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Migranten-Talk bei Anne Will: Voll integrierte Binsen

Von Henryk M. Broder

Warum klappt es nicht mit der Integration von Migranten in Deutschland? Über diese Frage diskutierten bei Anne Will Otto Schily und andere in illustrer Runde - immer haarscharf an der Realität vorbei. Das magere Fazit: Wenn die Gesellschaft an allem schuld ist, muss sich auch keiner verantwortlich fühlen.

Talkgast Schily: "Wir sollten uns freuen, dass so viele Menschen zu uns gekommen sind" Zur Großansicht
NDR

Talkgast Schily: "Wir sollten uns freuen, dass so viele Menschen zu uns gekommen sind"

Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Kommt das Elend von der Armut oder ist es umgekehrt? Macht Geld glücklich? Sind Frauen die besseren Männer? Als ob es noch nicht genug ungeklärte Fragen gäbe, wartet seit kurzem eine weitere Denksportaufgabe darauf, gelöst zu werden: Warum klappt es nicht mit der Integration? Sind die Zuwanderer nicht integrationswillig, oder ist die Gesellschaft nicht bereit, sie aufzunehmen?

Darum ging es auch am Sonntagabend bei Anne Will. Nicht zum ersten und sicher nicht zum letzten Mal. Dass der Zuschauer am Ende der Sendung nicht schlauer war als am Anfang, lag nicht an den Teilnehmern der Runde und auch nicht an der Moderatorin. Es lag schlicht daran, dass man eine Zitrone, die schon x-mal ausgepresst wurde, weder mit guten Worten noch mit Drohungen dazu bringen kann, frischen Saft zu produzieren. Dass es Fragen gibt, die man nicht mit einem klaren "Ja" oder "Nein" beantworten kann, sondern nur mit einem schwammigen "Je nachdem" oder "Sowohl als auch". Oder auch gar nicht.

Seit aber die Politik ins Fernsehen verlagert wurde, gilt es, komplexe Probleme in maximal 60 Minuten auf den Punkt zu bringen. "Das Beherrschen der deutschen Sprache in Wort und Schrift" sei die "Voraussetzung für Integration", meinte Wolfgang Bosbach (CDU), ohne zu merken, dass er damit auch einen Teil der eingeborenen Bevölkerung für nicht integrationsfähig erklärte. Man gebe jedes Jahr "200 Millionen Euro für Sprachkurse" aus, wer nicht bereit sei, an solchen Kursen teilzunehmen, "der muss die Konsequenzen tragen", dem würden eben die Sozialleistungen gekürzt.

Es sei doch "unverantwortlich, wenn Politiker jeden Monat eine neue Integrationssau durch das Dorf treiben", gab Özan Mutlu von den Grünen zurück; 77 Prozent der Teilnehmer würden die Sprachkurse erfolgreich beenden, die anderen wegen Krankheit, Schwangerschaft oder aus anderen nachvollziehbaren Gründen abbrechen. "Wir reden nur über die Schattenseiten, nicht über die Lichtseiten."

Das sah auch Otto Schily so. Man sollte erstmal darüber reden, "welche Integrationserfolge wir erzielt haben", und nannte als Beispiel "meinen Freund Cem Özdemir, heute Vorsitzender einer großen Partei"; statt immerzu danach zu fragen, wer versagt hat, "sollten wir uns freuen, dass so viele Menschen zu uns gekommen sind".

Für einen ehemaligen Innenminister, dessen Arbeit im wesentlichen darin bestand, Statistiken über den jeweiligen Stand der Kriminalität zu erarbeiten, war das eine höchst seltsame Stellungnahme. Als ob der Verkehrsminister empfehlen würde, über die vielen geglückten Ankünfte von Flugzeugen zu berichten, statt über die wenigen Bruchlandungen. Man müsse das Bewusstsein dafür schärfen, "wie wichtig Bildung ist", erklärte Wolfgang Bosbach, Deutschland sei ein Land ohne Bodenschätze. "Wer nichts im Boden hat, der muss was in der Birne haben."

"Was läuft in unserem Bildungssystem falsch?"

Es war ausgerechnet eine Deutschtürkin, die Journalistin Güner Balci, die solchen Ex-und-Hopp-Binsen einen konkreten Gedanken entgegenstellte. Die Sprache sei nicht das Problem und auch nicht der Schlüssel zu seiner Lösung. Man müsse fragen, wie die Migranten über "die Grundrechte, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern" und andere Kernfragen einer modernen Gesellschaft denken und ob sie bereit wären, ihre traditionellen Haltungen zugunsten der Integration aufzugeben. Viele Migranteneltern hätten einfach kein Interesse daran, "dass ihr Kind in der Gesellschaft ankommt", das sei nicht nur in Neukölln so, sondern überall in der Republik.

So viel Realitätsbezug wurde von der Runde souverän ignoriert. Özan Mutlu fragte: "Was läuft in unserem Bildungssystem falsch?" und forderte "mehr Kompetenzen" für den Bund, Bosbach wiederholte: "Wenn wir fördern, müssen wir Integrationsbereitschaft erwarten", Schily wies darauf hin, dass "Bürger mit Migrationshintergrund wichtig für den Export" wären, ohne die Idee näher zu begründen.

Und Heiner Bielefeld, Professor für Menschenrechte in Erlangen, machte die "stadträumliche Segregation, die Wohnungsmarktpolitik und die Arbeitsmarktpolitik" für Integrationsprobleme verantwortlich. Worauf Schily sich mit folgendem Satz für einen Sprachkurs anmeldete: "Es gibt Herkünfte, die es schwieriger haben mit der Integration." Als Beleg nannte er die Sorben in der Lausitz und die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein, womit er genau die Falschen erwischte. Denn sowohl die Sorben wie die deutschen Dänen sind bestens integriert, nicht obwohl, sondern weil sie in zwei Kulturen zugleich leben.

So drehte sich die Diskussion, wenn sie nicht auf der Stelle verharrte, um ein paar Fragen, die unausgesprochen im Raum schwebten. Was wiegt mehr: die Leistungsschuld der Gesellschaft oder die Bringschuld der Migranten? Kann man Menschen gegen ihren Willen zur Integration zwingen? Und könnte es sein, dass in der Bundesrepublik nicht zu wenige, sondern zu viele Integrationshilfen angeboten und damit die Migranten demotiviert und entmündigt werden - zugunsten einer boomenden Industrie aus Migrationsforschern, Ausländerbeauftragten, Sozialarbeitern und Quartiersmanagern, die von den Problemen leben, zu deren Lösung sie angetreten sind?

Dass solche Fragen nicht gestellt werden, hat eher mit Trägheit als mit politischer Korrektheit zu tun. Man hat sich seit 1968 daran gewöhnt, "die Gesellschaft" für alles verantwortlich zu machen. Deswegen muss sich "die Gesellschaft" immerzu ändern. Damit alles Übrige so bleiben kann, wie es ist. Mehr darüber demnächst bei Anne Will und ihren Gästen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 506 Beiträge
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1. Integration
Hartmut Dresia, 19.10.2009
Zitat von sysopWarum klappt es nicht mit der Integration von Migranten in Deutschland? Über diese Frage diskutierten bei Anne Will Otto Schily und andere in illustrer Runde - immer haarscharf an der Realität vorbei. Das magere Fazit: Wenn die Gesellschaft an allem schuld ist, muss sich auch keiner verantwortlich fühlen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,655895,00.html
Das Thema ist zu wichtig, um es in einer derartigen Sendung des Fernsehens zu besprechen. Auch die Politik neigt dazu, über die eigentlichen Probleme hinwegzureden: Die Integration – so versöhnlich wie zweischneidig (http://www.magazin.institut1.de/672_Sprache_Integration_so_versoehnlich_wie_zweischneidig.html)
2. Frage
KomischWetter 19.10.2009
Schaut sich diese Sendung noch irgend jemand an? Kann ich mir kaum vorstellen...
3. Nicht neu...
Ichbinsleid, 19.10.2009
Das die Gesellschaft für alles verantwortlich gemacht wird, ist in diesem Lande nicht wirklich neu. Seit sich die linke Ideologie in allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert hat haben wir diese Situation. Es ist im Strafrecht so (Erst der Täter dann das Opfer), es ist in der Sozialpolitik so (Niemand ist verantwortlich dafür wenn er arbeitslos bleibt)und es ist bei der Integration so. Bei der Intergration spielt dann auch noch die politische Korrektheit eine hemmende Rolle. Niemand traut sich die Probleme offen anzusprechen. Natürlich muss man auch über die positiven Erfolge bei der Integration reden, viel wichtiger ist es aber über die Problemgruppe zu sprechen. Wer nicht offen das Problem anspricht kann es auch nicht lösen. Herr Sarrazin hat es getan und musste dafür bezahlen...
4. Seltsame Erwartungshaltung
guenter_w 19.10.2009
Was will man von Politikern, die in ihrer Verantwortung in der Exekutive jämmerlich bei der Integration versagten, bei einem Tratschclub denn erwarten? Eigenes, selbst erworbenes Wissen und Erfahrung? Wohl kaum. Sprechblasen, sorgsam abgestimmt mit der Wischiwaschi-Parteilinie allerhöchstens, garniert mit Vorurteilen und eitler Selbstdarstellung! Wer sich den Tort mit dieser Sendung antut, hat wohl am Sonntagabend nichts sinnvolles zu tun...
5. menschliche Natur
waitzschrat, 19.10.2009
Zitat von sysopWarum klappt es nicht mit der Integration von Migranten in Deutschland? Über diese Frage diskutierten bei Anne Will Otto Schily und andere in illustrer Runde - immer haarscharf an der Realität vorbei. Das magere Fazit: Wenn die Gesellschaft an allem schuld ist, muss sich auch keiner verantwortlich fühlen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,655895,00.html
Aus dem Artikel: "Warum klappt es nicht mit der Integration? Sind die Zuwanderer nicht integrationswillig, oder ist die Gesellschaft nicht bereit, sie aufzunehmen? " Diese Frage ist eigentlich ganz einfach zu beantworten: Weil man die menschliche Natur beim Experiment "Multikulturelle Geselslchaft" nicht berücksichtigt..... Und immer ,wenn der Mensch sich nicht den Naturgesetzen fügt, erleidet er Schiffbruch..... "wer aus der Geschichte nicht lernt, ist verdammt, sie zu wiederholen": Und Deutschland versucht wiedermal einen "Turmbau zu Babel" ..... Axo: Fremdenfurcht ist angeboren, (zu Fremdenhass muß erzogen werden) und Terretorialität ist auch angeboren!
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