Millionenraub Skandal in der Eremitage

Wie im Krimi: Der Diebstahl von 221 Exponaten aus der St. Petersburger Eremitage gibt den Verantwortlichen Rätsel auf. Die Polizei eröffnete ein Verfahren wegen "Diebstahls im großen Stil".


Moskau - Nach dem Diebstahl von 221 wertvollen russischen Juwelierarbeiten und Emaille-Schmuckstücken erhärtet sich der Verdacht gegen Mitarbeiter des Museums. Ohne Mithilfe von Angestellten hätten die Meisterwerke der Goldschmiedekunst nicht aus den Archiven entwendet werden können, sagte Chef-Konservator Michail Pjotrowski. Künftig müsse die Eremitage ihre Mitarbeiter wohl ebenso strengen Sicherheitskontrollen unterwerfen wie die Besucher.

Eremitage in St. Petersburg: Millionendiebstahl bei Routine-Inspektion festgestellt
DPA

Eremitage in St. Petersburg: Millionendiebstahl bei Routine-Inspektion festgestellt

Der Diebstahl der Schmuckstücke war am Montag bekannt gegeben worden. Pjotrowski gab den Gesamtwert der Preziosen aus der Zeit vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert mit rund vier Millionen Euro an. Tatsächlich dürfte der reale Wert der Exponate nach Schätzungen von Experten um ein Vielfaches höher liegen. Die Polizei in St. Petersburg eröffnete am Dienstag ein Ermittlungsverfahren wegen "Diebstahls im großen Stil".

Das Verschwinden der Juwelen gibt der Polizei und den Museumsexperten Rätsel auf. Das Lager mit dem Schmuck war versiegelt worden, nachdem die zuständige Konservatorin im Alter von 46 Jahren bei einer museumsinternen Revision im November vergangenen Jahres plötzlich einen Schlaganfall erlitten hatte. Der Nachfolger der Kustodin stellte bei einer routinemäßigen Inspektion nach dem Aufbrechen der Siegel fest, dass 221 Stücke fehlten.

Laut Chef-Konservator Pjotrowski hatten vier Mitarbeiter Zugang zu dem Lager. Der Experte schloss nicht aus, dass ein Teil der Juwelen bereits ins Ausland geschmuggelt wurde. Auftraggeber des Diebstahls sollen private Sammler gewesen sein. Die Ermittler in aller Welt seien alarmiert, um den Kunstmarkt zu überwachen, warnte er. Möglicherweise tauchten einige Stücke bei Auktionen wieder auf.

Kunstwerke gestohlen, Archivare gestorben

Die Eremitage ist eines der größten und wichtigsten Museen der Welt. Dennoch besteht der Verdacht, dass wegen des chronischen Personalmangels in der Eremitage zuletzt niemand mehr den kompletten Überblick über die geschätzten drei Millionen Kunstwerke hatte. Es klingt kurios, aber offenbar wurde lediglich ein Zehntel der 221 verschwundenen Preziosen von einem noch lebenden Konservator betreut, die anderen Archivare sind längst gestorben. Um den Personalmangel auszugleichen, hatte man in den vergangenen Jahren Studenten zur Inventur herangezogen. Die Polizei ermittelt deswegen in einem erweiterten Verdächtigenkreis.

Wie die meisten altehrwürdigen Museen Russlands, hat auch die Eremitage völlig unzureichende Sicherheitssysteme. Die Mitarbeiter werden kaum kontrolliert, wenn sie das Museum betreten und verlassen. Wie man in der Eremitage zugibt, funktioniert das alte Prinzip, den Mitarbeitern volles und unbegrenztes Vertrauen entgegenzubringen, heute nicht mehr.

Im supermodernen neuen Magazin am Stadtrand herrschen bereits moderne Sicherheitsstandards. Die Hauptexponate lagern jedoch immer noch in den Gebäuden am Schlossplatz. Diese mit neuenKontrollmechanismen auszustatten, scheiterte bisher an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Die Eremitage war bereits im März 2001 Opfer eines Kunstdiebstahls geworden. Das damals entwendete Gemälde des französischen Malers Jean-Léon Gérôme wurde bis heute nicht wiedergefunden.

hoc/AFP/dpa/Material aus "Russland-Aktuell"



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