"Das ist also die Weinkönigin", sagt Ilse Aigner zur slowenischen Weinkönigin, beziehungsweise zu dem Mann im Anzug, der neben der slowenischen Weinkönigin steht. Es handelt sich dabei möglicherweise um den slowenischen Landwirtschaftsminister Djan Zidan, aber das spielt hier keine Rolle. Unwichtig auch, dass hier ein Akkordeon gespielt wird, wie gerade eben schon beim polnischen Stand. Wichtig ist: Zum Treffen Aigners mit dem Minister und der Weinkönigin wird ein Schlückchen Rosé-Sekt gereicht. Der Kollege vom Fernsehen notiert laut vor sich hinmurmelnd: "Vier Minuten nach acht, die Ministerin trinkt." Ach, was heißt hier "der Kollege". Es sind hundert, wenn nicht gar tausend Medienvertreter gekommen, um Ilse Aigner beim Trinken zu überwachen. Als ob es hier nicht um viel mehr ginge!
Es ist Freitagmorgen in Berlin, der erste reguläre Ausstellungstag der Ernährungsmesse Grüne Woche, und das bedeutet: Ilse Aigner übt ihr Amt aus. Ihr Amt, das ist nicht etwa hauptsächlich die Regierungsaufsicht über hiesige Ernährung, Verbraucherschutz und Landwirtschaft. Klar, das macht sie das Jahr über, in skandalfreien Zeiten weitgehend unbeobachtet. Aber einmal im Jahr kommt ein Tag, da blicken alle Augen auf die Ministerin, und dieser Tag ist heute, die Stunde ist jetzt: Ilse Aigner erfüllt die wichtigste Funktion des amtierenden Landwirtschaftsministers - die Teilnahme am traditionellen Eröffnungsrundgang der Grünen Woche.
Der Eröffnungsrundgang ist nicht zu unterschätzen, gerade in unsicheren Zeiten wie diesen. Seine Funktion: Ein hoher Repräsentant des Volkes läuft stellvertretend für uns alle über die Messe und probiert alles, was es hier zu essen gibt. Und vor allem: alles, was es hier zu trinken gibt. Dann nickt der Repräsentant gütig, sagt, dass es gut geschmeckt hat oder sogar sehr gut, lächelt allseitig und zieht weiter. Das Volk daheim, dem die Bilder der probierenden Amtsperson gezeigt werden, hat ein doppelt gutes Gefühl: die Amtsperson ist nicht tot umgefallen, was bedeutet, dass auch wir einfachen Menschen herzhaft zulangen können. Und sie wankt auch nicht, was bedeutet, dass sie viel verträgt, die Amtsperson. Das stärkt das allgemeine Vertrauen in die Regierung.
Aber nicht doch, jetzt kommt Aigner erst richtig in Fahrt
Aber kann das auch in diesem Jahr wieder funktionieren? Kann das Vertrauen wiederhergestellt werden, wenn allenthalben das Dioxin aus dem Essen tropft? Vom Auftritt Aigners hängt es ab, ob die Nation sich auch künftig die Bäuche vollschlagen will - oder ob wir, verunsichert durch Gift im Ei und Gift im Schwein, dem Nahrungsverzicht verfallen und so immer weniger und weniger werden, bis nichts mehr bleibt, ganz wie beim Suppenkaspar.
Acht Uhr und sieben Minuten, es wird kroatischer Schnaps gereicht, Ilse Aigner improvisiert einen Dialog mit dem kroatischen Amtskollegen Cobankovic, aber dann gleich weiter zum serbischen Stand, ebenfalls fünf Minuten sind hier für den Minister Dragin eingeplant, Ausgewogenheit ist ganz wichtig bei den ehemaligen Bürgerkriegsgegnern, bloß niemandem sagen, dass es hier besser schmeckt als nebenan. Am Stand der Niederlande wartet bereits eine junge Frau, die als Artischocke verkleidet ist, beziehungsweise als Ananas - so genau kann man das nicht sagen, auch Aigner will hier keine Unsicherheit aufkommen lassen und erklimmt lieber die kleine Bühne, wo sie dann aber neben einer jungen Frau zu stehen kommt, die entweder als Banane verkleidet ist oder doch als Birne. Zum Glück gibt es noch einige hübsch anzusehende Frau Antjes mit Käse auf einem Tablett, da kann Aigner probieren, Käse ist unverwechselbar Käse. Den Fotografen ist das nicht genug: "Kann bitte jeder noch mal in den Käse beißen?", ruft einer aus dem Pulk, und Aigner sagt: "Noch mal?" Sie wird doch nicht schon schlappmachen? Es ist gerade mal Viertel nach acht. Bisher konnte der Rundgang nur wenig Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen.
Aber nicht doch, jetzt kommt Aigner erst richtig in Fahrt, denn sie nähert sich der Heimat, fast ist sie schon da, Aigner und ihr Tross passieren den "Meetingpoint Nord", kommen in die "Länderhalle", werden aber von einem älteren Herren im Anzug aufgehalten, es ist der Thüringer Minister für Landwirtschaft mit einem Blumenstrauß. Dann ist da noch ein Mann von der Senatsverwaltung Berlin/Brandenburg, sieben Minuten sind für ihn eingeplant, aber die gehen auch herum, und komisch: aus Niedersachsen ist niemand gekommen, sie zu begrüßen, aber das macht überhaupt nichts, denn da hinten ist es endlich: Bayern! Die Bedienung zapft liebevoll drei Maß, dazu spielt die Blasmusik vom Samerberg im wunderschönen Chiemgau, Aigner nimmt den Krug, führt ihn zum Mund, Blitzlichtgewitter, "Bayern grüßt Berlin" steht auf dem Transparent, das über ihren Kopf gehalten wird, aber nicht hoch genug, "a bisserl höher", raunt einer der Bierverantwortlichen den Untergebenen zu, jetzt passt's. Und das Bier schmeckt, es ist gebraut nach dem Reinheitsgebot, darin kommt keinerlei Dioxin vor, es ist das beste Bier der Welt, und die Welt schaut gleich ein wenig freundlicher aus.
Das Folgende ist nur mit einem kleinen Schnäpschen zu ertragen
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Stimmung stimmt, die Blasmusik verstummt, ein Heimspiel gewissermaßen: Aigner hält eine Rede. Es ist nur eine kurze Rede, aber es kommt ja auf den Inhalt an. Ja, es gibt Lebensmittelskandale, man werde da auch "hart durchgreifen", sagt Aigner, aber auch klarmachen: "Das ist nicht die Realität!" Die Realität, das sind die tollen Produkte hier auf der Messe, und es gibt "viele Schmankerl zu entdecken". Wo sie Recht hat, hat sie Recht! Gleich nebenan ein Stand mit Thüringer Bratwürsten und Thüringer Bier, und wer es probiert hat, der weiß: auch dieses Bier ist das Beste der Welt.Nach der Heimat wieder etwas Exotik, mit dem Shuttlebus geht es zur Halle sieben, beziehungsweise: nach Rumänien. Hier warten schon der Landwirtschaftsminister Valeriv Tabara, eine Musikgruppe und ein durchdringend aromatischer Wurstgeruch, der eigentlich nur mit einem kleinen Schnäpschen zu ertragen ist, so früh am Tag schlägt einem so ein intensiver Geruch sonst auf den Magen. Die Musiker geben sich viel Mühe, es wird auch hier Akkordeon gespielt, dazu erklingt eine Art Schreigesang. Es ist vom Standort des Reporters leider nicht zu erkennen, ob Ilse Aigner auch hier ein alkoholisches Getränk angeboten bekommt, zu dicht drängen sich die Kollegen um die Ministerin, die in diesem Pulk manchmal minutenlang geradezu verschwindet. Deshalb kann es auch nicht ausgeschlossen werden, dass Aigner zwischendurch unbemerkt die Veranstaltung verlässt, um irgendwo mal schnell hart durchzugreifen oder das eine oder andere Ultimatum zu stellen, zuzutrauen wäre es ihr.
Der Besuch beim Stand von Südtirol ist dann auch fast schon wieder ein Heimspiel, erstaunlicherweise ist hier kein Akkordeon zu hören, dafür auch hier ältere Herren in Anzügen. Und Weißwein. Ein unbestreitbar feiner Tropfen. Danach ein leckeres Stück Emmentaler aus der Schweiz von lustiger Hackbrettmusik begleitet und selbstverständlich einem Akkordeon. Fünf Minuten dann für den Minister für Landwirtschaft aus der Ukraine, schade eigentlich, hat sich die Ukraine doch viel Mühe gegeben mit jungen Menschen in landestypischer Tracht und einem schönen Transparent: "Das Ministerium für Agropolitik und Ernahrüng der Ukraine begrüßt Sie". Vielen Dank, und vielen Dank auch für den am Rande ausgeschenkten ukrainischen Wodka, bekanntlich der beste Wodka der Welt, wie auch der am österreichischen Stand ausgeschenkte Veltliner sich nicht zu verstecken braucht.
Die Sorgen schwinden. Heiter passieren wir Litauen
Sinnlos dann eigentlich der Zwischenstopp in Halle 9, der "Blumenhalle". Sieht zwar schön aus, aber weder kann man die Blumen essen noch trinken. Da lobt man sich Ungarn, das ist "traditionell köstlich", Salami und ein Klarer, und am tschechischen Stand wird das nun aber wirklich beste Bier der Welt ausgeschenkt, Aigner probiert, nickt. Es ist nicht von der Hand zu weisen: die Sorgen schwinden. Heiter passieren wir Litauen, Norwegen, Schweden, Estland, Lettland, Aserbaidschan, Georgien und Moldawien, darauf Marokko, dann aber stockt die Reise: es gibt ein kleines Problem mit den Russen.
Es ist nämlich so: In Halle 2.2 ist ein Treffen mit der russischen Landwirtschaftsministerin Elena Skrynnick vorgesehen, die befindet sich aber noch irgendwo im hinteren Teil der Halle, weil es ja unmöglich sein kann, dass sie am Eingang auf Aigner wartet wie bestellt und nicht abgeholt. Andererseits kann es aber auch unmöglich sein, dass Aigner die Halle betritt und dann auf Skrynnick wartet. Hektische Telefonate der Delegationen - es muss jetzt geschafft werden, dass beide Ministerinnen gleichzeitig die Halle betreten, wobei eine leichte Verzögerung der eigenen Ministerin eher in Kauf genommen werden kann als ein Warten auf die andere. Dazu soll russische Volksmusik spielen.
Skrynnick wird schließlich mit der Ansage zum Eingang gelockt, Aigner sei praktisch schon da, dann ist Aigner aber doch noch nicht da und das Lächeln der Russin droht für Sekunden einzufrieren, dann aber ist Aigner doch gekommen, großes Hallo, Applaus der Russen, die Musikgruppe spielt, Aigner und Skrynnick gehen gemeinsam in die Tiefe der russischen Ausstellungshalle, hier gibt es viel zu entdecken und über den russischen Wodka weiß man ja, dass er von ganz außergewöhnlich hoher Qualität ist. Jedenfalls ist Ilse Aigner dann plötzlich verschwunden.
Der Tross, dem sich der Reporter nach einem kleinen informativen Abstecher ins russische Angebot in der festen Überzeugung angeschlossen hatte, es handle sich dabei um Aigners Journalistenpulk, entpuppt sich als russischsprachige Medientruppe, die ausführlich Aufnahmen von einem älteren, korpulenten Mann macht, offenbar ein russischer Funktionär, aber auch dieser: höchst sympathisch.
Wie man überhaupt ein rundweg positives Fazit des Rundgangs mit Ilse Aigner über die Grüne Woche ziehen kann, soll sie nur alleine weiterziehen: mit der Ernährung, das wird schon, die macht das schon, die Ilse, die hat das im Griff, da können wir alle ganz zuversichtlich sein, und das Getränkeangebot ist hervorragend. So viel ist sicher. Und jetzt mal sehen, ob sich hier irgendwo etwas zu essen auftreiben lässt.
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