Von Anke Dürr
Wer auf dem Theater etwas über die Zustände von heute sagen will, schaut am liebsten auf die Welt von gestern. Konsens ist: Des friedlichen Lebens überdrüssige Bürger am Rand des finanziellen Abgrunds hat niemand so präzise gezeichnet wie Tschechow. Deshalb sind seine Stücke immer noch Bühnenhits.
Es geht aber auch wilder, schneller, härter: In Komödien aus jener Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende wie denen von Carl Sternheim zum Beispiel wird dem Bürger keine Flucht in Elegie und Melancholie erlaubt. Stattdessen entlarvt Sternheim die Deutschen als Doppelmoralisten voller Standesdünkel, Minderwertigkeitskomplexe und Geldgier. Besonders schön in seinem Dramenzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben", einer satirischen Familienchronik, deren erster Teil bei ihrer Uraufführung vor hundert Jahren einen Skandal auslöste (ein anderer Teil wurde gleich verboten).
In Hannover inszeniert Milan Peschel nun drei der Komödien aus diesem Zyklus an einem Abend: "Die Hose", "Der Snob" und "1913". Sie erzählen aus dem Leben der Familie Maske, deren Aufstieg Sternheim über drei Generationen und Epochen verfolgt, vom Biedermeier über die Gründerzeit bis in die Wilhelminische Zeit. "Erst zusammen machen die Stücke Sinn", sagt Peschel, "man verfolgt die Entwicklung der Figuren in dieser historischen Zeitspanne und sieht den taumelnden Kontinent."
Was lernt die Tochter vom Vater? Skrupellosigkeit
Im ersten Teil geht es um bürgerliche Moral - oder besser ihren Schein: Das noch junge Ehepaar Maske hat Streit, weil Frau Maske auf der Straße ein Band in der Unterhose gerissen ist, so dass "die Hose" kurz unter dem Rock hervorgeschaut hat, weshalb Herr Maske, der kleine Beamte, nun Angst um seine Reputation hat (die er allerdings schnell vergisst, als sich die Gelegenheit ergibt, sich an die Nachbarin heranzumachen). Die Untermieter, die er einquartiert, bringen ihn ebenfalls in Gewissensnöte: Er ist hin- und hergerissen zwischen Geldgier und Eifersucht.
Aus dieser Ehe und diesem Geist geht der Sohn Christian Maske hervor, der sich im zweiten Teil der Chronik als "Snob" erweist, ein schwerreicher Gründerzeit-Emporkömmling, dem seine Eltern peinlich sind, als er die Chance hat, in Adelskreise aufzusteigen. Sein Motto heißt: "Genug ist nicht genug! Weil, wird's nicht mehr, wird's weniger."
Seine Tochter zeigt diesem Christian Maske im dritten Teil - es ist inzwischen das Jahr "1913", und die Familie verdient ihr Geld mit Waffen -, dass sie von ihrem Vater die Regeln des Kapitalismus und die Skrupellosigkeit gelernt hat und ihn darin sogar übertrifft. "Der Vater hat da etwas losgetreten, das er jetzt kritisiert, aber nicht mehr stoppen kann", sagt der Regisseur Peschel. "Gerade dieses Stück ist von heute betrachtet ziemlich hellsichtig."
Sternheims Figuren sprechen ein atemloses Stakkato fast ohne Artikel und Adjektive, ein Abbild des Zeitalters, in dem die Industrialisierung das Lebenstempo brutal beschleunigt hat. "Man muss die Textkaskaden raushauen", sagt Peschel, "das muss sich automatisieren wie beim Autofahren, man darf nicht mehr über die einzelnen Abläufe nachdenken."
Peschel, 43, weiß, wie so was geht, er ist an der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf groß geworden und ist als Schauspieler noch immer bekannter als als Regisseur (zuletzt hochgelobt für seine Darstellung eines krebskranken Familienvaters in Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke"). Aber auch als Regisseur bleibt Peschel, ganz ähnlich wie sein ehemaliger Volksbühnen-Kollege Herbert Fritsch, unverkennbar ein Castorf-Schüler.
"Die Bühne muss ein Ort sein, an dem man sich einbringen kann als Schauspieler", sagt Peschel, "im Idealfall sieht man den Schauspielern auf der Bühne beim Denken zu."
Und plötzlich ist man in der Gegenwart.
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