Houellebecq-Ausstellung Am Ende geht es um den Hund

Starautor Michel Houellebecq hat zeit seines Lebens fotografiert. In einer Pariser Ausstellung präsentiert er in Bildern und Installationen seine morbide Gedankenwelt - in der ihm nur zwei Dinge Erleichterung versprechen.

Michel Houellebecq/ Air de Paris

Von Romain Leick


Den Status des notorischen Skandalautors hat Michel Houellebecq längst hinter sich gelassen. Er ist ein radikaler Diagnostiker des Zeitgeists, Philosoph und Poet zugleich. Viele seiner Leser sind geradezu süchtig nach seiner Sprache und seiner Welt, verzaubert durch die Banalität des Depressiven und den Charme der Melancholie, die seine Romane seit über 20 Jahren kennzeichnen.

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Nun präsentiert der umstrittene Star der französischen Gegenwartsliteratur sein Universum zum ersten Mal in einer Einzelausstellung, die wie eine Übertragung seiner Literatur vom Erzählerischen ins Szenisch-Visuelle anmutet. Denn sobald die Besucher im Palais de Tokyo in Paris die ersten Bilder seiner Schau "Rester vivant" (Lebendig bleiben) sehen, versinken sie in dieser spezifischen Atmosphäre, die sie aus den Büchern kennen - eine Romantik der Abenddämmerung, des Untergangs und der Auflösung allen menschlichen Lebens. Sie beginnen ihren Rundgang durch die Faszination der Postapokalypse.

Um ein mögliches Missverständnis gleich auszuräumen: "Lebendig bleiben" ist eine Ausstellung von Michel Houellebecq, nicht über ihn. Sie führt dennoch ab Donnerstag durch die sehr persönlichen Obsessionen des Dichters. Sie zeigt eine geistige Landschaft, konkret und auch wieder surreal, in der Menschen fast völlig fehlen. Gegenwärtig sind sie vor allem durch ihre fragwürdige Hinterlassenschaft und ihre unerfüllten Träume: Rückstände der Zivilisation auf der einen Seite, Sehnsucht nach Liebe und Glück auf der anderen.

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Seit seiner Jugend ist Houellebecq ein leidenschaftlicher Fotograf. Aber er macht nicht gern Bilder von Menschen. Er glaubt nämlich nicht, sagt er, dass Fotos die Wahrheit eines menschlichen Wesens reproduzieren können, jedenfalls nicht so wie Malerei und Dichtung. Bis er seinen in der zeitgenössischen Kunstwelt angesiedelten Roman "Karte und Gebiet" schrieb, betrachtete er Fotografie nicht als Kunstzweig. Jetzt hat er sich ihn ausdrücklich angeeignet.

Die Fratze des urbanen Molochs

Seine Aufnahmen, die er über Jahrzehnte gemacht und nun im Palais de Tokyo in 21 Räumen mit verschiedenen thematischen Serien zusammengestellt hat, zeigen Orte und Landschaften, Natur, die sowohl lieblich wie auch leicht einschüchternd wirken kann, Häusermeere, verlassene und verfallende Gebäude, Industrieanlagen, Autobahnen, unbelebte Feriensiedlungen. Sie ergeben eine Dokumentation zwischen Realität und Fiktion, in der die abgebildete Wirklichkeit immer schon die Kritik an ihr selbst enthält und auf die Möglichkeit einer Utopie verweist, indem sie ihre Unzulänglichkeit offenbart. Gern montiert er Kontrastbilder übereinander, beschriftet seine Bilder mit Zeilen aus seinen Gedichten. Sie springen den Betrachter an wie suggestive Kommentare, die Einsamkeit, Leiden, Bedrohliches ins Bewusstsein rufen. "Lebendig bleiben" heißt, die Nähe des Todes nicht außer Sicht zu verlieren.

Zeitkritische Leitmotive aus den Werken tauchen mit zuweilen brutaler Eindringlichkeit auf. Houellebecq legt das Unbehagen an der Moderne frei, die an ihrer eigenen Unwohnlichkeit zugrunde geht. Seine Gegenwelt ist eine Regression: der Wunsch nach Rückkehr zum gelassenen, erfüllten Dasein ohne Trieb- und Konsumzwänge.

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Im Mittelpunkt der Schau stehen zwei Gesichter Frankreichs - die Fratze des urbanen Molochs und der Reiz der ländlichen Provinz. Houellebecq ist ein Reisender durch die französischen Regionen. An der Peripherie der Städte konzentrieren sich die Katastrophen, in den Kulturlandschaften mit ihren uralten Dörfern findet er das Versprechen der Erlösung. Luxus, Tourismus und Gastronomie, erläutert Houellebecq dazu, seien die sinnvolle Alternative zum zerstörerischen Konkurrenzkampf des industriellen Zeitalters, das in Europa ohnehin dem Ende zuneige.

In der "Douceur de vivre", der angenehmen Lebensart, sieht er Frankreich auf der Gewinnerseite, während die wuchernden Banlieues um die Großstädte sich in eine menschliche Mülldeponie ohne sozialen Zusammenhalt verwandeln. In seiner Fotoserie zu Frankreich lässt sich so das Scheitern der Moderne soziogeografisch ablesen.

Liebe als unwirkliches Ideal

Natürlich wäre Houellebecq nicht bei sich selbst, wenn er ohne Erotik auskäme. Frauen betrachtet er als uneingeschränkte Wohltat, sie sind die einzigen wahren Menschen in seiner Ausstellung, die Licht, Schönheit und Liebe in eine ansonsten oft vom Tod gezeichnete Welt bringen. Die Frauen, die er in zwei Serien zeigt, sind seinen Romanheldinnen Esther (aus "Die Möglichkeit einer Insel") und Annabelle (aus "Plattform") nachempfunden. Sie behalten etwas Geheimnisvolles, denn die Liebe ist ein unwirkliches Ideal außerhalb der Zeit - flüchtig und unvergänglich zugleich.

Seinem vor fünf Jahren gestorbenen Hund, einem Welsh Corgi Pembroke namens Clément, hat der Schriftsteller einen eigenen Raum gewidmet. Auch Clément verkörpert bedingungslose Liebe, ohne die Komplikationen des Menschlichen. Die Bilder (zum großen Teil Zeichnungen von Houellebecqs Ex-Gefährtin Marie-Pierre Gauthier) sehen aus, als würde der Autor ihm immer noch nachtrauern. So ist das wirklich Autobiografische der Ausstellung von Houellebecq am Ende sein Hund. Das ist die tragisch-ironische Pointe, aber auch das tröstlich Berührende einer Konfrontation mit Leben und Tod, die Houellebecq dem Besucher seiner Ausstellung (wie auch dem Leser seiner Bücher) in wechselnden Facetten und Perspektiven immer wieder zumutet.

Satirisch passend dazu hat Houellebecq auf der Manifesta 11 in Zürich den Befund einer ärztlichen Untersuchung offengelegt, die er in der Schweiz machen ließ. Demnach ist sein Gesundheitszustand ganz annehmbar, obwohl er ja nicht immer danach aussieht. Das medizinische Bulletin, mit dem er allen, die ihm Übel wollen, eine Nase dreht, lässt hoffen, dass er weiter lebendig bleibt, um die Wahrheit zu sagen.


Michel Houellebecq: "Rester vivant". Palais de Tokyo, Paris; vom 23 Juni bis zum 11. September 2016.



insgesamt 5 Beiträge
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chrimirk 21.06.2016
1. MH´s Gedanken sind tiefgründiger, als es scheint
Das Spiegelgespräch muss man mehrmals lesen. Und nachdenken. Der Mann hat in vielen seiner provokanten Aussagen, Beschreibungen, drastischen Vergleichen sehr tiefgründige Wahrheiten veröffentlicht/beschrieben. Vieles erinnert an Artur Schopenhauer. Auch der hat das menschliche Sein skeptisch und ähnlich drastisch formuliert. Danke und alles Gute Herr Houellebecq! Schreiben Sie bitte noch viel öfters!
dansyd 21.06.2016
2.
Habe alle seine Romane gelesen und finde schon dass er der Welt mit seiner Sicht der Dinge künstlerisch etwas von Wert bietet. Das würde ich bei den Photos nicht behaupten.
Lisa_can_do 22.06.2016
3. Vielleicht
Ist es Kunst, bestimmt sogar. Aber auch eine unerträgliche Darstellung seiner selbst. Und irgendwie sehe ich, was andere nicht sehen: ein selbstverliebter ekliger ungepflegter nerviger alter Mann und Macho. Und es scheint mir, dass er das schon immer war. In all seinen Kunst-Ergüssen. Und vor allem in seinen Büchern.
niamh 22.06.2016
4.
"...in den Kulturlandschaften mit ihren uralten Doerfern findet er das Versprechen der Erloesung" Das ist ja zum lachen. Irgendwie glaube ich nicht, dass ein homosexuelles Paar z.B. das in ein "uraltes" franzoesisches Dorf einzieht, zustimmen wurde! Das einziges uraltes bei solchen Dorfbewohnern ist ihre Gewaltbereitschaft, Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, und furchtbare Tierquaelerei. Diese ganze Zuruckgebliebenheit wird als "Tradition" und "Kultur" gekleidet. Houellebecq ist ja selber ein tief unangenehmer Mann, deshalb ist es wohl logisch, dass er solchen "Konservatismus" mag.
Olaf 23.06.2016
5.
Der Mann hat Humor.
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