Metropolitan Museum of Art in New York Kronjuwel mit Kratzern

Das New Yorker Met ist das umfassendste Museum der Welt. Seine Ausstellungen sind spektakulär, seine VIP-Galas bieten Edelklatsch. Trotzdem steckt die Mega-Institution jetzt in ihrer größten Krise.

SPIEGEL ONLINE

Von , New York


Es gibt noch stille Ecken. Den Vélez Blanco Patio zum Beispiel, einen 500 Jahre alten Schlosshof aus Andalusien, der hier Stein für Stein wiederauferstanden ist. Auch das Zimmer, wo sie den Kleiderschrank einer weißrussischen Immigrantin rekonstruiert haben. Oder die geheimnisvoll-düsteren Säle mit 1600 Objekten aus Afrika, Südamerika und Ozeanien, die einen anstarren wie aus dem Jenseits.

Sonst aber ist das Metropolitan Museum of Art ein Rummelplatz. New Yorks größtes Museum protzt mit drei Millionen Exponaten auf 20 Hektar, darunter Meisterwerke von Rembrandt und Picasso und ein kompletter ägyptischer Tempel. Doch seine 6,7 Millionen Besucher im Jahr sorgen für Dauerstau in den Galerien.

Nun droht sich das Met an seiner eigenen Monumentalität zu verheben. Trotz Publikumsrekorden, Hit-Shows und VIP-Galas eskaliert das Millionendefizit - und der Missmut hinter den Kulissen. Abteilungen verkümmern, Programme versanden, Dutzende Mitarbeiter landeten jetzt auf der Straße. Allen voran Direktor Thomas Campbell, der mit unwürdigem Spektakel geschasst wurde.

Die Kunstszene läuft heiß

"Es ist eine Tragödie, mitanzusehen, wie eine große Institution kaputtgeht", klagte der Kunstexperte und pensionierte Met-Manager George Goldner, der das Mega-Museum weiter berät, in der "New York Times", "unvorstellbar." Was ist schief gelaufen? Bei Manhattans Kunstmäzenen gibt es gerade keine heißere Debatte: Das Met ist ihr poliertes Kronjuwel - doch die Oberfläche zeigt Kratzer.

Gegründet 1870, gilt das Met als wichtigstes, umfassendstes Museum der Welt. Seine 17 Abteilungen pflegen das Kulturerbe der Menschheit: Gemälde, Skulpturen, Fotos, Instrumente, Rüstungen, Mode, Möbel. Das neoklassizistische Haupthaus am Central Park ist ein Labyrinth aus endlosen Flügeln, hinzu kommt die neue Filiale Met Breuer - bis 2014 die Heimat des Whitney Museums - und The Cloisters, eine Dependance am Hudson River. 2016 strömten so viele Besucher wie nie zuvor durch all diese Hallen.

Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Kaum von der Weltfinanzkrise erholt, übernahm sich das Met. Es stemmte bald bis zu 60 Sonderausstellungen im Jahr, weit mehr als andere. Tutanchamun, China, die hellenistischen Reiche: Seine Events waren cool, lockten die Massen an - und strapazierten das Budget.

"Unsympathisch", "scheußlich"", "kunstlos"

Statt alter Schätze jagte das Met plötzlich junge Trends. Es verspekulierte sich mit Prestigeprojekten, allein die Renovierung des Breuer-Baus kostete 15 Millionen Dollar. Es wechselte sein ikonisches "M"-Logo aus. Der kleine Fehltritt fand großes Gespött, vielsagend für den Imageknick: "Unsympathisch", "scheußlich"", "kunstlos".

Die seit 1979 von "Vogue"-Chefin Anna Wintour inszenierte Met-Gala, die die alljährliche Fashion-Ausstellung eröffnet, wucherte zur exklusiven Charity-Party, die mit Kunst wenig zu tun hatte. Anfang Mai staksten die Promis in untragbarer Haute Couture über die Freitreppe, darunter Madonna, Pharrell Williams, Rihanna und die Kardashians. Die wenigstens mussten zahlen.

Da hatten die Kritiker Campbell längst abgeschossen. Der 54-Jährige führte das Met seit 2009, war aber ein unerfahrener Manager. Sein flotter Stil irritierte. Auch sagte ihm die Boulevardpresse eine Liaison mit einer Mitarbeiterin nach, was zu einer kostspieligen Abfindung geführt haben soll. "Die Stimmung ist gedrückt", gab Met-Präsident Daniel Weiss zu.

Das hätten die Mäzene und Aufsichsräte - darunter etliche Wall-Street-Mogule - vielleicht noch geschluckt. Doch nicht die explodierenden Verluste.

Feste Preise statt freiwilliger Spenden

Das Met finanziert sich weitgehend aus Spenden, Mitgliedschaft, Eintritt und Investments. Die Stadt steuert acht Prozent bei, meist für den Unterhalt der Immobilien. Dennoch reicht's nicht: 2016 nahm das Met 310 Millionen Dollar ein, gab aber 315 Millionen Dollar aus - davon 1,4 Millionen Dollar für Campbells Salär, inklusive eines Penthouses direkt gegenüber, an der Fifth Avenue.

Und das trotz drastischer Sparmaßnahmen anderswo. Als ein 40-Millionen-Dollar-Haushaltsloch drohte, wurden 90 Fachstellen abgebaut und Sozialleistungen gekürzt. Ein 600 Millionen Dollar teurer Anbau wurde "vertagt". Schließlich verlor der Vorstand die Geduld: Campbell flog raus.

Seine Nachfolge ist offen. Auch sonst bleibt die Zukunft unklar. Der bisher "freiwillige" Eintritt von 25 Dollar, der 2016 immerhin 39 Millionen Dollar einbrachte, soll fortan für auswärtige Besucher verbindlich werden. Doch wie lässt sich damit kalkulieren?

Die nächste Mammutshow steht dagegen schon fest. Im November wird das Met Hunderte Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen und Architekturmodelle von Michelangelo zeigen. Hauptsponsor: die Investmentbank Morgan Stanley.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
mariomeyer 17.05.2017
1. Und?
Wo ist das Problem? Wenn ich das hier richtig lese, ist der Schuppen ein Publikumsmagnet. Dann sollte die Finanzierung doch locker zu wuppen sein. Entweder durch höhere Eintrittspreise, mehr Sponsoring oder ganz simpel durch private oder öffentliche Spenden. Too big to fail. Aber echt jetzt.
criticalsitizen 17.05.2017
2. Kunst und Kultur sind kein Fall für Betriebswirte und Pseudo-Promis
und schade, wenn nun das wunderbare Museum zu besuchen für viele Leute (gerade von "außerhalb", wer kann schon die Mieten und Quadratmeterpreise in NYC noch bezahlen...) unbezahlbar wrd.
Shulma Shmoller-Shmopp 17.05.2017
3. Egal
Im Glanz der Kunst sonnt sich vieles. Es dürfte ihr egal sein.
NewYork76 17.05.2017
4. Auf den Punkt gebracht
Auf den Punkt gebracht: Misswirtschaft ist das Problem hier. Ich haette nichts gegen feste Eintritts-Preise (gerne auch teuerer als jetzt). Aber die Einnahmen-Seite ist nicht das Problem. Die Geldverschwendung ist es. Mehr focus auf weniger, aber dafuer gute Ausstellungen. Und die Corporate Sponsorships steuern das Uebrige bei. Man kann nur hoffen, dass ein guter neuer Direktor mit Kunstverstaendnis und Geschaeftssinn gefunden wird...
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