Theatermacher Milo Rau Weltrevolution der Laberköpfe

Der Schweizer Theatermacher Milo Rau präsentiert in Berlin die "General Assembly", eine Versammlung von Politaktivisten aus aller Welt. Sie bringt viel pathetisches Palaver hervor, das zu verpuffen droht.

Daniel Seiffert


Regisseur Milo Rau beim Fronteinsatz: Das Publikum sieht in der Berliner Schaubühne am Samstagmorgen auf vier Bildschirmen ein Video, in dem Rau mit zerzaustem Haar und Bartstoppeln in einem mit Sandsäcken gesicherten Gefechtsstand der kurdischen Peschmerga im Nordirak steht.

Rau lässt sich dort von einem uniformierten Peschmerga-Soldaten ein Gewehr erklären. Es handle sich um ein automatisches Gerät der Firma Heckler & Koch, sagt der Soldat, es sei eine "wichtige Waffe im Bodenkampf gegen den Islamischen Staat" und sie werde "aus Deutschland geliefert".

Das Video ist ein Beitrag Raus zur ersten "Plenarsitzung" der "General Assembly" im großen Schaubühnensaal, in dem es um "diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege" gehen soll. Vor fast vollen Zuschauerrängen berichtet eine Filmemacherin aus dem Kosovo, dass ihr Land durch die Intervention der Nato vor knapp zwei Jahrzehnten "gerettet" worden sei. Ein Historiker aus Serbien spricht dagegen von einem "illegalen Krieg des Nato-Imperiums" gegen sein Land.

Ein Sprecher der Kurdengemeinschaft in Deutschland berichtet vom Traum seiner Landsleute, einen eigenen Staat zu gründen, man wolle ein "frei stehender Baum in einem Wald gleichberechtigter Nationen" werden.

In der Berliner Schaubühne spielt man Weltrevolution. Exakt 100 Jahre nach der Oktoberrevolution in Russland soll in Berlin ein Wochenende lang das "erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte" tagen. So hatte es der aus der Schweiz stammende Rau am Freitagabend zur Begrüßung dem Publikum verkündet.

"Entgrenzung der Nationalpolitik"

Von der Uno-Generalversammlung in New York, in der Abgesandte von Nationalstaaten zusammenträfen, werde die Weltgemeinschaft nämlich keineswegs angemessen vertreten. Weil "auf globaler Ebene keine demokratischen Strukturen existieren, die den Weltmarkt regulieren, völkerrechtliche Verstöße verfolgen oder ökologische Entwicklungen in sinnvolle Bahnen leiten könnten", behauptet Rau. Deshalb wolle man "die Entgrenzung der Nationalpolitik durchspielen".

Die rund 60 "Parlamentsmitglieder" sitzen in den ersten drei Reihen des Zuschauerraums, die meisten tragen Kopfhörer. Sie sind offensichtlich willkürlich zusammengestellt nach dem Gusto der Theatermacher. "Wir haben die eingeladen, von denen wir glauben, dass sie hineingehören", hatte Rau vorab bekanntgemacht.

Anwesend sind nun zum Beispiel die libysche Filmemacherin Huda Abuzeid und der syrische Anwalt Anwar al-Bunni, ein Minenarbeiter aus dem Kongo, ein Bischof aus Südafrika und Journalisten, Wissenschaftler und Politiker aus vielen Ländern der Welt.

Zur Begrüßung am Freitagabend sprechen neben Rau unter anderem die linke Bundestagsabgeordnete Katja Kipping und die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Ein türkischstämmiger Gegner des umstrittenen türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdogan darf sich lauthals mit einem in Deutschland lebenden AKP-Unterstützer streiten.

Ihre Redebeiträge werden wie das ganze Spektakel per Videostream auf der Schaubühnen-Webseite live übertragen - und wenn nicht wie am Freitagabend der Server streikt, wird die "General Assembly" auch in Theaterräumen in Hamburg (Thalia), München (Kammerspiele), Brüssel (Théâtre National Wallonie-Bruxelles), Gent (NTGent) und Paris (Théâtre Nanterre-Amandiers) auf Bildschirmen präsentiert.

Dorthin, wo es weh tut

Der 40-jährige Theatermacher Milo Rau ist bekannt geworden als ein Künstler, der mit seiner Kunst dorthin geht, wo es weh tut. Er hat in Moskau die juristische Verfolgung von Regimegegnern wie den Frauen von Pussy Riot nachgestellt ("Moskauer Prozesse", 2013) und im Kongo einen Schauprozess mit Vertretern von Rohstoffkonzernen, Warlords und Verbrechensopfern organisiert ("Kongo-Tribunal", 2016).

Er hat belgische Kinder die Geschichte des belgischen Kindermörders Marc Dutroux nacherzählen lassen ("Five Easy Pieces", 2016) und Filme gedreht, die meist seine Theaterarbeiten zeigen. Er hat diverse Bücher geschrieben ("Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft", 2013) und er betreibt eine Theater- und Filmproduktionsgesellschaft mit dem Namen "Institute for Political Murder".

Seine "General Assembly" ist jedoch, zumindest in der Anfangsphase, eine marktschreierische Anmaßung - und ein Exzess an erwartbarem Gerede. Die Frage lautet nicht: Wird es diesem Parlament "der Ideen, der Konzepte, der Tiere und Dinge und Ozeane" (Rau) gelingen, die Initialzündung für eine bessere globale Zukunft zu setzen? Die Frage lautet: Was kann das Schaubühnen-Theater, was nicht jede Talkshow besser kann?

Sturzlangweilige Parade

Bislang präsentierte sich die revolutionäre Weltversammlung von Berlin als sturzlangweilige Parade von Laberköpfen, die leider auch noch unglücklich choreografiert ist. So kamen am Eröffnungsabend fast ausschließlich Frauen und Männer aus Europa zu Wort.

Dabei soll das Palaver aus vorbereiteten Reden am Ende ein von Menschen aller Kontinente unterstütztes Manifest hervorbringen. Am Sonntagabend will das Parlament eine "Charta des 21. Jahrhunderts" verabschieden, die unter anderem eine gerechtere Wirtschaftsordnung und die Rettung des Klimas bewirken soll, sowie vielleicht sogar, so Rau, die Etablierung eines "basisdemokratischen Weltbürgertums".

Am Dienstagnachmittag soll der Text Repräsentanten des Bundestags übergeben werden. Das Manifest trägt den Arbeitstitel "Sie nennen es Demokratie - wir nennen es Ausbeutung". Man kann nur hoffen, dass für Raus Weltrevolution nicht am Ende gilt: Ihr nennt es Selbstermächtigung - wir nennen es Selbstumnachtung.


"General Assembly". Berliner Schaubühne, Samstag, 4.11., noch bis 20 Uhr, Sonntag, 5.11., 10 bis 19 Uhr. Livestream auf schaubuehne.de



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anton_berlinger 04.11.2017
1. Bekannt
"Der Schweizer Theatermacher Milo Rau präsentiert in Berlin die "General Assembly", eine Versammlung von Politaktivisten aus aller Welt. Sie bringt viel pathetisches Palaver hervor, das zu verpuffen droht." Beschreibt ganz gut die Tätigkeit der SPON-Kommentatoren Augstein-Junior, Frau Berg und Co.
Tylenol 04.11.2017
2. Selbsterhöhung
Es steht jedem und jeder frei, sich über jedes denkbare Thema zu äußern. Bei uns ist dies dank eines freiheitlichen Systems möglich und auch grundsätzlich Teil der politischen Meinungsbildung. Man sollte aber nicht vergessen, wenn man auf so einem Podium sitzt und anderen die Welt erklärt, dass man selbst nur eine Meinung hat, die so wertvoll ist wie die aller anderen Bürger auch. Leider neigen diese Damen und Herren zur Selbstüberhöhung und sind voll des Eigenlobes. Ihr Selbstbild ist völlig verzerrt und sie vergessen, dass sie keinerlei demokratische Legitimität haben. Niemand hat ihnen ein Mandat erteilt. Die meisten sind Schwätzer und Wirrköpfe. Gut, dass sie ihre Meinung sagen dürfen. Gut, dass niemand gezwungen ist, ihre Ansichten anzuhören.
_Mee 04.11.2017
3. Theatrale Inszenierung & Legitimation
Sicher hat Rau`s Weltparlament bzw. seine Abgeordneten keine demokratische Legitimation, will heissen seine Abgeordneten sind nicht gewählt sondern willkürlich zusammengesetzt. Es ist also eine theatrale Inszenierung eines "Weltparlaments". Aber ist das nicht schon Anreiz genug um über die so in den öffentlichen Raum gestellte Idee eines Weltparlaments noch mal fruchtbar zu streiten ? Ich denke es kann einem Diskurs zu dem Thema nur gut tun.
unky 05.11.2017
4. Selbstgefällig, arrogant und dumm
Es sind Beiträge wie der von Herrn Höbel, die mich schon vor einigen Jahren veranlasst haben, mein SPIEGEL-Abo zu kündigen. Die Arroganz und Ignoranz des Autors Menschen gegenüber, die nach Antworten auf die sich zuspitzenden Probleme der Menschheit suchen, finde ich unerträglich. In dieser "Generalversammlung" versuchen die Teilnehmer, den öffentlichen Diskurs über die Welt , in der wir leben, und die Debatte darüber, in welcher Welt wir leben wollen, zu führen. Wir sollten ihnen dafür danken und selbst diese Diskussion überall führen, statt die Gestaltung unserer Lebensverhältnisse allein Politikern zu überlassen, die nur in Zeiträumen von Legislaturperioden denken und handeln.
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