" (Springer VS 2018)

Die Twitter-Trilogie - selbst Trump muss das wohl neidlos anerkennen - hat so gut funktioniert, dass Özils Verteidigungsmaßnahme in allen deutschen Medien zum zentralen Thema wurde. Die Presse überschlug sich mit Aufmacherstories und Kommentaren, und auch in den Nachrichtensendungen zumal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (allen voran die "Tagesschau") dominierte das Thema. Sogar der US-Nachrichtensender CNN widmete ihm eine längere Story. Özils Schreiber hatten auch nicht versäumt, im Rahmen ihrer Philippika den Medien eins mitzugeben.

Mit seiner Medienschelte wirft Özils Kommunikationsmanagement natürlich mit der Wurst nach der Speckseite. So etwas kommt seit einiger Zeit gut an - wie man insbesondere in den Kommentarspalten der Onlinemedien jeden Tag feststellen kann. Ich halte diese pauschale Medienkritik - auch und gerade im "Fall Özil" - aber für unangebracht. Vielmehr war hier die Berichterstattung von Anfang an durch Differenzierung und Urteile mit Augenmaß gekennzeichnet. Das gilt sogar für den profifußballaffinen Sender Sky Sport News HD.

In einem waren und sind sich - und dies schließt Politiker und weite Teile der Bevölkerung ein - alle einig: Das Gruppenfoto von Özil und Gündogan mit Erdogan war eine unsägliche Aktion. Gerade der gestrige Tag hat dann gezeigt, wie sehr wir die Massenmedien brauchen; neuerdings auch, wenn es darum geht, Tweets, die vor allem Propagandaaktionen darstellen, zu hinterfragen, einzuordnen und vor allem: einem Faktencheck zu unterziehen.

Eine Art von Medienpädagogik

In den USA ist hier in der Trump-Ära der Leidensdruck schneller groß geworden als bei uns. Sender wie CNN haben daraus den Schluss gezogen, dass es mehr denn je darum geht, kleinteilig Behauptungen zu überprüfen, die von Politikern und anderen einflussreichen Personen in die Welt gesetzt werden. Das läuft auf eine Art von Medienpädagogik hinaus. Diesem Ziel dient zum Beispiel das neue, sehr erfolgreiche Newsshow-Format des prominenten Anchors Chris Cuomo ("One on One"), das zur Primetime ausgestrahlt wird. Das neue CNN-Motto "Facts First" stellt eine Medienoffensive dar, um dem Publikum die Notwendigkeit von Journalismus klarzumachen, und zwar jeden Tag. In Deutschland haben die Medien und auch die Vertretungen der Journalisten hingegen versäumt, rechtzeitig Kampagnen zu starten, um die eigene Legitimation unter Beweis zu stellen.

Gewiss hat es in der Vergangenheit eine Menge Gründe gegeben, den Medien und ihren Journalisten Versäumnisse vorzuhalten. Der Verfasser dieser Zeilen gehörte dabei bisweilen zu den schärfsten Kritikern. Neuerdings gibt es nun geradezu demütige Versuche, den Beruf - und auch seine Fehleranfälligkeit - zu erklären, um das immer kritischer gewordene Publikum nicht vollends zu verlieren. Solche Selbstkritik war traditionell nicht unbedingt die Stärke von Journalisten. Zu den Versuchen, mit Leidenschaft und Augenmaß für den Journalismus zu werben, gehört ein intelligent geschriebenes Büchlein, dass Claus Kleber, seit vielen Jahren Moderator des "heute journals", unter dem Titel "Rettet die Wahrheit!" publiziert hat. Der Autor räumt Fehler ein, verteidigt aber den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch gegen pauschale Vorwürfe der Manipulation durch die Parteien. Deren Einfluss, zumal auf die Personalpolitik, kann auch er jedoch nicht leugnen.

Kleber hätte in diesem Zusammenhang den Fall jenes Reinhard Grindel diskutieren können, der nun ins Zentrum der Kritik geraten ist und dessen Rücktritt als DFB-Präsident zum Thema wird. Grindel ist von Haus aus Journalist - was von den Medien bisher meistens unterschlagen wird. Wahrscheinlich immer schon im Herzen Politiker oder Funktionär, tarnte er sich eine Zeit lang unter anderem als Leiter des ZDF-Büros in Brüssel. In dieser Zeit schrieb er dem damaligen Vorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes einen geharnischten Protestbrief und machte seinen Verbleib als Verbandsmitglied davon abhängig, dass dieser sofort zurücktrete. Schon seinerzeit hatte sich bei ihm also zum Mittelmaß der Größenwahn gesellt.

Später grillte er dann, nun CDU-Bundestagsabgeordneter, im Visa-Untersuchungsausschuss Joschka Fischer. In einer vom Fernsehen übertragenen Sitzung habe er den damaligen Außenminister "ins Schwitzen gebracht", berichtete das "Hamburger Abendblatt" voller Bewunderung. Aus dieser Zeit vor fast anderthalb Jahrzehnten stammen auch Äußerungen Grindels zum Thema Multikulti, die nun in den Özil-Tweets hervorgekramt werden (erstaunlich, woran sich der damals 16-Jährige erinnern kann...). Multikulti sei "in Wahrheit Kuddelmuddel" und eine "Lebenslüge", hatte er da im Bundestag gesagt. Grindel sprach sich dabei auch gegen die Einführung einer doppelten Staatsbürgerschaft aus.

Das Gegenbeispiel der "Bild"-Berichterstattung

Die Berichterstattung der vergangenen Tage war nicht nur außerordentlich (vielleicht auch: übertrieben) intensiv, sondern auch vielfältig. Natürlich schloss sie die unvermeidlichen Politiker-Statements mit ein. Dies lieferte eine kleine Fallstudie zum Zustand der Großen Koalition. Während die Kanzlerin auf bekannte Weise wegtauchte ins Unverbindliche, zeigte die Justizministerin (im direkten Vergleich mit dem Außenminister), welch großes Meinungsspektrum die SPD inzwischen anzubieten hat. Sie übernimmt den Rassismusvorwurf und spricht von "Alarmzeichen". Und natürlich ist bei diesem Thema Cem Özdemir - als Schwabe mit türkischen Wurzeln sozusagen der geborene Experte - schon seit Sonntag in nahezu allen Medien präsent. Die Medienschau lehrt dann freilich auch, dass es in den Kommentarspalten bisweilen klügere Stellungnahmen gibt als in Kolumnen von Profis.

Doch halt! Muss nicht spätestens an dieser Stelle das insgesamt positive Medienbild durch das Gegenbeispiel der "Bild"-Berichterstattung modifiziert oder sogar korrigiert werden? Darf man darüber hinwegsehen, dass das Boulevardblatt schon während der WM den Fußballer Özil aus dem Team, das als "Die Mannschaft" auftreten wollte, herausgriff und seine Leistungen (und seine Körpersprache!) auf dem Rasen heftig kritisierte? Und war die gestrige Abrechnung mit dem Fußballer - in "Bild" und dem mit geringem Aufwand gestalteten Ableger "Fussball Bild" - nicht maßlos überzogen, respektlos, diffamierend, wie "Bild"-Kritiker geschrieben haben? Spülen sie nicht Wasser auf die Mühlen derjenigen, die den Medien sowieso nicht mehr trauen und ihnen Kompetenz, Haltung und Anstand absprechen?

Neuer Weltmeister als Beispiel für gelungene Integration?

Enzensberger hat seinerzeit in "Mittelmaß und Wahn" behauptet, bei "Bild" komme es überhaupt nicht mehr auf die Inhalte an; ihre einziger Inhalt sei "die Liquidierung aller Inhalte". Jede Aufklärung über das Blatt sei vergeblich, weil es dazu nichts zu sagen gebe, was nicht alle schon wüssten. So muss man wohl auch die Passagen einordnen, in denen "Bild" Özils Abrechnung durchaus textnah zu erklären versucht und dabei über das Ziel hinausschießt.

Natürlich wissen wir alle, dass die ganze Affäre um die deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln ganz anders ausgegangen wäre, wenn sie und die anderen bei der WM "performt" hätten. "Entscheidend ist auf'm Platz" - der alte Trainerspruch gehört zu dem Wenigen im Fußball, das Bestand hat. Wäre ein weiterer Erfolg der Truppe von Joachim Löw dann nicht wieder als Beleg für gelungene Integration gewertet worden? Der neue Weltmeister dient da für manche (auch außerhalb Frankreichs) als Beleg.

Doch auch in diesem Fall ist die Begeisterung nicht ungeteilt. Im Grunde sei doch eigentlich Afrika Fußballweltmeister geworden, sagte der kluge südafrikanische Comedian Trevor Noah in seiner "Daily Show", die von einem US-Sender ausgestrahlt wird. Noah hat über seine Jugend im Südafrika der Apartheid die Autobiografie "Born a Crime" geschrieben, die zum Bestseller wurde. Den Erfolg der französischen Nationalmannschaft führt er nicht auf erfolgreiche Integrationspolitik zurück, sondern auf: Kolonialismus. Diesem habe Frankreich seinen WM-Titel zu verdanken. Die französische Regierung ist von dieser Erklärung nicht begeistert. Sie hat Trevor Noah ein Protestschreiben geschickt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, DFB-Präsident Reinhard Grindel lasse sich von dem ehemaligen "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann beraten. Eine solche Zusammenarbeit wurde von den beiden Seiten allerdings nicht bestätigt.

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wolfabc 24.07.2018
1. Tag ein, Tag aus, das selbe Lied
„Der Spiegel“ hat kein anderes Thema mehr als Ausländerfeindlichkeit, mit oder ohne Özil. Die Berichte, Kolumnen usw. werden immer tendenziöser. „Und könn'se nicht schildern, dann zeigen se Bilder“ (Otto Reuter) Arme Flüchtlinge, die durch unsere Schuld entweder schon im Mittelmeer absaufen oder gesetzeswidrig, wenn sie es dann doch zu uns ins gelobte Land geschafft haben, wieder zurück in die Schurkenstaaten abgeschobenden werden oder bestenfalls den Rest ihres Lebens in Deutschland von den bösen Deutschen diskriminiert und dem allgemeinen, hier vorherrschenden Ausländerhass ausgesetzt werden. Da macht der „Spiegel“ den Papa von diesem Afghanen ausfindig, der sich sich umgebracht hat. Na, was der dazu zu erzählen hat, hätte man sich auch ohne diese übereifrige Spurensuche und Recherche ausmalen können! Böse Deutsche – arme Flüchtlinge, arme Migranten, armer Özil. Tag ein Tag aus das selbe Lied, mal vor, mal rückwärts.
xaver1967 24.07.2018
2.
Da haben wir es ja mal wieder. Auf unserer Bio-Deutschen Seite in der ganzen Angelegenheit ist lediglich das katastrophale Krisenmanagement kritikwürdig. Auf der Seite des ewigen Türken, der so vermessen war, seine Sicht zu schildern handelt es sich um Größenwahn, also eine Charaktereigenschaft, ein herkunftsbegründeter Wesenszug. Und der Autor muss noch unterstreichen, dass Özil natürlich nicht in der Lage sein kann, diesen Text in geschliffenem Englisch selbst geschrieben zu haben. Lieber Gastbeitragsverfasser, auch subtiler Rassismus ist Rassismus. Da hilft auch das vorangestellte Eingeständnis eines Kritikpunkts auf DFB-Seite nichts.
ulrichskubowius 24.07.2018
3. Danke
für diesen alles umfassenden Artikel mit dem, nur wenigen bekannten, Hinweis auf die Verbindung Grindel und Diekmann's Bild. So wird u.a. in unserem Land Sportpolitik gemacht. Eine schmutzige Hand wäscht die andere. Und dass Frankreich eigentlich nicht der gerechte WM ist, freut mich besonders.
StanLibuda4ever 24.07.2018
4. Claus Kleber????
Das Medien-Echo ist aberwitzig für so einen harmlosen Fall wie denjenigen eines - früher - sehr guten Spielers. Aber richtig abenteuerlich wird Ihr Kommentar durch den Hinweis auf den ZDF-Nachrichten-Schausteller Claus Kleber! Auf dessen Büchlein "Rettet die Wahrheit!" hinzuweisen ist ähnlich, als würde man dem Baron von Münchhausen den Teleprompter überlassen!!
Antalyaner 24.07.2018
5.
Zu diesem mittlerweile absurden Theater um die Causa Özil fällt mir nur noch ein türkisches Sprichwort ein: Ein Dummer wirft einen Stein in den Brunnen und 40 Schlaue schaffen es nicht, diesen wieder heraus zu holen.
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