90 Jahre Micky Maus Wie der Sex-Nager zum braven Spießer wurde

Vor 90 Jahren erschien Micky Maus zum ersten Mal auf der Leinwand. Allerdings nicht als altkluger Moralapostel. Die berühmteste Comicfigur der Welt war ursprünglich ein leichtsinniger Lustbold.

Disney/ Taschen

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Der Moment, der heute als Geburtsstunde von Micky Maus gilt, ist eigentlich nicht sein Geburtstag, und Micky Maus war eigentlich auch jemand ganz anderes. Walt Disney hatte sich seine Mäusefigur schon einige Zeit vor November 1928 erdacht - zunächst allerdings erfolglos. Der erste Micky-Film floppte, und außerdem hatte Disney gerade die Rechte an seiner Kaninchenfigur Oswald the Lucky Rabbit verloren. Walt Disney war in einer Krise.

Die Rettung war eine technische Innovation: die Tonspur. Walt Disney nahm 1928 den ersten Animationsfilm mit durchgehender Tonspur auf: "Steamboat Willie", darin spielte Micky, der anfangs noch Mortimer hieß, die Hauptrolle. Die Premiere dieses Films wird heute als Geburtsstunde von Micky Maus gefeiert. Was für ein Kerl das war, ist nachzulesen in einem mehrere Kilo schweren XXL-Geburtstagsband des Taschen Verlags, der "Ultimativen Chronik", so der Untertitel.

Der Mäusecharakter unterschied sich deutlich von dem seriös-altklugen Helden Micky, der bis heute in Comics die Rolle des Moralapostels innehat. In "Steamboat Willie" war Micky ein Knecht auf einem Viehfrachter, er war Abenteurer und Frauenheld, ein Anarchist. Micky war witzig, leichtsinnig und tat, worauf er Lust hatte.

Je erfolgreicher, desto spießiger

Und Lust hatte der Ur-Micky vor allem auf Frauen: Im ersten, zunächst erfolglos als Stummfilm veröffentlichen Streifen "Plane Crazy" sieht man Micky und Minnie beim Versuch, ein Flugzeug zu fliegen. Nach holprigem Slapstick-Start wird Micky zudringlich und belästigt Minnie, die sich aber nicht küssen lassen will. Er versucht, ihr mit einem gewagten Flugmanöver Angst einzujagen, um sie doch noch rumzukriegen. Schließlich kann sich Minnie ihm nur durch einen Sprung aus dem Flugzeug entziehen, ihr Höschen dient ihr dabei als Fallschirm. Micky legt am Ende eine Bruchlandung hin, doch die ist schnell vergessen, weil er Minnie auslacht, der das ausgeleierte Höschen nicht mehr passt. Walt Disney hatte Micky Maus als sexbesessenen Rüpel erdacht.

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Daniel Kothenschulte (Hg.), David Gerstein (Autor), J. B. Kaufman (Autor):
Walt Disney’s Mickey Mouse

Die ultimative Chronik

TASCHEN; 496 Seiten; 150 Euro

Doch die Anarcho-Maus kam an. Disney steckte sein ganzes Firmenvermögen in die kleine Maus. "Micky faszinierte die Leute. Für die Arbeiterklasse war er ein zweiter Chaplin", sagt Daniel Kothenschulte, Filmpublizist und Herausgeber des Geburtstagsbuchs. Je erfolgreicher Micky wurde, desto spießiger wurde er allerdings auch. "Zum einen, um ein größeres Publikum zu erreichen - nun auch Kinder.

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Außerdem veränderte sich Walt Disney, der in Micky immer sein Alter Ego sah, auch selbst über die Jahre, in denen sein Filmimperium wuchs." Ein paar Jahre später erdachte Walt Disney dann Donald Duck, der die weniger salonfähigen Eigenschaften Mickys übernahm.

90 Jahre lang blieb Micky Maus ein Riesenerfolg. Auch, weil Walt Disney es als erster verstand, seine Comicfigur umfassend zu vermarkten. "Micky war Maskottchen, Markenzeichen und Designobjekt", sagt Kothenschulte. "Und schon damals brachten Merchandising-Produkte mehr Geld als die Filme selbst. Es wurden millionenfach Fanartikel verkauft."

"Mickey Mouse: Die Ultimative Chronik" zeichnet minutiös auf knapp 500 Seiten nach, wie sich die Jahrhundertfigur entwickelte. Dafür haben sich die Autoren mehrere Jahre in den Disney-Archiven vergraben, zu sehen sind 1200 Illustrationen, erste Entwürfe, Storyboards, Plakate. "Kaum ein Kulturprodukt der Moderne ist im kollektiven Bewusstsein derart verankert", sagt Herausgeber Kothenschulte. Nach seiner umfassenden Chronik bleibt nur eine Frage: Was soll zum hundertsten Geburtstag noch kommen?

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
berndasbrot 21.11.2018
1. Als langjähriger Leser von Disney-Comics...
...konnte ich mit Micky nie etwas anfangen. Das war und ist für mich immer langweilig. Donald hingegen ist in seiner Vielschichtigkeit ein Traum. Allgemein hat Donald wohl auch eine wesentlich größere Fangemeinde, aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden und es soll auch Micky Fans geben, die mit Donald nichts anfangen können.
mahavishnuorchestra 21.11.2018
2. Bin ebenfalls
Fan von Donald Duck, eigentlich von der ganzen ‚Duck-Sippe‘. Früher mit Begeisterung die Abenteuer von Donald, Daisy, Dagobert und den Neffen Tick, Trick und Track gelesen. Donald verkörpert(e) eine herrlich unschuldige, naive und harmlose Art von Anarchie. Mickey fand ich ebenfalls langweilig...
polza_mancini 21.11.2018
3. @1 und 2
Das mag für spätere Jahre in der Tat gelten - wie geschrieben, passte sich der Charakter wohl im Laufe der Jahre dem Schöpfer an. Die aus den Zeitungs-Strips zusammengeführten Klassiker der 1930er-Jahre (allen voran Floyd Gottfredsson und Al Taliaferro) waren da aber von ganz anderer Qualität, durchaus auch sehr düster...150 € für den Schinken ist aber natürlich auch eine Ansage...
frenchie3 21.11.2018
4. Dann haben wir aber Glück
daß Mickey "damals" erfunden wurde. Wahrscheinlich gäbe es heute einen shitstorm wegen Sexismus und Disney wäre Pleite
polza_mancini 21.11.2018
5. Nicht unwahrscheinlich,
Zitat von frenchie3daß Mickey "damals" erfunden wurde. Wahrscheinlich gäbe es heute einen shitstorm wegen Sexismus und Disney wäre Pleite
Lucky Luke musste sich Anfang der 1980er wegen aktueller Strömungen ja auch die Kippe verkneifen...:-) http://www.neon.de/artikel/kaufen/produkte/lucky-luke-hat-1982-mit-dem-rauchen-aufgehoert/1448703
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