Michelle Obamas Autobiografie Mit Wucht

Hach, dieses ewige Charisma! Michelle Obamas Autobiografie ist weder politisches Bewerbungsschreiben noch nostalgisches Nachsinnen. Ihre Heldengeschichte hebt die Macht der Obamas endgültig in die Popsphäre.

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Wer will, der kann dieses Buch wie einen Steinbruch für "pikante" oder auch "delikate" Anekdoten durchblättern. Wie Michelle Obama mit ihrem künftigen Mann eine Vorstellung von "Les Misérables" verlässt, weil beide es fürchterlich finden. Wie das Paar sich um künstliche Befruchtung bemüht oder eine Eheberatung in Anspruch nimmt. Wie die First Lady sich mit der Queen über drückende Schuhe unterhält. Welche Alpträume sie im Weißen Haus plagten.

Tatsächlich ist "Becoming", geschrieben von Michelle Obama selbst (wenngleich assistiert von einem "Team" an Mitarbeitern), zunächst einmal genau das: "Meine Geschichte". Eine weltweite Print-Startauflage von drei Millionen Exemplaren und Übersetzungen in 31 Sprachen lassen freilich darauf schließen, dass noch mehr dahintersteckt. Was genau? Hier lohnt ein Vergleich mit anderen Memoiren von Präsidentengattinnen.

In "Spoken From The Heart" erzählte einst Laura Bush von ihrer Kindheit und schwärmte von sich selbst und ihrem George W. als "zwei symbiotische Seelen". Politik beschränkte sich in diesen Erinnerungen auf die Frage, welches Gesicht man als Gattin des Präsidenten für einen Wahlsieg oder eine Niederlage parat haben muss. Ein Buch wie ein tiefer Seufzer.

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Michelle Obama: Die ewige Charismatikerin

In "Living History" ersparte Hillary Clinton dem Publikum allzu schmutzige Details aus dem Eheleben, erklärte die Herkunft ihres rollenden Lachens und machte nur allzu deutlich, dass sie selbst durchaus noch Politik nicht nur zu "leben", sondern auch zu machen gedenke. Ein Buch wie ein eifriges Bewerbungsschreiben.

Michelle Obama folgt diesem bewährten Muster insofern, als die prägenden Jahre der Kindheit einen großen Raum einnehmen - gefolgt von der Begegnung mit ihrem Mann, gefolgt von entbehrungsreichen Jahren im Weißen Haus. Anders als Clinton oder Bush schreibt Obama allerdings in blitzenden Vignetten, die bisweilen einem Roman von Michael Chabon oder Donna Tartt entnommen sein könnten.

In lebhaften Bildern erzählt sie ihre Kindheit - und damit von einem dreifachen Stigma. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie in Chicago, sie ist Mädchen und sie ist schwarz. Wenn sie von den hypochondrischen Marotten des Bruders erzählt oder dem Arbeitsethos des kranken Vaters, dann pendelt sie mit beachtlicher Lakonie zwischen Komik und Pathos.

Eine popkulturelle Setzung

Erst als sie als Juniorpartnerin in einer Anwaltskanzlei schon alles erreicht zu haben glaubt, begegnet sie Barack Obama. Es beginnt eine Liebesgeschichte, die auch als Liebesgeschichte erzählt wird, mit einer "eigentümlichen Hitze", die ihr "das Rückgrat heraufkroch".

Im zweiten Teil scheint ihr allmählich klar zu werden, mit wem sie es da zu tun hat. Nachts liegt er wach, starrt betrübt die Decke an. Und Michelle, in Sorge, fragt flüsternd: "Hey, du da drüben, worüber denkst du gerade nach?" Worauf Barack "ein bisschen verlegen" erklärt: "Ach, ich musste nur gerade an die Einkommensunterschiede denken."

Später wird sie "gleich wieder wegschauen", wenn am Kiosk ihr Blick auf den Titel des "Time Magazine" fällt - mit einem Konterfei ihres Mannes und der Schlagzeile: "Wieso Barack Obama der nächste Präsident sein könnte". Spätestens hier ahnt man schon, dass "Becoming" weder ein Seufzer noch ein Bewerbungsschreiben ist. Es ist vielleicht kein literarisches Ereignis, aber doch eine popkulturelle Setzung. Mit Wucht.

Nicht Barack Obama alleine, sondern Michelle und Barack Obama gemeinsam haben im Frühjahr 2017 mit dem Verlagsriesen Penguin Random House einen Vertrag geschlossen, der auf eine Rekordsumme von mehr als 60 Millionen Dollar beziffert wird. Barack Obama hat bereits zwei Bücher vorgelegt und auch als Schriftsteller reüssiert. Von Erinnerungen wird nichts geringeres als ein "American Classic" erwartet. Aber es ist Michelle Obama, bisher nur mit einem Buch über den Garten des Weißen Hauses in Erscheinung getreten, die nun mit ihrer persönlichen Helden- und Emanzipationsgeschichte den Ton vorgibt.

Das wird schon werden

Und dieser Ton macht die Musik. Indiskretion erscheint hier als erfrischende Offenheit, jeder Ehrgeiz als befeuert von Idealismus. Der Aufstieg des "power couple" ins Weiße Haus überhaupt als genau das uramerikanische Wunder, als das er ohnehin gelesen wird. Empowerment! "Becoming" ist deshalb weniger Erinnerung, es ist eine Absichtserklärung. Sie endet in Dur, auf der Note "Hoffnung". Das Buch lässt ahnen, dass das Paar mit seinem Pfund auch künftig zu wuchern gedenkt.

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Michelle Obama:
Becoming. Meine Geschichte

Aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O'Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner

Goldmann, 544 Seiten, 26 Euro

Alles andere als ein heiterer Zeitvertreib für die Jahre nach der Präsidentschaft ist auch der Deal der Obamas mit Netflix, künftig weltweit Serien und Dokumentationen zu produzieren. Es ist eine ebenso geschickte wie effiziente Weise, charismatische Macht vom politischen auf das popkulturelle Feld zu verlagern - zumal Obama selbst dazu beigetragen hat, die Unterschiede zwischen diesen beiden Bereichen zu nivellieren.

Charisma hatte Obama ins Amt getragen, und Charisma überlagert jede politische Bewertung seiner Amtszeit bis heute. Als erster schwarzer Präsident ist er nicht zuletzt durch seinen sexy "swag" in Erscheinung getreten, durch seine lässige Coolness und Authentizität. Er war der Typ, der dem Putzmann die Faust für den "fist bump" hinhielt. Er war, zusammen mit seiner stolzen Frau, das personifizierte "Hope"-Poster und Versprechen, dass Pop und Politik eine gedeihliche Liaison eingehen könnten - und sei es auch nur virtuell und im Affekt.

So gesehen ist der ehemalige TV-Star Donald Trump kein Gegenpol, sondern der gelehrigste Schüler von Barack Obama. Warum an Vernunft appellieren, wenn es das Gefühl auch tut? So spielt Trump seine ganz eigenen Melodien - auf einer Klaviatur, die Obama erst gestimmt und dann so wohlgefällig bedient hat.

Schlägt man also "Becoming" zu und schaut sich um, fühlt man sich wie in einem schlechten Film an jener Stelle, wo der große Schurke - als der Trump auch explizit in diesem Buch auftaucht - kurzfristig die Oberhand hat. Kernversprechen beider Obamas ist, dass der Film weitergeht. Was aktuell nicht gut ist, das wird schon werden.



insgesamt 8 Beiträge
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Bondurant 13.11.2018
1. Dem Autor gebührt Dank
So gesehen ist der ehemalige TV-Star Donald Trump kein Gegenpol, sondern der gelehrigste Schüler von Barack Obama. Warum an Vernunft appellieren, wenn es das Gefühl auch tut? So spielt Trump seine ganz eigenen Melodien - auf einer Klaviatur, die Obama erst gestimmt und dann so wohlgefällig bedient hat. Endlich mal jemand, der ein bisschen genauer hinschaut. It takes two to tango, sagt man. Ohne die Verniedlichung der Politik durch Konzentration auf gut aussehende Sweettalker hätte sich die die Hölle nicht unbemerkt öffnen und den jetzigen Präsidenten ausspeien können.
geotie 13.11.2018
2.
Wunderbares Buch wie mir scheint. Jetzt frage ich mich, wie viel wird die jetzige First Lady nach der Amtszeitvon Trump aus diesem Buch abkupfern? Hat schon so einiges an Übung darin.
112211 15.11.2018
3.
Zitat von geotieWunderbares Buch wie mir scheint. Jetzt frage ich mich, wie viel wird die jetzige First Lady nach der Amtszeitvon Trump aus diesem Buch abkupfern? Hat schon so einiges an Übung darin.
Wie viel kann ich nicht vermuten, aber inhaltlich vielleicht mit ein paar Makeup- und Bekleidungstipps?
volksparteiendiktatur 15.11.2018
4. Zu einer guten aufrichtigen Autobiographie ...
gehört auch, ehrlich über seine Gefühle zu schreiben, welche Gedanken man hatte und welche moralischen Werte man anstrebte. Hat man auch mal gezweifelt, war man sich gegenüber selbstkritisch? Ob man in dem Buch etwas findet, ob sie sich und ihre Familie Gedanken gemacht und darüber gesprochen haben, über u.a. Guantanamo, die Drohnen-Kriegsführung, die 26.000 Bomben, die der Friedens-Nobelpreisträger abwerden ließ? Wenn ja, würde ich mir die Biographie kaufen. Mich würde interessieren, wie die ehemalige First Lady mit so etwas seelisch umgeht und verarbeitet.
bandelier 15.11.2018
5. Michelle Obama ist nicht nur eine
sehr intelligente Frau, sondern einfach lebenspraktisch, abgesehen von ihrem Charisma. Ich werde das Buch sicherlich lesen, ebenso wie ich das erste Buch ihres Mannes las. Literarisch war es gewiss nicht hervorragend, doch inhaltlich dagegen sehr. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass Barack Obama ein Ausnahmepolitiker war und noch ist, auch wenn vieles von dem, was er sich vorgenommen hatte, nicht realisiert werden konnte. Und es k.... mich an, dass der jetzige Clown im Weissen Haus von demprofitiert, was Obama erfolgreich initiiert hatte, nämlich den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Unter Obama hat sich die Arbeitslosigkeit halbiert, und Trump saugt nun Honig aus Blüten, die er nicht selbst gepflanzt hat. Obama hat die Amerikaner umweltbewusst gemacht und dort viel erreicht, was Trump nun alles eliminieren will. Und seine Gesundheitsreform hat mit Sicherheit vielen Amerikanern das Leben gerettet. Das war nicht sozialistisch, sondern verantwortungsvoll. Jedenfalls kann es keinen schlimmeren Bruch geben als den zwischen Obama und Trump. Na ja, und wenn man die beiden First Ladies vergleicht, kann man nur noch schweigen.
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