#MeToo und Popkultur "Hab' dich nicht so, war doch nur ein Wi-hitz!"

Ist "How I Met Your Mother" sexistisch? Und was ist mit "Big Bang Theory"? Die Frauenfeindlichkeit in populären TV-Produktionen ist eher beiläufig - aber trotzdem toxisch.

AP/ CBS/ Ron P. Jaffe

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Was geht und was nicht, das wird auf zwischenmenschlicher Ebene täglich neu verhandelt - seit #MeToo noch intensiver als zuvor. Im Büro, im Bierzelt und auf dem Bolzplatz wackelt eine Bastion der Unbelehrbarkeit nach der anderen. Umso mehr irritiert, dass ausgerechnet etwas in allen seinen Ausprägungen doch so genuin Fluides wie die Popkultur sich dem wandelnden Zeitgeist zu widersetzen scheint.

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Heft 54/2018
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Es wird, im Gegenteil, kaum irgendwo die Herabwürdigung der Frau so routiniert verharmlost wie in den populären Künsten. Misogynie hat Methode, und das nicht erst seit gestern.

Toxisch ist die Beiläufigkeit, mit der Frauenfeindlichkeit in aktuellen und auch bei Frauen sehr populären TV-Produktionen präsentiert wird - und nicht einmal dort, wo Frauen haufenweise hingeschlachtet oder als Sexobjekte vorgeführt werden. Sondern dort, wo es nicht sofort ins Auge fällt und eigentlich gelacht werden soll, in der Sitcom.

Die "Hab' dich nicht so, war doch nur ein Wi-hitz!"-Abteilung der Komödie ist viel näher am Kern des Problems als eine zerstückelte Anna Karenina auf den Bahnhofsgleisen. Tatsächlich ist Misogynie und ein männlich-abschätziger Blick auf Frauen und ihre Körper integraler Bestandteil der Heiterkeit in Serien wie "Friends" oder "How I Met Your Mother".

Ein sexistischer Charakter ist nicht automatisch ein Agent des Sexismus. Er kann eine Illustration des Problems sein. Verführt er uns mit seinen Grenzüberschreitungen, aber immer wieder kichern wir mit ihm, dann stabilisiert unser Kichern auf subtile Weise die bestehenden Verhältnisse, anstatt sie auszuhebeln.

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#MeToo: Misogynie in Serie

Besonders perfide tritt diese Methode in "Big Bang Theory" zutage - gerade weil die Nerd-WG nicht aus stereotypischen Alphamännchen besteht. Den Frauen wollen sie trotzdem unter den Rock schauen. Nur brauchen die Nerds dazu keine Gewalt, sondern Webcams und ferngesteuerte Spielzeugautos. Ihre Macht ist keine körperliche, sondern eine technische. Sogar die Kritik ist mit eingebaut. Sexistische Bemerkungen werden offensiv mit Kommentaren wie:"Das war jetzt sexistisch!" als "verstanden" markiert und damit neutralisiert. Zwinker.

Hinzu kommt so erschwerend wie erhellend, welche Zustände hinter den Kulissen, im "Writer's Room" der großen TV-Fabriken herrschen. Nach einer im Juli 2018 veröffentlichten Studie gaben 64 Prozent der weiblichen und elf Prozent der männlichen Autoren an, in ihrer Karriere schon einmal zum Gegenstand sexueller Übergriffe geworden zu sein.

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In der ohnehin sexuell aufgeladenen Popmusik ist das Problem noch komplizierter. Und interessanter. Schaut man auf die Popgeschichte, so öffnen sich hier aus Sicht der #Metoo-Bewegung buchstäblich die Tore zur Hölle. Natürlich ist sie auch eine Bühne weiblicher Selbstermächtigung, ein sicherer Ort für Abweichung und Zweideutigkeit auch des männliches Geschlechts. Im Panorama aber entfalten sich Zustände, die einem Gemälde von Hieronymus Bosch entsprungen sein könnten.

Im "sauberen Pop" unserer Tage gilt bereits die handelsübliche Anmachnummer vom "good girl", das "es" doch auch will, als skandalfähig (Robin Thicke, "Blurred Lines"). Im Rückspiegel aber ist kein Blues ohne Gewinsel über die Selbstbestimmung der Frau, kein Country ohne schlüpfrige Minne an den Engel an der Bar, kein Soul ohne verschwitztes Lob des Beischlafs, kein Rock vor allem ohne Groupies und Hymnen auf das Ausleben hypermaskuliner Libido. Und kaum ein Rap ohne kunstvoll kombinierte Besitz- und Gewaltfantasien wie "Ich fick sie, bis ihr Steißbein bricht".

Und das sind nur die Texte. Rollenprosa, klar. Und so klar nun wieder auch nicht. Im Gegensatz zum "Lolita"-Autor Vladimir Nabokov unterhielten Jimmy Page, David Bowie oder R. Kelly tatsächlich sexuelle Beziehungen zu Minderjährigen - und sind damit, anders als die Männerfigur Humbert Humbert in "Lolita", davongekommen. Den einen großen Fall hat es im Pop vielleicht deshalb nie gegeben, weil es nie einen schönen Schein gab, von dem das hässliche Sein sich abheben würde.

Vergnügen am frauenfeindlichen Kunstwerk

Was also tun mit diesem Erbe der Vergangenheit? Bausch und Bogen? Quoten? Richtlinien, Zensurbehörden? Wenn Robert Plant in "Lemon Song" den Wunsch hegt, im Bett möge seine "Zitrone" gepresst werden, "bis mir der Saft das Bein runterläuft", dann kann mich das auch als Mann abstoßen. Aber wie ist es mit Frauen, die ebenfalls gerne Led Zeppelin hören, Bob Dylan, Motörhead, Elvis Costello, Nick Cave, Pulp oder Jay-Z?

In der lesenswerten Anthologie "Under My Thumb" (über "songs that hate women and the women who love them") sind 29 feministische Autorinnen vertreten, die sich selbst Rechenschaft über ihr anhaltendes Vergnügen am frauenfeindlichen Kunstwerk machen, von nackter Gewalt bis zu subtileren Giften der Misogynie. In diesen Essays geht es nicht um Politik, es geht um Liebe und ihre irrationalen, schroffen Seiten.

Der Ton ist gnädig und verständnisvoll. Gerade hinter der übelsten Prosa und schlimmsten Pose, so eine Autorin, verberge sich oft Verletzlichkeit: "In unserer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft sind wir alle Opfer von Machtstrukturen, und die müssen wir bekämpfen". Vermutlich gilt das auch für die subtileren Gifte, die noch schwerer zu erkennen - und zu bekämpfen - sind.

Gerade jetzt dröhnt aus dem Kinderzimmer der Achtjährigen der Soundtrack zu "Bibi & Tina", scheinbar harmloses Zeug. Ein Junge singt, und die Tochter singt lauthals mit: "Komm, Mädchen halt dich fest/ Und wir reiten in die Sonne/ Du sitzt hinten, eh/ Und ich vorne". Eh.



insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
fyer 13.10.2018
1. Nachweis benötigt
"Den Frauen wollen sie trotzdem unter den Rock schauen. Nur brauchen die Nerds dazu keine Gewalt, sondern Webcams und ferngesteuerte Spielzeugautos." ich hab nicht alle aber so einige Staffeln von BBT gesehen, aber dass das auch nur annähernd so vorgekommen ist wie beschrieben bezweifle ich stark. ich lass mich gerne eines besseren belehren, aber bis dahin ist der kommentar mehr ein lügengebilde (auch die anderen Punkte sind im Kontext unhaltbar) alsgendwas anderes
HansChristianKommenter 13.10.2018
2. Och ja
Und in 10 Jahren singen alle vom erfüllten Männerleben am Herd. Gibts auch noch wichtige Themen, über die man berichten könnte? Frau Couco (immer noch? Sie hat wohl doch noch jemand abbekommen, auch als vollbusiges Dummchen im Film...) hat eine schlappe Million Dollar für JEDE FOLGE bekommen. Wär's möglich, dass ein paar Dollar das Problem auch für die Damenwelt aus der Welt schaffen? Oder dass sie MÖGLICHERWEISE genau MIT diesem Image Ihr Geld verdient hat? Ich versteh' die Diskussion nicht in jeder Facette...
multi_io 13.10.2018
3.
Kurze, unsichere Nachfrage: Der Text ist Satire, oder?
ted.striker 13.10.2018
4. Wenn sie schon
The Big Bang Theory als Beispiel heranziehen, dann sollten sie auch hervorheben, dass neben Frauen auch Angehörige einiger Religionsgemeinschaften, Menschen anderer Herkunft und eben auch Computernerds durch den Kakao gezogen werden. Man kann derartige Sendungen als Affront betrachten, oder man erkennt den satirischen, persiflierenden Hintergrund dieser Sendung - bei dieser Häufung von Diskriminierungen gegenüber Frauen, Nerds, Indern, Juden, Katholiken und Texanern müsste dieser springende Punkt eigentlich recht offensichtlich sein. Und falls sie die genannten Sendungen schon unterschwellig und schlimm finden- tun sie sich selber den Gefallen und schauen sie niemals, niemals die ersten 8 Staffeln von Two and a half Men an...
hardcoregalaxycommander 13.10.2018
5. tbbt
Ich muss hier an eine Szene aus The Big Bang Theory denken. Amy und Penny drücken Sheldon zu Boden und küssen ihn gegen seinen Willen.
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