Wegen Pädophilie-Kommentaren Milo Yiannopoulos verliert Buchvertrag

Weil Breitbart-Journalist Milo Yiannopoulos Kindesmissbrauch relativierte, hat sein Verlag den umstrittenen Buchdeal mit ihm gekündigt. Auch eine Rede auf der konservativen CPAC-Konferenz wurde abgesagt.

Milo Yiannopoulos
AFP

Milo Yiannopoulos


Pädophilie läge nicht vor, wenn man sich zu einem sexuell reifen 13-Jährigen hingezogen fühle, sondern nur, wenn das Kind noch nicht die Pubertät erreicht habe: Ein Video, in dem der umstrittene Breitbart-Journalist Milo Yiannopoulos Kindesmissbrauch relativiert, hat ihn sowohl seinen hochdotierten Buchvertrag als auch einen Auftritt auf der Conservative Political Action Conference (CPAC) gekostet.

Das konservative US-Blog "Reagan Battalion" hatte den Videoclip, der ein Radiointerview mit dem Briten Yiannopolous aus dem vergangenen Jahr zeigt, am Sonntag über Twitter verbreitet. In dem Interview äußerte sich der offen schwul lebende Yiannopoulos zu einer Bandbreite an Themen, unter anderem pochte er auf die Überlegenheit der christlich-jüdischen Tradition gegenüber anderen Religionen und machte sich über Frauen, die sexuelle Übergriffe beklagen, lustig.

Für solche Kommentare ist Yiannopoulos, der wegen rassistischer Hetze gegen die schwarze Schauspielerin Leslie Jones von Twitter gesperrt worden ist, bekannt und wird dafür von ultrakonservativen Kräften als Verteidiger der Redefreiheit gefeiert. Doch seine Ausführungen zu sexuellen Beziehungen zwischen Jungen und deutlich älteren Männern scheinen auch für viele Konservative nicht mehr tragbar zu sein.

"In der Welt der Homosexuellen, besonders in diesen Beziehungen zwischen jüngeren Jungen und älteren Männern - in diesen Erwachsenwerden-Beziehungen - in diesen Beziehungen, in denen diese älteren Männer diesen jungen Jungen helfen, ihre Identität zu entdecken und ihnen Sicherheit und Liebe und Rückhalt bieten, wenn sie nicht mit ihren Eltern sprechen können", umschrieb Yiannopoulos Beziehungen, die er nicht als Missbrauch werten wollte. Er sprach außerdem von seiner eigenen Beziehung als 17-Jähriger zu einem 29-jährigen Priester, der ihn in gutem Oralverkehr unterwiesen habe.

"Wegen der Enthüllung eines anstößigen Videos in den vergangenen 24 Stunden, in dem er Pädophilie billigt, hat die American Conservative Union beschlossen, die Einladung an Milo Yiannopoulos, als Sprecher aufzutreten, zurückzuziehen", gab Matt Schlapp, Vorsitzender der American Conservative Union (ACU), am Montag auf Twitter bekannt. Die ACU ist Veranstalter der CPAC-Konferenz, die am Mittwoch in der Nähe von Washington beginnt und bis zum Wochenende dauert.

In einer Reihe mit Trump und Cheney

Kurze Zeit später gab das Verlagshaus Simon & Schuster bekannt, Yiannopoulos' Buch "Dangerous" ("Gefährlich") "nach gewissenhafter Prüfung" nicht länger veröffentlichen zu wollen. Das Buch, für das Yiannopoulos einen Vorschuss von 250.000 US-Dollar erhalten haben soll, war zunächst für März angekündigt, wurde dann aber auf Juni verschoben, um auf die Proteste gegen Yiannopoulos und den Buchvertrag eingehen zu können.

Ein geplanter Auftritt an der University of California in Berkeley war Anfang des Monats wegen gewalttätiger Proteste gegen Yiannopoulos abgesagt worden. Außerdem hatten sich mehr als hundert Autorinnen und Autoren von Simon & Schuster gegen den Deal mit Yiannopoulos ausgesprochen. Die prominente feministische Journalistin und Schriftstellerin Roxane Gay hatte sogar ihr Buchprojekt mit dem Verlag zurückgezogen. Mehrere Buchläden hatten angekündigt, das Buch nicht verkaufen zu wollen. "Dangerous" wäre im Imprint "Threshold" bei Simon & Schuster erschienen, einer Unterreihe, in der schon Bücher vom jetzigen Präsidenten Donald Trump und ehemaligen Vize-Präsidenten Dick Cheney erschienen sind.

"Indem sie Milos Buchvertrag gekündigt haben", schrieb Gay auf Tumblr, "haben Simon & Schuster eine Geschäftsentscheidung getroffen, ganz genauso, wie es auch eine Geschäftsentscheidung war, diesen Mann überhaupt unter Vertrag zu nehmen." Der Verlag habe nicht "endlich das Richtige getan", sondern nur erkannt, dass sie das Geschäft mit Milo mehr Geld kosten als ihnen einbringen könne. "Sie hatten kein Problem mit seinen rassistischen und fremdenfeindlichen und sexistischen Ideologien. Sie hatten kein Problem mit seiner Transphobie, seinem Antisemitismus und seiner Islamophobie". Gay würde deshalb bei ihrer Entscheidung bleiben, ihr nächstes Buch nicht bei Simon & Schuster zu veröffentlichen.

"Britischer Sarkasmus, Provokation und Galgenhumor"

Auf Facebook reagierte Yiannopoulos zunächst zurückhaltend auf die Absage von Simon & Schuster: "Sie haben mein Buch abgesagt" und "Mir ist schon Schlimmeres passiert. Das wird mich nicht kleinkriegen" schrieb er. Das Video sei hinterhältig geschnitten gewesen, zudem hätten nachlässige Formulierungen seinerseits einen falschen Eindruck entstehen lassen. "Meine eigene Erfahrung als Opfer von Missbrauch hat mich glauben lassen, dass ich alles Erdenkliche zu dem Thema sagen könnte, egal, wie unverschämt. Aber ich kann nachvollziehen, dass mein gewöhnlicher Mix aus britischem Sarkasmus, Provokation und Galgenhumor wie Leichtfertigkeit rübergekommen ist, als wären mir andere Opfer egal, oder schlimmer noch: als würde ich Missbrauch ermutigen. Das bedauere ich zutiefst."

Matt Schlapp von der ACU sagte dazu: "Wir haben zur Kenntnis genommen, dass sich Herr Yiannopoulos auf Facebook geäußert hat, aber das ist nicht ausreichend. Wir raten ihm dringend, diese verstörenden Kommentare weiter zu erklären." Man habe Yiannopoulos ursprünglich eingeladen, weil man Universitätscampusse für "Schlachtfelder" halte, auf denen "mutige, konservative Bannerträger" nötig wären. Aber, so Schlapp weiter: "Unter unseren Konferenzteilnehmer herrscht Einigkeit, dass sexueller Missbrauch von Kindern böse ist."

Für Dienstagnachmittag hat Yiannopoulos eine Pressekonferenz in New York angekündigt, in der er sich zu den Ereignissen äußern will.

hpi/AP



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