Michael Moore in Berlin Der kluge Amerikaner

Michael Moore auf Deutschland-Tournee, zehn Auftritte in sechs Städten, bis zu drei Shows an einem Tag. Am Sonntagabend gab es die erste Vorstellung in Berlin. Es war ein Feldgottesdienst der besonderen Art.

Von Henryk M. Broder


Moore-Billboard an der Columbia-Halle: "Thank you, Berlin!"
Henryk M. Broder

Moore-Billboard an der Columbia-Halle: "Thank you, Berlin!"

Drinnen sitzen schon ganz viele Menschen dicht gedrängt auf wackeligen Klappstühlen, draußen stehen Hunderte und wollen auch noch rein. "Ausverkauft!" ruft jemand in die Menge, für die zweite Show am selben Abend soll es aber noch Karten geben. Wer ist es, der fast 3000 Menschen in die Columbia-Halle in Berlin-Tempelhof lockt? Ist es der Familiennachsteller Bernd Hellinger, der Prediger Eugen Drewermann, der Walzer-König Andre Rieu? Nein, es ist ein Schriftsteller, ein Autor, der Bestseller wie am Fließband produziert: Michael Moore - zurzeit der beliebteste Amerikaner in Deutschland, denn er ruft zum Widerstand gegen George W. Bush auf.

Und es sind vor allem junge Leute, die ihn wie einen Popstar verehren, was recht erstaunlich ist, denn Moore ist schon ziemlich alt und sieht aus wie die stupid white men, über die er schreibt. Trotzdem: Michael Moore ist in, er ist hip, er ist cool. Würde man an diesem Abend das Durchschnittsalter seiner Fans ermitteln, käme ein Wert von knapp über 20 heraus. Es sind die gleichen jungen Leute, die auf Anti-Kriegs-Demos gehen, gegen die Globalisierung demonstrieren und Joschka Fischer für einen Verräter halten. Und die nun endlich einen gefunden haben, den sie lieben können, weil er sie liebt.

"Thank you, Berlin!" schreit Moore ins Mikrofon. Er trägt seine übliche Tracht: Braune Windjacke, schwarzes T-Shirt, übergroße Jeans und grüne Baseball-Mütze. Ein Mann, der mit seinen Büchern Millionen verdient hat, könnte sich eigentlich besser kleiden. Aber Moores Outfit ist genauso ein Trademark wie seine Performance. "Thank you and the people of Germany for being good friends!" Gute Freunde sind die Menschen in Deutschland, weil sie derselben Meinung wie Moore sind: Bush und seine Bande gehören weg. Jetzt hat Moore noch eine gute Idee: "Remove Denmark from Scandinavia!", denn das kleine Dänemark hat sich mit dem großen Amerika verbündet. Statt Dänemark, schlägt Moore vor, sollte Finnland in Skandinavien aufgenommen werden. Toller Witz, alles lacht. Im Sinne der erweiterten Skandinavien-Definition, der zufolge Dänemark dazugehört, gehört allerdings auch Finnland längst dazu.

"Do not go the American Way!"

Und dann erzählt Moore, was er in seinen Büchern schreibt und was er bei seinen Auftritten immer erzählt. Wie dumm, wie ungebildet, wie primtiv die Amerikaner sind. "It's our national policy to keep the people stupid." 85 Prozent der Amerikaner wissen nicht, wo der Irak liegt, 65 Prozent können Großbritannien nicht auf der Landkarte finden, 11 Prozent sind nicht einmal in der Lage, die USA auf einem Globus zu lokalisieren. Sollte es nicht ein Gesetz geben, fragt Moore seine Fans, dass man nur Länder bombardieren dürfte, von denen man weiß, wo sie sind? Tosender Beifall. Auch Moore lacht über seinen Witz, der so alt ist wie der Anorak, den er wegen der Hitze nach einer halben Stunde ablegt.

Bestseller-Autor Moore: "Nine eleven was not a terrorist attack, it was a military attack"
Henryk M. Broder

Bestseller-Autor Moore: "Nine eleven was not a terrorist attack, it was a military attack"

Dann erklärt er den Unterschied zwischen dem amerikanischen Football und dem europäischen Fußball, spricht über das "health care"-System in den USA, das Millionen Menschen ohne Krankenversicherung lässt und appelliert an die Deutschen, an ihrem "safety net" festzuhalten. "Do not go the American way!" Denn "wir sitzen alle im selben Boot und müssen füreinander da sein!" Das denken auch seine Zuhörer und klatschen Beifall, als sei Mutter Teresa auferstanden. Moore könnte an diesem Abend ebenso gut aus dem Telefonbuch von Poughkeepsie oder die Kleinanzeigen aus dem "Miami Herald" vorlesen, seinen Bewunderern wäre alles recht, Hauptsache es steht Michael Moore drauf.

Die Show könnte auch "Michael Moore's Allerlei" heißen, denn vom Football and "safety net" kommt er mühelos zum Terrorismus, der offenbar nur in den Medien stattfindet. "Where is terrorism? Where is it located on the map?" Einen Tag vorher sind mehr als zwanzig Menschen bei zwei Terroranschlägen in Istanbul getötet worden, aber Moore steht fröhlich grinsend und gestikulierend auf Bühne der Columbia-Halle in Berlin-Tempelhof und fragt in aller Unschuld, wo es denn, bitte schön, Terrorismus geben würde? Das Publikum dankt es ihm mit frenetischem Beifall. Freilich, auch Moore gibt zu, dass der Terrorismus eine reale Gefahr sein kann, aber nur, wenn er "von der Wall Street und der Republikanischen Partei" kommt. Und Osama Bin Laden ist kein Terrorist, sondern ein Multi-Millionär: "A rich fuck who kills people!" Wie Präsident Bush und die Chefs der großen amerikanischen Unternehmen.

Welche Ressentiments Moore ausbeutet und bedient, wird spätestens dann klar, wenn sich seine Fans zu Wort melden. Eine junge Frau will wissen, ob die amerikanische Regierung in die Anschläge vom 11. September verwickelt war. Moore antwortet ausweichend. "Nine eleven was not a terrorist attack, it was a military attack." Eine andere Besucherin würde gerne Bush mit Hitler vergleichen, traut sich aber nicht, Moore macht ihr Mut. Was Bush so treibt, ähnelt dem, was Hitler in seinen "early days" gemacht hat. Eine Amerikanerin im Exil fragt, was man tun könnte, damit mehr Amerikaner zur Wahl gehen. "Free beer", antwortet Moore. Ein junger Mann bittet Moore, er möge mal nach Erfurt kommen, um den Menschen dort wieder Hoffnung zu geben, denn Erfurt ist das deutsche Columbine. Aber Erfurt steht nicht auf Moores Agenda.

Als er gefragt wird, was er mit dem vielen Geld, das er mit seinen Büchern verdient hat, machen würde, spricht Moore eine Drohung aus: Das Geld mache es ihm möglich, die Bücher zu schreiben, die er schreiben will. Aber hat er das nicht immer schon getan?

Marx soll mal in einem klaren Moment gesagt haben, was ihn am Marxismus stören würde, wären die Marxisten. Das Gleiche gilt für Moore. Er ist ein Abzocker, ein Konjunkturritter, nicht besser und nicht schlechter als Billy Graham und andere Wanderprediger. Seine Fans aber sind Gläubige, die 12 Euro ausgeben, um an einem Feldgottesdienst teilnehmen zu dürfen. Moore ist ein kluger Amerikaner, stupid white men sind die anderen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.