#MeTwo "Wo kommst du eigentlich richtig her?"

Viele Menschen mit dunklerer Hautfarbe beschweren sich, dass sie oft gefragt werden: "Wo kommst du eigentlich richtig her?" Ist das Rassismus? Und darf man das fragen?

imago/ Science Photo Library

Ein Kommentar von


Es gibt mal wieder Verwirrung, weil viele Menschen unter #MeTwo geschrieben haben, dass sie ständig nach ihrer Herkunft gefragt werden. "Darf man nicht mal mehr fragen, woher jemand kommt?" - "Das zeigt doch nur Interesse!" - "Das hat mit Rassismus nichts zu tun!" - Sogar ein Freund fragt: "Sag mal, ist es in Ordnung, jemanden nach seiner Herkunft zu fragen?"

Es kommt drauf an. Wer fragt? Und vor allem: wie, in welchem Ton? Ist es tatsächlich Interesse? Oder will jemand ausgrenzen? Wird, wenn ich antworte: "Aus Hollern-Twielenfleth", das akzeptiert, oder wird nachgefasst: "Ja, aber woher kommst du richtig?" Wie penetrant ignoriert der Fragesteller, dass alles gesagt ist? Wird respektiert, dass der Befragte vielleicht gar nicht das Bedürfnis hat, seine familiäre Geschichte offenzulegen?

Klar ist, dass man, wenn man jemanden nur wegen seiner dunklen Hautfarbe nach seiner Herkunft fragt, schon mal von vornherein signalisiert: Du bist anders, du bist nicht von hier, daher frage ich nach deinen Wurzeln. Es nervt auch deshalb, weil viele der Befragten in Deutschland geboren sind und ihr ganzes Leben hier verbracht haben und dennoch immer wieder ihre Geschichte - und eigentlich auch: sich selbst - erklären müssen. Das zeigt, dass in den Köpfen vieler Menschen noch nicht angekommen ist, dass ein Deutscher oder eine Deutsche nicht weiß sein, dass er nicht Hans und sie nicht Maria heißen muss. In ein paar Generationen wird das hoffentlich anders sein.

Aber in den meisten Fällen sind die Fragesteller wirklich nur neugierig. Ich habe braune Haut und schwarze Haare, man sieht mir meine Wurzeln in einem anderen Teil der Welt an, wieso sollte ich also so tun, als gäbe es sie nicht? Wenn ich also Lust habe zu reden, erzähle ich dem Mitreisenden in der Bahn, der mich nach meiner Herkunft fragt, gerne meine Familiengeschichte und vom schwierigen Weg, Deutscher zu werden. Und ich frage auch zurück: Woher kommen Sie? Was ist Ihre Geschichte? So entsteht meist ein gutes Gespräch, am Ende hat jeder etwas dazugelernt, und das ist doch prima.

Ja, aber

Ähnlich verhält es sich mit dem vermeintlichen Lob: "Sie sprechen aber gut Deutsch!" Auch das wurde bei #MeTwo kritisiert. Die meisten Menschen, die wie ich offensichtlich für Fremde gehalten werden, antworten mittlerweile: "Danke, Sie auch!"

Ich verstehe, dass es ein ernst gemeintes Lob sein soll. Und natürlich gibt es Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen und sich über ein solches Lob aufrichtig freuen. Aber in manchen Fällen ignoriert es eben auch, dass der Gelobte ja Deutscher ist, Teil dieser Gesellschaft. Diese Person für ihre Deutschkenntnisse zu loben, hat durchaus etwas Ausgrenzendes, Abwertendes. Oder es schwingt eine allgemeine Kritik mit an Menschen mit Migrationshintergrund, die auch nach Jahren in Deutschland die Sprache nur unzureichend beherrschen. Diese Kritik mag in Einzelfällen berechtigt sein, landet dann aber in den meisten Fällen beim falschen Adressaten.

Wer so etwas Rassismus nenne, rede Rassismus klein, reagieren manche auf solche #MeTwo-Geschichten. Das ist falsch. Natürlich sind das Kleinigkeiten im Vergleich zum mörderischen NSU-Rassismus, zu brennenden Flüchtlingsheimen und auch zu einer rassistischen Politik, die Menschen als "Kulturfremde" stigmatisiert. Und doch ist es, im einen oder anderen Fall, Rassismus, den man so benennen muss. Es ist die Summe der erlebten Alltagsrassismen, die das alles zu einem ernsten Problem machen.

Also: Darf man Menschen fragen, woher sie kommen? Und darf man sie für ihre Sprachkenntnisse loben? Im Prinzip ja, aber…...



insgesamt 203 Beiträge
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Seite 1
fredderfarmer 11.08.2018
1. Aus Interesse vielleicht!?
Da würde der Autor bestimmt nie drauf kommen, aber wenn ich einen Menschen interessant finde, möchte ich natürlich wissen wo er herkommt, auch ursprünglich. Und zwar unabhängig von irgendeiner Farbe oder sonstiges.
schauerstoff 11.08.2018
2. normies
das Problem ist, dass die Normies sich nie erklären mussten oder für ihre Herkunft beleidigt oder physisch angegangen wurden.. sie wissen nicht, was Rassismus am eigenen Leib bedeutet, wollen aber klar entscheiden, ab wann sich ein Mensch diskriminiert fühlen darf.
ruhepuls 11.08.2018
3. Sehr schwierig....
Einen Fremden würde ich nicht fragen, woher er kommt, nur weil er so aussieht, als wäre er kein Westeuropäer. Einen Kollegen würde ich schon fragen, woher er oder seinen Familie ursprünglich kommt. Ist einfach Neugier und keine Herabsetzung. Mich würde vielleicht auch interessieren, wieso er in Deutschland lebt (wenn er selbst eingewandert ist). Es lässt sich nun mal nicht leugnen, dass eine andere Hautfarbe oder andere äußere Merkmale daraufhin weisen, dass jemand aus einer anderen Ethnie stammt. Vielleicht wird diese Frage einem irgendwann einmal gar nicht mehr in den Sinn kommen, wenn Deutschland über Generationen aus Menschen unterschiedlichster Herkunft besteht. Aber zur Zeit ist das noch was Neues. Also weckt es Neugier. Wir sind, anders als beispielsweise Amerikaner, nicht daran gewöhnt, dass viele verschiedene Rassen in einem Land leben - und das schon seit Generationen.
melchner 11.08.2018
4. Ausländer
Leute fragen mich fast täglich woher ich komme, und ich finde es immer nett und freundlich. Ich wohne zeit über 25 Jahren in Deutschland, aber mein Akzent geht nicht weg. Ich frage andere Leute auch, aber nur wegen ihre Akzent, nicht wegen ihre Hautfarbe oder Kleidung. Durch diese freundliche Fragen habe ich ein paar feste Freunde gekannt.
manotti 11.08.2018
5.
Ich interessiere mich auch immer wieder für Personen mit offenbar ausländischen Wurzeln und frage sie woher ihre Vorfahren stammen. Ich finde, dass ich damit nur aufrichtiges Interesse an dem Menschen zeige. Man erfährt etwas über die Gründe, warum diese Menschen nach Deutschland gekommen sind oder hier geboren wurden. Was ist daran schlimm oder rassistisch? Auch ein aufrichtiges Lob für ein gutes Deutsch ist doch in Ordnung, schließlich gibt es hier auch viele türkische Mitbürger, deren Eltern und sie selbst, die deutsche Sprache nur rudimentär oder gar nicht sprechen.
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