Miosgas erste "Tagesthemen" "Wir sehen uns dann morgen wieder"

Dass die "Tagesthemen" noch einmal so viel unverfälschte Weiblichkeit erleben dürfen: Ein Genuss! Caren Miosga hat ihre erste Sendung mit Bravour absolviert. Sie ersetzte Anne Wills kühle Erotik durch liebliche Süße - und lüpfte sogar öfter die ironische Augenbraue.

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Zuletzt tat sie einem fast ein bisschen Leid. Wie das beste neue Pferd im Stall wurde Caren Miosga vor ein paar Tagen auf einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit zugeführt.

Einer Pressekonferenz! Als wäre eine neue Nachrichtenmoderatorin so etwas wie ein Popstar, der vor den versammelten Journalisten Rede und Antwort über seine intimsten Belange stehen muss.

Miosga (im "Tagesthemen"-Studio): "Ich wäre traurig gewesen, wenn Du diese Frage nicht gestellt hättest"
DPA

Miosga (im "Tagesthemen"-Studio): "Ich wäre traurig gewesen, wenn Du diese Frage nicht gestellt hättest"

Und natürlich kamen die Fragen, die jeder erwartet hatte, ohne die es nicht ging in diesem sorgsam einstudiert wirkenden Medienballett. Die schlimmste stellte prompt Inka Schneider, Miosgas Nachfolgerin beim NDR-Medienmagazin "Zapp": Ob es denn eine große Umstellung sei, vom nischigen ARD-Kulturjournal "Titel, Thesen, Temperamente" zu den großen, seriösen "Tagesthemen" zu wechseln? Da müsse man jetzt ja den Politikteil der Zeitung vor dem Feuilleton lesen.

Was man wissen muss: Schneider war auch mal auf der Will-Nachfolge-Liste der ARD. Aber nur ganz kurz. Miosga parierte das unverschämte Klischee jedenfalls mit beißender Ironie, die Hoffnung machte: "Danke, Inka", sagte die 38-Jährige aus Niedersachsen, "ich wäre traurig gewesen, wenn Du diese Frage nicht gestellt hättest."

Hoffnung worauf? Auf eine "Tagesthemen"-Moderatorin, die den chronisch blassen Tom Buhrow so schön komplementiert wie Anne Will, deren präzise Interviews einem manchmal kalte Schauer über den Rücken jagten und eitle Politiker so unprätentiös ins Leere laufen ließen.

Anne Wills ganze Kommentarfunktion als "Tagesthemen"-Moderatorin lag im listigen Lüpfen einer Augenbraue. Das war simpel, aber perfekt. Denn viel Raum haben die Moderatoren nicht zwischen den Maz-Filmen in der knappen halben Stunde.

Ja, es geht hier tatsächlich um etwas. Es ist nicht egal, von wem man sich spätabends ins Bett geleiten lässt, wer einem quasi als Sandmännchen für Erwachsene mit Nonchalance und Weltläufigkeit signalisiert: Die Welt versinkt mal wieder im Chaos, aber machen Sie sich keine Sorgen, wir wissen Bescheid und haben alles im Griff.

Keine Kontrolle über die Brauen

Ulrich Wickerts "geruhsame Nacht" war die Essenz dieser "Guten Abend, gute Nacht"-Dienstleistung, für die das Hauptnachrichtenformat der ARD seit fast 30 Jahren wie keine andere News-Sendung im deutschen Fernsehen steht. Es braucht nur einen Namen, um dieses wohlige, weißhaarige Gefühl auf den Punkt zu bringen: Hanns-Joachim Friedrichs. Die seriöse Knorrigkeit des Ur-Anchormans haben sogar die seit 1985 erlaubten Frauen versucht zu kopieren: Sabine Christiansen und Gabi Bauer mit betonter Sachlichkeit, Anne Will durchs Spröde.

Und nun also Caren Miosga, oder "Carmen", wie sie vom publizistischen Altherren-Salon "Cicero" unlängst hartnäckig über Artikellänge genannt wurde. Caren Miosga, die Männer angeblich "irgendwie süß" ("Cicero") finden, so auf den ersten Blick.

Hat sie sich eine Grußformel für den Abschied überlegt? Stützt sie sich auf, wie ZDF-Kollege Claus Kleber? Oder hält sie sich an der Pultkante fest wie Peter Kloeppel bei RTL? Und vor allem: Lüpft sie gar - infam und plagiatorisch - eine Braue?

Prophylaktisch hatte sie in Interviews schon mal zu Protokoll gegeben, dass sie über ihre Brauen keinerlei Kontrolle habe. Die machten, was sie wollen. Laut Tom Buhrow, der seine neue Kollegin euphorisch über den grünen Klee lobt, sitze ihr der Schalk jedoch eher in den Augen, von denen eines übrigens manchmal größer wirke als das andere. Angeblich.

Süß - aber ganz sicher nicht harmlos

Um 22.16 Uhr war klar: Caren Miosga beherrscht das Augenbrauenspiel mindestens so gut wie Anne Will. Sie kann sogar beidseitig lüpfen.

Dazu blinzelt sie ganz entzückend mit großen runden Augen, aber das kann bei dieser aufregenden Premiere auch der Nervosität geschuldet gewesen sein. Ihre Stimme ist lieblich und hell. Ganz anders als Anne Will, die in tiefer Tonlage eine kühle Erotik verströmte, wirkt Caren Miosga mit ihrer kecken Kurzhaarfrisur vor allem sympathisch. Lustig, wie es manchmal in ihren Mundwinkeln schelmenhaft zuckt, wie die ganze Augenbrauenpartie ab und zu in eine joviale Wellenbewegung verfällt. Süß, ja wirklich: Süß ist das Wort, was von dieser ersten Miosga-Sendung wohl am ehesten hängen bleibt.

Süß, aber ganz sicher nicht harmlos. Der neue Airbus-Chef Thomas Enders, den Miosga interviewte, musste sich mehrere hartnäckige Nachfragen gefallen lassen und konnte sich nicht in Wischiwaschi-Floskeln retten. Das Gespräch wurde vorher aufgezeichnet, aber so viel doppelter Boden sei bei der ersten Sendung erlaubt.

Viel Gestik und Mimik von Anne Will abgeguckt

Es folgte die neue Debatte über das deutsche Stammzellgesetz, das Erdbeben in Japan, schließlich die bunte Meldung, ein kleiner Report über Großstadt-Aussteiger auf der Schweizer Alp. Miosga meisterte all das mit professioneller Ruhe und glaubwürdiger Kompetenz. Manchmal merkte man, dass sie sich viel Gestik und Mimik von Anne Will abgeguckt hat. Manchmal schienen die Sätze ein bisschen zu lang für ihren kurzen Atem, und wenn sie zu ihrem Nachrichtensprecher Marc Bator überleitete, dann wirkte ihr Kopfnicken noch ein bisschen schüchtern.

Aber das sind Nickeligkeiten. Wer hat schon erwartet, dass gleich der erste Auftritt ein Aufstampfen sein würde? Ein kerliges Alpha-Mädchen ist Caren Miosga nicht, das wusste man vorher.

Sie hat den "Tagesthemen"-Test trotzdem bestanden, mit Bravour. Hat sie ihren eigenen Stil mitgebracht? Definitiv. Dass die alte Gouvernante des ARD-Programms noch einmal so viel unverfälschte Weiblichkeit erleben darf, ist ein Genuss. Mal sehen, wie lange es dauert, bis sich das abschleift. Solange lassen wir uns von Caren Miosga eine gute Nacht wünschen. "Wir sehen uns dann morgen wieder, um 22.15 Uhr", sagte sie in ihrer charmant schlichten Schlussfloskel, "bis dahin."

Gerne.


Korrektur: In einer ersten Version hieß es, Caren Miosga habe den neuen EADS-Chef Thomas Enders interviewt. Tatsächlich ist er der neue Airbus-Chef.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
kentender 17.07.2007
1. Hämeverlust
Nasowas! Der SPIEGEL ist so verliebt in die ja wirklich bezaubernde Frau "Carmen", dass ihm der Hämevorrat ausgegangen ist und er erbarmungslos lobt. Na endlich! Weiter so! Es wird doch!
nillivanmilli 17.07.2007
2. Lang ist's her,
als Nachrichten noch mit schulmäßigem Journalismus zu tun hatten und die Bevölkerung vor Meinungsäußerungen durch vorherige Ankündigung, "Achtung Kommentar", geschützt wurde. Heute.... spar ich mir.
MissMolly, 17.07.2007
3. Zweifelhaftes Kompliment
Zitat von sysopDass die "Tagesthemen" noch einmal so viel unverfälschte Weiblichkeit erleben dürfen: Ein Genuss! Caren Miosga hat ihre erste Sendung mit Bravour absolviert. Sie ersetzte Anne Wills kühle Erotik durch liebliche Süße - und lupfte sogar öfter die ironische Augenbraue. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,494776,00.html
Ich frage mich ernsthaft, ob man die Formulierungen "Erotik" und "liebliche Süße" auch für einen männlichen Sprecher verwendet hätte. Nein, eigentlich frage ich mich das natürlich nicht, aber ich finde es mal wieder bezeichnend, dass man bei einer Frau gleich wieder mit der schwärmerischen Erotikschiene anfängt. Genervte Grüße, MissMolly
tollhans, 17.07.2007
4. Guter Start, bestimmt noch steigerungsfähig
Ein bisschen Nervosität war noch drin, was man an der einen oder anderen Betonung hörte. Das schelmische Lächeln bei bestimmten Anmoderationen könnte gelegentlich etwas spöttischer ausfallen. Ach ja: diese Augen! Da braucht es volle Konzentration, um auch noch die Nachrichten aufzunehmen (weiß schon: alter Chauvi).
cityspeaker2000 17.07.2007
5. Bravo Borcholte!
Ich bin begeistert. Nicht nur von der neuen TT-Tante und ihrer wirklich gelungenen Premiere, sondern vor allem von der lässig-spritzig formulierten Reporte des Andreas Borcholte. Das ist journalistische Hochkultur. Ein Lesegenuss erster Güte. Gerne wieder.
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