Pressefreiheit Kritischer Journalist in Mexiko getötet

Journalisten leben in Mexiko gefährlich, sie werden bedroht, verprügelt, ermordet. Am Samstag ist ein Fotojournalist in Mexiko-Stadt regelrecht hingerichtet worden. Hinter der Gewalt steckt nicht nur das organisierte Verbrechen.

Von , Mexiko-Stadt

Von Kugeln durchsiebt: Fotojournalist Rubén Espinosa wurde in Mexiko-Stadt getötet
DPA

Von Kugeln durchsiebt: Fotojournalist Rubén Espinosa wurde in Mexiko-Stadt getötet


Rubén Espinosa wusste, dass er in Gefahr war. Der Pressefotograf aus dem mexikanischen Bundesstaat Veracruz war in den vergangenen Wochen mehrfach auf offener Straße eingeschüchtert worden. Seit Mitte Juni suchte er deswegen in der vermeintlich sicheren Hauptstadt Mexico-Stadt Zuflucht. Seinen Aufenthaltsort wechselte er ständig. Mal wohnte er im Haus seiner Eltern, dann wieder in Wohnungen von Freunden.

Doch seine Mörder spürten ihn in der 20-Millionen-Metropole auf. Der 32 Jahre alte Fotoreporter wurde am Samstag gemeinsam mit vier Frauen tot in einer Wohnung in einem Mittelklasse-Stadtteil aufgefunden. Seine Leiche und die der anderen Opfer waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit Klebeband gefesselt, wiesen Folterspuren auf und waren mit Schusswunden übersät.

Tatort: Ein Häuserblock in einem gehobenen Viertel von Mexiko-Stadt
DPA

Tatort: Ein Häuserblock in einem gehobenen Viertel von Mexiko-Stadt

Espinosa verlängert die traurige Liste der getöteten Journalisten in Mexiko. Er ist der siebte ermordete Medienmacher in diesem Jahr. Seit 2000 sind in Mexiko 88 Reporter, Fotografen und Landeskorrespondenten erschossen, erwürgt, gefoltert, zerstückelt und in Müllbeuteln weggeworfen worden. "Mexiko ist nach Pakistan und dem Irak der gefährlichste Arbeitsplatz für Journalisten auf der Welt", sagte Darío Ramírez, Vorsitzender der mexikanischen Sektion der Menschenrechtsorganisation Article 19 im März gegenüber SPIEGEL ONLINE. Article 19 setzt sich weltweit für Meinungsfreiheit ein.

Verprügelt von Polizisten

Espinosa arbeitete seit acht Jahren freiberuflich für das Nachrichtenmagazin "Proceso" und die Fotoagentur Cuartoscuro in Jalapa, der Hauptstadt von Veracruz. Der Staat am Golf von Mexiko ist wegen seiner strategischen Lage nahe den Grenzen Guatemalas und der USA seit Jahren ein Brennpunkt des organisierten Verbrechens. Zudem wird er von dem Gouverneur Javier Duarte regiert, der von Pressefreiheit nicht viel hält: "Benehmt euch, Journalisten", warnte Duarte mehrfach Medien, die kritisch über seine Politik berichteten.

Fotograf Espinoza hatte sich auf die Dokumentation von sozialen Bewegungen und Protestveranstaltungen spezialisiert und war in diesem Zusammenhang mehrfach von Polizisten verprügelt und dazu gezwungen worden, seine Bilder zu löschen. Ende 2013 zeigte er mehrere Beamte an, woraufhin ihm von der Regierung in Veracruz Geld geboten wurde, damit er die Anzeige zurückzieht. Espinosa lehnte ab.

An einem Tag Anfang Juni lauerten ihm dann in Jalapa wiederholt unterschiedliche Männer auf, fotografierten ihn, rempelten ihn an und bedeuteten ihm mit Handzeichen, künftig zu schweigen. Daraufhin entschloss sich der Fotoreporter, Veracruz für eine Zeit zu verlassen. "Es stört und nervt mich, nicht arbeiten zu können, mich aus Angst zu isolieren, aber ich gehe trotzdem, damit mir nichts passiert", sagte Espinosa damals. Und er machte klar, wen er hinter den Angriffen gegen sich vermutete: "Ich vertraue keinem Beamten dieses Staates."

Die Gefahr geht nicht mehr nur von Kriminellen aus

Den Mord an Espinoza bezeichnete Article 19 als neuen Markstein in der Gewalt gegen Journalisten. Es sei das erste Mal, dass ein durch Drohungen vertriebener Reporter in der Hauptstadt ermordet wird: "Wir sehen mit großer Besorgnis, dass Mexiko-Stadt nicht mehr der sichere Rückzugsort für bedrohte Kollegen ist", erklärte die Organisation. Außerdem geht die Gefahr inzwischen längst nicht mehr nur von Kriminellen aus.

War es vor Jahren vor allem das organisierte Verbrechen, das die Pressefreiheit in Mexiko gefährdete, so sind es heute in der Mehrzahl Staatsdiener, schrieb Article 19 in seinem Jahresbericht über die Gewalt gegen die Presse. 56 Prozent der Angriffe auf Pressevertreter oder Medien-Einrichtungen wurden 2014 demnach von Polizisten und Soldaten, von Politikern und Funktionsträgern verübt.

Reporter ohne Grenzen führt Mexiko in seiner Rangliste der Pressefreiheit 2015 auf Platz 148 von 180 Staaten. Hinter dem aufstrebenden G20-Staat stehen nur noch Länder wie Iran, Weißrussland, Saudi-Arabien, Somalia und Kuba - allesamt Staaten mit großen demokratischen Defiziten.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
caty24 02.08.2015
1. In Mexiko werden die IP Adressen gespeichert
genauso wie bei uns ...aber auch gehandelt. Niemand ist dort mehr sicher.
Dieter62 02.08.2015
2. Dass Journalisten in Mexiko
gefährlich leben ist nicht erst seit heute so. Und dass vor allem die Regierung dahintersteckt, ist jedem klar, der Mexiko ein wenig besser als vom Palmenstrand aus kennt. Die Parteizugehörigkeit ist dabei gleichgültig, die bedienen immer nur ihre Oberklasse Klientel, wie zunehmend auch bei uns. Vor allem das Calderon Regime war bekannt und berüchtigt, solche Mordfälle einfach als "Abrechnung unter Drogenbanden" abzuhandeln. Das stimmt nur dann, wenn man eingesteht, dass die Kartelle längst den Staat nicht nur unterwandern, sondern beherrschen. Unabhängige Kreise, wie der eliminierte Journalist gehen darüber hinaus von mehr als 100000 Verschwundenen in Mexiko aus, und das waren längst nicht alles Kartellmitglieder. Und auch Kartellmitglieder bekommen in einem Rechtsstaat einen Prozess und werden nicht irgendwo in der wüste verscharrt.
Barxxo 02.08.2015
3. Mexico, das abschreckende Beispiel
Jeder, der immer noch dem Glauben anhängt, neoliberale Marktliberalisierung und Deregulierung macht das Leben für Alle besser, der werfe einen Blick nach Mexico. Was dort geschieht, ist nahezu ungeregelter Kapitalismus in Reinform. Nicht nur das organisierte Verbrechen bringt dort Menschen um, sondern große Konzerne ebenso.
dutchinnz 02.08.2015
4. Hobby-Kommunismus von Barxxo
Zitat von BarxxoJeder, der immer noch dem Glauben anhängt, neoliberale Marktliberalisierung und Deregulierung macht das Leben für Alle besser, der werfe einen Blick nach Mexico. Was dort geschieht, ist nahezu ungeregelter Kapitalismus in Reinform. Nicht nur das organisierte Verbrechen bringt dort Menschen um, sondern große Konzerne ebenso.
So ein Kommentar kann nur von einem kommen, der die Abwesenheit von Ahnung mit viel Dogmatik zu kompensieren versucht. !2 Jahre leben in Mexiko bringen jedem bei, daß das Problem dort die enorme Korruption ist, die allen Lagen der Gesellschaft durchzieht. Das hat alles mit egozentrischer Kriminalität und nichts mit Kapitalismus zu tun. Lieber Barxxo, die große Konzerne verlieren große Mengen Geld gerade wegen der enormen Kriminalität und Korruption; das ist auch der Grund, weshalb viele Firmen darauf verzichten, in Mexiko eine Produktionsstätte oder ein Bureau aufzumachen.
lilioceris 02.08.2015
5. Vielleicht
helfen da ein paar Sanktionen von benachbarten und befreundeten Staaten, besonders von den Staaten im Norden von Mexico. Aber dann trifft es natürlich wieder die falschen, nämlich die einfachen Leute.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.